Jubiläumsmarken: Das Tausendjährige Goslar
Eine Bürgerparade in historischen Kostümen: Der Festzug zur Tausendjahrfeier führt über den Goslarer Marktplatz.
Als die Stadt 1922 ihren runden Geburtstag feiert, bedeutet dieses Datum zugleich ein Fest für die Sammler von Reklamemarken. Auch wenn dessen Hochzeit eigentlich seit dem Ersten Weltkrieg schon wieder vorbei ist. Ob mit schmalem Weberturm, bauchigem Achtermann, historischem Rathaus, Breitem Tor, mit Kaiserpfalz, Rammelsberg, Bäckergildehaus oder dem schwerttragenden Kaiser Friedrich Barbarossa: Das „Tausendjährige Goslar“ feiert sich selbst – und wird mit Jubiläumsmarken gefeiert, die allesamt Goslar-Motive zieren. Ob ein dem Rathaus zugewandter Recke in Rüstung den berühmten Ritter Ramm darstellen soll? Fachleute sind gefragt. Auf einer anderen Marke erinnert ein flötender Spielmann aber doch sehr an den Rattenfänger von Hameln. Sei’s drum ...
In der Harzer Sammlung, die der frühere „Stern“-Auslandsreporter und gebürtige Wernigeröder Peter-Hannes Lehmann, wie berichtet, dem früheren Außenminister und gebürtigen Goslarer Sigmar Gabriel überlassen hat und die später im Stadtarchiv ihren Platz finden soll, bilden diese Jubiläumsmarken einen Goslarer Schwerpunkt. Vier von ihnen sind auf dieser Seite abgebildet. Zeitlicher Zufall ist, dass Lehmann seine Marken just im mittelbaren Vorfeld von Feiern der Stadt Goslar übereignet, die 2022 zum 1100.Geburtstag der Stadt geplant sind. Tatsache ist, dass die Goslarer lange nichts mehr vom aktuellen Stand der Überlegungen gehört haben.
Blende zurück ins Jahr 1922: Was hat die Stadt damals alles auf die Beine gestellt. Und einfach hatten es die Goslarer nicht. „Die Feiern zum tausendjährigen Bestehen der Stadt sollten dem Ort und seiner Umgebung zu neuem Schwung in krisenhaften Zeiten verhelfen“, schreibt der Hannoveraner Historiker Dr.Peter Schyga in seinem 1999 erschienenen Buch „Goslar 1918 bis 1945“.
Ein Jubiläum lässt grüßen: Das Bäckergildehaus, das oberhalb vom Fleischscharren an der Marktstraße steht, ziert eine der Sondermarken zum Fest.
Ja, den Menschen ging es 1922 wahrhaft nicht gut. Aber fürs Festjahr ließen sich die Goslarer denn doch eine Menge einfallen. Zehn Ausschüsse beschäftigten sich mit der Organisation. Die Feierlichkeiten sollten am 1.April 1922 beginnen und im August/September mit einem Sportfest und einer wissenschaftlichen Woche enden – mit dem Glanzlicht eines Festumzuges am ersten Juli-Wochenende. Die Aktivitäten, schreibt Historiker Schyga, sollten repräsentativ sein, aber eben auch kostenneutral; Händler und Wirte wollten von den Gästen profitieren, doch die Preise sollten nicht abschreckend erhöht werden. Kommen diese Gedanken einem nicht seltsam aktuell vor?
Um eine breite Öffentlichkeit zu erreichen, führt Schyga weiter aus, wurde kräftig die Werbetrommel gerührt: „188 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Verbänden wurden eingeladen, vom Reichspräsidenten Ebert und etlichen Abgeordneten des Reichstags und der Landtage über Zeitungsverleger, Verbandsfunktionäre und Industrielle bis hin zu Hindenburg. Die Zahl der Absagen hielt sich in Grenzen, nur die oberste Reichsprominenz war verhindert.“ Und jetzt kommt es: „Finanziert wurden die Veranstaltungen und die erforderliche Werbung über den Vertrieb von Postkarten und Siegelbriefmarken, über das Eintreiben von Spenden und freiwillige Dienste.“
Wer Stadt sagt, meint auch den Berg(-bau): Goslar und sein Rammelsberg sind nicht erst seit gemeinsamen Welterbe-Zeiten untrennbar verbunden. Repros: Knust
Die Stadt kam noch auf andere außergewöhnliche Ideen, um Geld in die Kassen zu bekommen. Nein, keine Bettensteuer und auch keine Tourismusabgabe. Aber in den öffentlichen Gebäuden, an denen der Festzug vorbeimarschieren sollte, wurden die Fensterplätze vermietet. Zwischen 50 und 125 Reichsmark – je nach Sicht. Sie waren laut Schyga teurer als Eintrittspreise für Heuers Goslar-Drama, bei dessen Premiere die Zuschauer zwischen 12 und 50 Reichsmark zu zahlen hatten. Unter der Woche wurden die Preise halbiert. Heuer bekam 1000 Reichsmark an Honorar. Für die Drucklegung im Auftrag und auf Kosten der Stadt fehlten aber am Ende die Mittel. Oder wie Schyga urteilt: „Die Gagen für das Ensemble des Hildesheimer Theaters, das für die Aufführung gewonnen werden konnte, wurden durch die Eintrittsgelder kaum gedeckt. Der Stadthaushalt wurde durch die Feierlichkeiten nicht entscheidend belastet, weil viele Initiativen der Bürger der Stadt keine öffentlichen Kosten verursachten.“ Mal schauen, wie es in zwei Jahren ausgeht...
Bühne frei für den „Ratsherrn von Goslar“: Das Schauspiel in vier Aufzügen aus der Feder von GZ-Schriftleiter Walter Heuer wird vom Ensemble des Hildesheimer Theaters auf dem Marktplatz aufgeführt. Fotos: Archiv
Der Schwerpunkt der LehmannSammlung liegt nicht unbedingt auf Goslar. Der gebürtige Wernigeröder hat viele Marken gerade aus dem Ostharz zusammengetragen.
Für Briefmarkenreihe von Frank Heine
Für Briefmarkenreihe von Frank Heine