Hornburg soll Unesco-Welterbe werden
Hornburg gilt als mittelalterliches Kleinod: In der Altstadt sind fast 400 reich verzierte Fachwerkhäuser erhalten geblieben – ein laut Memmert einzigartiges Ensemble in Deutschland. Die Anerkennung der Altstadt als Unesco-Welterbe soll dazu beitragen, ihren Erhalt zu sichern. Fotos: Kühlewind
Hornburg. Es ist eine große Herausforderung – aber für Hornburg vielleicht die einzige Möglichkeit, zu überleben: Die Anerkennung der Stadt als Unesco-Welterbe. Der Geburtsort von Papst Clemens II. wäre dann der Hamburger Speicherstadt, dem alten Weimar und dem Bergwerk Rammelsberg in Goslar ebenbürtig und stünde gemeinsam mit ihnen auf der Welterbeliste.
„Hornburg war eines der interessantesten Hopfenanbaugebiete. Wir sind der sonnenreichste Ort im Braunschweiger Land, der Hopfen hatte eine tolle Qualität. Hornburg ist durch den Hopfen steinreich geworden“, erzählt Memmert. So entstanden zahlreiche, zum Teil aufwendig verzierte Fachwerkhäuser in der Stadt. „Dann kam das Drama. Im 30-jährigen Krieg wurde ein Großteil zerstört“, weiß Memmert.
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Der Stadt gelang der Wiederaufbau – wie schon im Jahr 1512, als ein Feuer 120 Häuser vernichtet hatte. Doch als ein Verbot des Hopfenexports erlassen wurde, verarmte Hornburg, seine Entwicklung stoppte. „Weil es keine großen Brände mehr gab und auch keine Zerstörungen im Krieg, ist Hornburg geblieben, wie es war. Wie in einer Zeitkapsel“, sagt Memmert. Das geschlossene Stadtbild mit den rund 400 mittelalterlichen Fachwerkhäusern sei einzigartig in Deutschland. „Dieses Ensemble ist es wert, der Menschheit erhalten zu bleiben“, betont er und ergänzt: „Wir sind zu arm und zu klein, wir können Hornburg nicht erhalten. Wir brauchen dringend die Unterstützung von außen. Die Anerkennung als Welterbe ist ein Versuch, Hornburg zu retten.“
Ganz neu ist die Idee nicht. Bereits vor zehn Jahren ließ Memmert von der MSP ImpulsProjekt GmbH ein Papier ausarbeiten mit dem Titel „Hornburg – ein Kandidat für die Unesco-Welterbe-Liste?“. Prof. Dr. Wolfgang Ebert beschrieb darin unter anderem den schwierigen Weg des langwierigen Anerkennungsverfahrens (siehe Hintergrund). Bereits in Jahr darauf wurde im Touristischen Masterplan Hornburg festgestellt: „Für eine außergewöhnliche Fachwerkstatt wie Hornburg in einem zudem naturräumlich außergewöhnlichen Umfeld besteht die Möglichkeit, den Welterbe-Status zu erlangen.“
„Der Verwaltungsausschuss hat damals beschlossen, das Anerkennungsverfahren zu starten“, erinnert sich Memmert. „Jetzt ist der Plan so weit gereift, dass wir diskutieren können, die ersten Schritte zu machen“, ergänzt Memmert und verweist auf die millionenschwere Unterstützung, die Hornburg aus Mitteln der Städtebauförderung erhält. Die Maßnahmen, die dadurch umgesetzt werden, würden dazu beitragen, „Pluspunkte für die erste Planungsphase zu sammeln“.
Memmert will jetzt die Bevölkerung von dem Vorhaben überzeugen und das Thema im Ortsrat Hornburg diskutieren. Dann müsse der Verwaltungsausschuss erneut eingebunden werden, ebenso der Landkreis. Die große Aufgabe aber bestünde darin, das Land Niedersachsen und den Bund zu gewinnen. Aufgrund der Kulturhoheit der Länder gilt es, zunächst die Niedersächsische Landesregierung vom Anerkennungsverfahren zu überzeugen. In ihrer Hand liegt es, Kandidaten für die nationale Vorschlagsliste zu benennen. Ist dies gelungen, verweigert die Bundesregierung in der Regel nicht die Aufnahme des Kandidaten in die nationale Vorschlagsliste.
