Jagd und Borkenkäfer: Ehemaliger Leiter kritisiert Nationalpark
„Über allen Gipfeln ist Ruh’“, dichtete Goethe einst: Im Nationalpark und im übrigen Harz tobt derzeit allerdings ein Streit über den Borkenkäfer. Die Jagd ist ein weiteres Thema, das den früheren Nationalparkleiter Dr. Barth bewegt. Foto: dpa
Harz. Der Nationalpark lässt ihn nicht los: Dr. Wolf-Eberhard Barth leitete das Westharzer Schutzgebiet von 1994 bis 2004. Vor zwei Jahren monierte er Trophäenjagden im seit 2006 länderübergreifenden Park. Die Landesregierung in Hannover wies den Vorwurf als „gegenstandslos“ zurück. Jetzt meldet sich Barth abermals mit heftigen Attacken.
Andreas Pusch (63), Leiter des fusionierten Nationalparks, nennt die Vorwürfe „skurril“, „entlarvend“ und „abenteuerlich“. Was Barth, der abwechselnd in Schulenberg und Südafrika lebt, zu sagen hat, trifft das Schutzgebiet ins Mark seiner Grundsätze. Seine Anklage schrieb er in einem vierseitigen Leserbrief nieder und verwies am Ende auf sein Buch („Affentheater – die Evolution entlässt uns nicht aus unserem Psychotop“).
Im Kern hält der Forstdirektor i.R. seinem Nachfolger vor, nichts gegen die, wie er sagt, „Käferkatastrophe“ zu tun. Man muss es so formulieren: Der Mittsiebziger wittert mit Blick auf den Borkenkäfer eine Verschwörung. Es gebe Kräfte, die dem Westharz schaden wollten (siehe Bericht unten).
Barth meint, der Nationalpark bekämpfe den Borkenkäfer zu wenig und vernachlässige den Waldwandel hin zu mehr Mischwald. Er beschreibt, wie der Borkenkäfer zu seiner Zeit bekämpft worden sei, begleitet von einem Waldumbau. Damit ist gemeint, dass anstelle der Fichte, die vielerorts im Harz nicht heimisch ist, Laubbäume gepflanzt werden. Nur an solchen Stellen mit heimischen Laubbäumen als Mutterbäumen entstünden „wirklich naturnahe Mischwälder“. Barth sagt: „Jeder forsthistorisch einigermaßen kundige Förster weiß das!“
Im Borkenkäfer und darin, dass der Nationalpark ihn weitgehend gewähren lasse, sieht Barth nicht das einzige Problem. Er habe „von Insidern“ gehört, dass ungeübte Jäger unterwegs seien. Daher gebe es „völlig inakzeptable Rotwildbrachialjagden“ und „bestialische Tierquälereien“. Barth fährt schweres Geschütz auf. Da scheint es folgerichtig, dass er fordert, „unabhängige Fachleute“ müssten den Nationalpark überprüfen, nicht nur, weil „unerfahrene Jäger nach Gutsherrenart“ wüteten. Er erhebt zudem den Vorwurf, sie würden „gegen Bares eingebucht“, das soll heißen: Wer Geld bezahlt, darf schießen.
Zum Borkenkäfer: Der wütet derzeit in den Wäldern, wie kaum zuvor. Die Trockenheit hilft ihm, sich prächtig zu vermehren. Auch dort, wo es keinen Nationalpark gibt, klagen die Förster über den Käfer, der die Nadelbäume derart schädigt, dass sie absterben und nur öde Stämme zurückbleiben.
Abgesehen von dem fatalen Bild, das die toten Stämme abgeben, richtet der Borkenkäfer in Nationalparks, anders als in Wirtschaftswäldern, in denen Holz verkauft werden muss, keine Schäden an. Im Nationalpark Berchtesgaden sprechen sie vom Käfer nicht in Schreckensbildern. Sie sehen in ihm ein Insekt, das hilft, die ortsfremde Fichte zu beseitigen. Im besten Fall, heißt es, wachse bunter Mischwald nach.
Andreas Pusch ist seit der Nationalparkfusion 2006 Leiter des Schutzgebietes, er stammt aus dem Westen. Übersieht er die Ost-Intrige im Nationalpark, ebenso wie Umweltminister Olaf Lies (SPD) in Hannover? Lies hat den Nationalpark kürzlich besucht, um sich über den Borkenkäfer zu informieren, er fand viel Lob: „Aus einem Wirtschaftswald wird ein Naturwald. Fichten-Monokulturen verschwinden, Laubbäume kommen.“ Bei der Minister-Visite wurde daran erinnert, dass im Grenzbereich zwischen Nationalpark und Landesforsten, die vom Holzverkauf leben, der Borkenkäfer bekämpft wird.
Zurück zu Barth und seinen Attacken: Pusch nennt sie „schwerwiegend“. Barth ignoriere, dass „in der jüngeren Vergangenheit immense Anstrengungen unternommen“ wurden, „um die natürliche Waldentwicklung zu unterstützen“. Pro Jahr seien zuletzt etwa eine halbe Million Laubbäume gepflanzt worden.
Über die Jagd sagt Pusch: Im Harz lebe zu viel Rotwild, das die Laubbäume schädige. Die Bestände müssten reguliert werden. „Streng nach Regeln“ werde das Wild erlegt. Die Revierleiter empfänden die Behauptungen von Barth als „unverschämt“. Dass Geld eine Rolle spiele, sei „die glatte Unwahrheit.“
Barth übt nicht nur Kritik. Er hat zudem einige Tipps für den Tourismus. Acht bis zehn „Wildtierbeobachtungsstationen“ im Westharz. „Wenn das geschickt angestellt“ werde, könnten eine Million zusätzliche Gäste in die Region kommen.
Pusch geht darauf nicht ein. Dafür erlaubt er sich, eine Bemerkung zu einer Schilderung aus der guten alten Zeit. Barth lobt Phasen der „Nichtbejagung“, in der das Wild zur Ruhe kommen konnte. „Erfahrene Waldarbeiter“ hätten Hirsche früher an Wildfütterungsstellen anfassen, ihnen zur Abwurfzeit die Stangen vom Kopf nehmen und den jungen Tieren ihr Alter aufs Fell sprühen können. So sollten sie vor eifrigen Jägern geschützt werden.
Pusch sagt dazu: „Und eines gehört zum Management heute ganz gewiss nicht mehr dazu: Fütterungen, um den Hirschen die Stangen abzunehmen oder ihnen Farbnummern auf die Decke zu malen.“ Es habe, sagt der Nationalparkleiter, „Weiterentwicklungen“ gegeben.
Andreas Pusch
Dr. Wolf-Eberhard Barth