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Interview mit Eleonore Weisgerber

Interview mit Schauspielerin Eleonore Weisgerber

Schauspielerin Eleonore Weisgerber im Niedersächsischen Hof in Goslar: Beim Kaisermahl hält sie eine Tischrede zu Ehren von Barbara Kruger.  Foto: Kleine

Schauspielerin Eleonore Weisgerber im Niedersächsischen Hof in Goslar: Beim Kaisermahl hält sie eine Tischrede zu Ehren von Barbara Kruger. Foto: Kleine

Goslar. Sie ist bekannt durch viele Rollen im Fernsehen und auf der Theaterbühne – Schauspielerin Eleonore Weisgerber (72). Zuletzt spielte sie eine tragende Rolle in der ARD-Verfilmung eines Romans über Ottilie von Faber-Castell. Beim Kaisermahl im Vorfeld der Kaiserring-Verleihung für moderne Kunst war Eleonore Weisgerber am Wochenende als Tischrednerin zu Gast in Goslar. GZ-Chefredakteur Jörg Kleine ging mit ihr ins Interview – über Schauspielerei, moderne Kunst und Frauenbewegung.

Montag, 23.09.2019, 14:08 Uhr

Nein, ich war schon einmal hier und habe auch einiges besichtigt.

15 Jahre, 20 Jahre – ich kann das gar nicht mehr genau sagen.

Zunächst muss ich erläutern, dass der Film nicht dokumentarisch angelegt ist, sondern auf dem Roman von Asta Scheib basiert: „Eine Zierde in ihrem Hause“. Asta Scheib hat sicher sehr gut recherchiert, aber aus dem Stoff dann einen Roman gemacht. So hat es auch die Familie Faber-Castell gerne gesehen, klarzumachen, dass der Film auf diesem Roman basiert – und nicht exakt auf den historischen Begebenheiten.

Ich bin sehr glücklich, dass mir in den letzten Jahren immer wieder sehr interessante Figuren angeboten werden. Ich möchte es so ausdrücken: Endlich darf ich auch diese Rollen aus dem Charakterfach spielen. Ein anderes Beispiel ist der Kinofilm „A Gschicht über d‘Lieb“, in dem ich eine badische Bäuerin spiele.

Meine Interpretation ist da sehr differenziert: Meine Figur, also die Ottilie senior, ist im Grunde sehr überzeugt davon, dass auch eine Frau dieses Unternehmen führen kann. Sie macht es als Witwe ja selbst über Jahre hinweg. Aber aufgrund ihrer eigenen Biographie hat sie Angst: IhrSohn hat die Last als Chef im Unternehmen nicht ertragen...

Das bleibt im Film ja offen. In jedem Fall aber macht sich Ottilie senior Sorgen um ihre damals noch minderjährige Enkelin, die mit vollem Engagement an die Arbeit geht und parallel ein Kind nach dem anderen zur Welt bringt. Die Großmutter weiß natürlich, wie schwer es für eine Frau ist, gegen diese ganzen Männer anzukämpfen, die die Frauen nicht nur zur damaligen Zeit, sondern auch heute noch in vielen Situationen nicht wirklich für voll nehmen. Ottilie senior sagt sich deshalb: Okay, ich bin alt genug, ich kenne diese ganzen Herren hier im Kreis, sie sind alle jünger als ich, und das werde ich wohl hinkriegen. Aus meiner Sicht ist Sie absolut davon überzeugt, dass auch Ihre Enkelin dazu in der Lage wäre – aber sie möchte sie schützen. Sie hat einfach Angst, dass ihre Enkelin daran kaputt geht, zerrieben wird – als Mutter mit den ganzen Kindern, als Frau mit den ganzen Anfeindungen durch die Männer auf ihren Posten im Unternehmen.

Natürlich.

Das Schwierige ist ja, dass diese Begriffe inzwischen sehr leicht zum Schimpfwort mutieren können. Deshalb ganz einfach: Ich glaube, dass in dieser Hinsicht noch eine ganze Menge zu tun ist in unserer Gesellschaft. Das fängt an bei den Löhnen: Nach wie vor bekommen etwa Schauspielerinnen 30 Prozent weniger als männliche Kollegen für die gleiche Größe der Rolle. Insgesamt haben wir in Deutschland derzeit immer noch eine Gehaltslücke von 21 Prozent bei Männern und Frauen für die gleiche Arbeit. Auf der anderen Seite aber hat sich in Deutschland auch noch nicht viel verändert etwa in der Frage, wer in Partnerschaften für die Kinder verantwortlich ist.

Sehr ambitionierte Frauen kriegen all das hin, ich ja auch. Schließlich wollte ich mir selber und der Umwelt beweisen, dass man dies als Frau alles schaffen kann – eine Familie haben, zwei Kinder großziehen und einen Beruf ausüben. Aber muss das alles so sein? Ich kenne viele Frauen, die in der Geschäftswelt erfolgreich sind, aber sie haben alle davon gesprochen, dass man irgendwann in eine Situation kommt, in der bestimmte Männer – ich will das jetzt bewusst nicht verallgemeinern – auf beruflicher Ebene den Schulterschluss suchen und sagen: Na, da wollen wir doch mal gucken, ob wir die Frau nicht kleinhalten können.

Die Schweden haben das ja beispielsweise angepackt. Und die Firmen mit einem höheren Frauenanteil haben allesamt festgestellt, dass dies den Unternehmen guttut, dass es eine große Bereicherung ist. Es muss in der Bevölkerung, insbesondere auch bei den Männern ankommen, dass mehr Frauen in den Firmen ein Gewinn sind. Mehr noch: Wenn mehr Frauen adäquat beschäftigt würden, hätten Männer auch mehr Zeit, sich um die Kinder zu kümmern. Das Bewusstsein muss sich also noch ändern, dass Frauen auch Führungspositionen sehr erfolgreich ausfüllen können.

Keine direkte. Ich habe ihre Arbeit als Künstlerin erst in den vergangenen Wochen intensiver studiert. Vor dem Hintergrund meiner Tischrede beim Kaisermahl habe ich mich dann insbesondere mit einem Motiv Barbara Krugers auseinandergesetzt: „I shop therefore I am.“ Also: „Ich kaufe, also bin ich.“ Über dieses Bild habe ich eigentlich begriffen, was manche zeitgenössischen Künstler bewegen wollen.

Ja, und sie wollen zur Diskussion anregen. Sie wollen den Finger in die Wunde legen. Sie wollen, das Menschen die Bilder nicht nur schön finden, sondern die Diskussion darüber anregen.

Um ehrlich zu sein, kenne ich dafür noch zu wenig ihres Werkes. Das muss ich einfach schamhaft eingestehen. Aber, und das ist ja auch Inhalt meiner Tischrede gewesen: Ich habe lange Zeit keinen Zugang gefunden zu zeitgenössischer Kunst. Aufgrund dieses Bildes und auch der Diskussion darüber, etwa in meinem Freundeskreis, muss ich sagen: Es ist ein ungeheurer Wert, wenn ein Bild bewirkt, dass man darüber stundenlang heftig debattiert. Kunst kann eben auch politisch sein, vielleicht war sie es auch schon immer. Und ich finde es wunderbar, dass eine Frau sich künstlerisch so konfrontativ mit unserer Welt und der Gesellschaft auseinandersetzt.

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