„Die Entscheidung, welche der vorgeschlagenen Stätten in die Welterbe-Liste aufgenommen werden, hat allein das Unesco-Welterbe-Komitee zu treffen“, stellte Wolfgang Ebert fest. Die nationalen Listen würden dabei Schritt für Schritt abgearbeitet, wodurch die Kandidaten Jahr für Jahr nach oben rutschen, bis sie schließlich selbst zur Präsentation und Entscheidung vor das Welterbe-Komitee geladen werden. „Diese Präsentation bedarf einer sehr professionellen Vorbereitung und Durchführung“, betonte Ebert.
„Ein erfolgreicher Antrag würde reichen Gewinn einfahren. Das Label Weltkultur-Erbe genießt national wie international ein hohes Ansehen; ein Imagegewinn und eine Steigerung des Tourismus sind daher zu erwarten. Letztlich trägt der Antrag bei den meisten Standorten auch erheblich zur Steigerung der lokalen Identität bei, sowohl durch die Weiterentwicklung des lokalen Stolzes, wie auch durch das Überdenken der Planung für die zukünftige Entwicklung der Gemeinde“, lautete Eberts Fazit.
„Ich habe mir lange überlegt, ob ich das mache. Bis zur Anerkennung dauert das Verfahren zehn Jahre“, erzählt Memmert und gibt sich überzeugt: „Wir müssen es jetzt versuchen. Hornburg ist Welterbe, da kannste sagen, was de willst.“
„Es geht bei der Welterbe-Liste nicht um den Reiz, den die Exklusivität einer Hitparade den Auserwählten verleiht. Das eigentliche Faszinosum der Welterbe-Liste ist die Idee des gemeinsamen Menschheitserbes“, heißt es in dem Papier von Dr. Wolfgang Ebert einleitend. Das wichtigste Auswahlkriterium sei der „außergewöhnliche universelle Wert“ eines Kultur- oder Naturerbes. Wesentliche Kriterien seien die Einzigartigkeit, die historische Echtheit und die Unversehrtheit der Stätte.
Sollte Hornburg in die nationale Vorschlagsliste aufgenommen werden, sei die Zeit bis zur Entscheidung durch das Unesco-Welterbe-Komitee für die Formulierung des Antrags zu nutzen. Dazu gehöre auch ein überzeugender Erhaltungs- bzw. Managementplan, der die notwendigen Pflege- und Erhaltungsmaßnahmen beschreibt.
„Besonders wichtig ist, dass gezeigt werden kann, wie das Ensemble gegenwärtig und zukünftig lebendig weiterentwickelt wird und so eine hohe Relevanz für das Leben der Menschen bewahrt wird. Die Bürger sowie ihre politischen Vertreter sollten von Anfang an geschlossen hinter dem Antrag stehen und von seiner Sinnfälligkeit (überprüfbar) überzeugt sein“, heißt es weiter. Für eine kleine Stadt wie Hornburg gehe es nicht nur um die Verleihung eines imageträchtigen Labels. In der Praxis bedeute der Antrag wahrscheinlich die Überprüfung und mögliche langfristige Weiterentwicklung der gesamten Stadtplanung.
Mit der Anerkennung seien keine finanziellen Zuwendungen der Unesco verbunden. Vielmehr würden sich die betreffenden Regierungen verpflichten, die Schutz- und Erhaltungsmaßnahmen eigenständig zu finanzieren. Dies geschehe in einem gewissen Ausmaß durch die Bundesregierung, die zur Zeit etwa 70 Millionen Euro als Zuschuss für die deutschen Welterbe-Stätten ausgibt, heißt es in dem Bericht aus dem Jahr 2010.