Zähl Pixel
GZ-Archiv

Interview mit Johannes Oerding: „Ich war der Jukebox-Johnny am Lagerfeuer“

<p>Man hat als Künstler die Verantwortung, sich zu positionieren“, sagt Sänger und Songwriter Johannes Oerding.  Foto: Olaf Heine</p>

<p>Man hat als Künstler die Verantwortung, sich zu positionieren“, sagt Sänger und Songwriter Johannes Oerding.  Foto: Olaf Heine</p>

Bewährt und doch neu: Lässiger Pop, starke Melodien und eine wiedererkennbare Stimme zeichnen auch „Konturen“ aus, das aktuelle Album von Johannes Oerding, der vor vier Jahren in Goslar bei Miner‘s Rock auf der Bühne stand. Zusätzlich wagt sich der 38-Jährige auf seinem sechsten Album erstmals auch an gesellschaftskritische und politische Texte. Mit dem Deutschpop-Musiker sprach GZ-Autor Steffen Rüth.

Freitag, 01.05.2020, 11:29 Uhr

Ich bin ein relativ paradoxer Mensch, insofern: meistens sehr gut. Als kreativ arbeitender Künstler könnte ich auf diese kindliche Energie, die in mir steckt, gar nicht verzichten. Ich bin immer irgendwo ein Junge geblieben. Wenn ich in den Spiegel gucke, denke ich „Da steht ein 15-Jähriger“. Ein 15-Jähriger mit Bart (lacht).

Meine Gelassenheit ist mit den Jahren gewachsen. Im Rückblick kann ich sagen, dass ich an vielen Stellen meiner letzten zehn, 15 Jahre hätte entspannter bleiben können und nicht gleich in Panik hätte verfallen brauchen. Was die Karriere angeht, kann ich einfach sehr schwer loslassen. Und als Songschreiber habe ich mir auf „Konturen“ hier und da Dinge erlaubt, die ich mir früher nicht erlaubt hätte, weil sie mir zu wenig mainstreamig waren. Um Themen wie Politik aufzugreifen, braucht man ein bisschen Lebenserfahrung. Es wäre wenig glaubwürdig gewesen, wenn ich den Leuten mit Mitte 20 schon die Welt erklärt hätte.

Ich versuche eigentlich, in jedem Lied mindestens zwei große Gefühle unterzubringen. Auch bei „An guten Tagen“ gibt es vorne raus die Euphorie, aber dann eben allerdings auch die Wehmut, dass nicht alle Tage gut sein können. Mit „Alles okay“ wollte ich ausdrücken, dass gerade viel los ist, was auch Wunden aufreißt, aber dass wir gemeinsam da durchgehen müssen und die Narben irgendwann hoffentlich verheilen.

Ich finde, man hat als Künstler die Verantwortung, sich auch zu positionieren und seine Haltung zum Ausdruck zu bringen. Ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass die Politik mehr und mehr zu einem Steckenpferd von mir wird. Künstler sollen Fragen stellen, auch mal anpieksen. Natürlich sind auch auf diesem Album Songs, die dir ein Lächeln ins Gesicht zaubern sollen. Aber es sind auch einige Lieder drauf, bei denen man eher zuhört, als gleich auf die Tanzfläche zu rennen.

Ich bin sehr glücklich über diesen Song. „Blinde Passagiere“ ist voller Pathos, mein großer Adele-Moment quasi. Oder auch meine Version von Westernhagens „Freiheit“. Ich wollte mit der Nummer mal zeigen, dass ich singen kann (lacht).

Nein! Da verarbeite ich Geschichten, die ich im Familien- und Freundeskreis erlebt habe. Als ich Ina das Lied in einer Rohversion vorspielte, hat sie sofort angefangen, die zweite Stimme zu singen. Wir haben uns zehn Jahre lang versteckt, was gemeinsame Musik angeht, aber auf diesem Lied harmonieren unsere Stimmen einfach so perfekt, dass uns unser Geschwätz von gestern nicht mehr interessiert.

Ja, in dieser Hinsicht bin ich mir treu geblieben. Auf jedem Album gibt es pompöse Songs und auch sehr intime. Ich versuche nicht, einen roten Faden zu finden. Sondern nehme mir jedes Lied einzeln vor.

Sehr, sehr gut. Anfangs war ich etwas skeptisch, weil mir die Sendung beim Zugucken teilweise immer zu emotional war. Aber dann ist es nicht nur ein Riesenspaß gewesen, sondern auch ein sehr wichtiger Schritt für mich. Außerdem haben wir uns alle super verstanden.

Ja, einmal. Als Michael Patrick Kelly meinen Song „Heimat“ sang, sind mir die Tränen gekommen. Total vertraut war mir diese Lagerfeuer-Atmosphäre. So habe ich angefangen. Bei Jugendzeltlagern mit den Pfadfindern war ich immer der Gitarren-Johnny und der Jukebox-Johnny. Ich konnte 500 Songs auswendig und habe die Leute abends am Feuer mit Musik unterhalten.

Ja. Ich bin immer noch Mitglied und besuche die Kids sogar ab und zu. Jedes Jahr sind ungefähr 200 Kinder und Jugendliche aus meinem Heimatort Geldern am Niederrhein dabei. Mein Vater hat den Pfadfinderstamm damals gegründet, deshalb war ich von Anfang an dabei.

Ich habe mich bei Peter, zusammen mit meinem Kreativpartner Benjamin Derndorff, hauptsächlich um die Texte gekümmert. Wir haben uns über die Jahre durch „Tabaluga“ und sein „MTV Unplugged“-Album angefreundet und immer intensiver ausgetauscht.

Das ist gerade das Tolle. Peter ist in einer anderen Lebensphase, in die ich mich hineindenken kann, ohne mir selbst meine Geschichten wegzunehmen. So konnte ich andere Themen bearbeiten, als wenn ich für Kollegen schreiben würde, die in meinem Alter sind.

Ja. Einerseits wird die Luft ohnehin dünner, weil man viele Geschichten erzählt hat und sich nicht wiederholen will. Und zudem will man sich nicht ins Gehege kommen. Da muss man die Augen aufhalten. Wenn ich eine Idee für eine Zeile habe, dann schaue ich sogar im Internet nach, ob nicht einer von den anderen Jungs die auch schon benutzt hat. Denn das wäre ja peinlich (lacht).

 

Das für diesen Juni geplante Konzert von Johannes Oerding auf der Waldbühne Northeim wurde auf den 25. Juni 2021 verschoben. Es ist bereits ausverkauft. Für sein Open-Air am 12. Juni 2021 in Hannover gibt es noch Karten.

Die Redaktion empfiehlt
Diskutieren Sie mit!