Im GZ-Interview: Jennifer Teege, Enkelin von Amon Göth
<p>Am 24. Februar beim Frankenberger Winterabend: Im GZ-Interview spricht Jennifer Teege über ihr Leben als Enkelin von KZ-Kommandant Amon Göth. Foto: dpa</p>
Goslar. Jennifer Teege erfährt erst mit 38 Jahren, dass sie die Enkelin des aus „Schindlers Liste“ bekannt gewordenen Juden-Schlächters Amon Göth ist. Im GZ-Interview spricht sie über ihr Schicksal.
Seit dem Start der Frankenberger Winterabende vor 20 Jahren haben ohne Zweifel ungezählte interessante Menschen mit ihren persönlichen Geschichten oder spannenden gesellschaftlichen Themen für unvergessliche Stunden im Kleinen Heiligen Kreuz oder in der Frankenberger Kirche gesorgt. Am 24. Februar (20 Uhr) erzählt eine Frau von ihrem Schicksal, das schier unglaublich klingt und einen weiteren atemberaubenden Abend verspricht.
„Mein Großvater hätte mich erschossen“, sagt die dunkelhäutige Jennifer Teege und meint den sadistischen KZ-Kommandanten Amon Göth, der durch den Film „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg einem Millionen-Publikum bekannt geworden ist. Gerade erst von einer Buchmesse aus Jerusalem nach Hamburg zurückgekehrt, stand sie der GZ vorab telefonisch Rede und Antwort.
Der Zufall will es, dass Sie mit 38 Jahren in der Hamburger Zentralbibliothek aus einem Buch erfahren, dass Sie die Enkelin von Amon Göth sind. Der Opa ein KZ-Kommandant, der berüchtigte Schlächter von Plaszow. Wie haben Sie die Nachricht verarbeitet?
In verschiedenen Etappen. Heute kann ich sagen – ich komme jetzt auch gerade aus Israel –, dass es ein langer Prozess gewesen ist. Aber ein Prozess, der insofern erfolgreich ist, dass es mir heute deutlich besser geht als früher.
Ich habe schon öfter über die toxische Kraft von Familiengeheimnissen gesprochen. Dadurch, dass es kein Familiengeheimnis mehr ist, sondern etwas ist, das man bearbeiten kann, findet man auch Lösungen. Natürlich nicht von heute auf morgen. Aber alles zusammen, ist der Prozess nicht abgeschlossen. So etwas gibt es nicht im Leben.
Das Leben ist ja zum Glück nicht linear, sondern besteht aus verschiedenen Etappen, an denen man an verschiedenen Themen in unterschiedlicher Art und Weise arbeitet. Aber es ist auf jeden Fall ganz viel passiert. Mittlerweile sind sechs Jahre vergangen. Das darf man nicht vergessen.
Sie haben es erwähnt, Sie waren gerade in Jerusalem auf der Buchmesse. Inwiefern spielte bei der Beschäftigung mit der Familien-Geschichte auch die Tatsache eine Rolle, dass Sie Israel nahe sind, sogar in Israel studiert haben?
Eine große Rolle. Jetzt gerade nach Israel zurückzukommen, fühlte sich – es ist zwar lange her, dass ich da studiert habe – aber auch wie ein Stück Heimkommen an. Schließlich spreche ich immer noch die Sprache und habe auch engen Kontakt zu den Menschen dort.
Ja, das ist schon eine nicht zu unterschätzende Tatsache. Wie es für mich natürlich auch damals schon bei der Entdeckung insbesondere am Anfang eine große Rolle gespielt hat. Es hat mich deshalb mehr betroffen gemacht als jemanden, der keinen direkten Bezug zum Land hat.
Sie haben später in Plaszow Blumen niedergelegt, aber sich dort nicht zu erkennen gegeben. Warum?
Ich war allein da. Es gab jetzt niemanden, dem ich mich zu erkennen hätte geben können.
Als Sie von Ihrer Abstammung erfuhren, konnten Sie Ihre Adoptiveltern anschließend lange Zeit nicht mehr Mama und Papa nennen. Was hat diese Reaktion ausgelöst?
Ich nenne sie bei ihren Vornamen, was aber auch eine Entwicklung ist, die jetzt nicht unmittelbar erst angefangen hatte mit der Entdeckung des Buches. Mein Adoptivvater ist inzwischen verstorben, meine Adoptivmutter lebt noch. Das ist, so hatte ich es mal beschrieben, ein deutlich authentischeres Verhältnis, was sich verändert hat, aber nicht zum schlechteren.
Als Sie vier Wochen alt waren, gab Sie Ihre leibliche Mutter in ein Säuglingsheim. Haben Sie ihr das je verziehen?
In diesem Fall gab es nichts zu verzeihen. Die Umstände sprechen für sich. Die Tatsache, dass ich weggegeben worden bin, beruhte in allererster Linie auf wirtschaftlichen Gründen, in der damaligen Zeit, den 70er Jahren. Und es war ja keine Entscheidung, die von heute auf morgen getroffen worden ist, sondern sich ergeben hatte, nachdem ich in der Pflegefamilie war und mich dort eingelebt hatte.
Noch einmal zurück zu Amon Göth: Ihre Oma, zu der Sie in den ersten Lebensjahren noch den engsten Kontakt von Ihren leiblichen Vorfahren hatten, hatte bis zu ihrem Selbstmord 1983 sein Bild über dem Bett hängen. Welche Worte finden Sie für die tiefe Verbundenheit zu einem solchen Menschen?
Naja, das ist das Bild von außen. Aber das ist ja nicht das innere Bild meiner Großmutter gewesen. Meine Großmutter muss etwas anderes gesehen haben.
Es war auch keine Tat, um nach außen etwas zu demonstrieren. Nein, es war ein inneres Bild, das sie sich erhalten wollte.
Ihr leiblicher Vater ist Nigerianer. Wie hat es sich über die Jahrzehnte in Deutschland mit dunkler Hautfarbe gelebt?
Unterschiedlich. Angefangen mit den 70er Jahren, in denen ich aufgewachsen bin, hat sich hier in Deutschland viel verändert. Das Straßenbild ist ganz anders geworden als damals. Auch in München, der Gegend, in der ich aufgewachsen bin. Da war das nichts, was selbstverständlich war. Und heute ist es, will ich mal sagen, deutlich normaler.
Zur Gegenwart: Welches Verständnis haben Sie von Menschen, die wie Pegida gegen zu viele Ausländer in Deutschland protestieren?
Ich finde, man sollte Unterschiedlichkeiten bei Menschen als etwas Positives empfinden. Aber viele haben Angst davor oder empfinden es als etwas, was sie bedroht.