Heilanstalt, Kinderheim und am Ende eine Ruine
Das „Lug ins Land“ (li. ) und das „Haus Braunschweig“.
Viel zeugt am Alten Kaiserweg nicht mehr von der Geschichte, die sich dort abgespielt hat: „Lug ins Land“, „Haus Braunschweig“, „Haus Husungsborn“ – alles Namen, die mit der Ruine in Verbindung gebracht werden, die jetzt abgerissen wird. Doch wie hieß das alte Haus wirklich, das nun so ein unrühmliches Ende gefunden hat?
Quellen gibt es nicht viele, die von der Geschichte am Burgberg-Fuß erzählen können. Erste Einblicke gewährt aber Harry Plaster, der hier nicht zum ersten Mal Bad Harzburger Historie beleuchtet. Im Rahmen einer Arbeit über Hotels in der Kurstadt hat er auch einen Text namens „Lug ins Land“ verfasst: So hieß das Haus am Alten Kaiserweg, das schon 1884 erwähnt wurde, in den 1980er Jahren abbrannte und wo jetzt ein Mehrfamilienhaus steht – also oberhalb der Ruine.
Plaster hat noch mehr herausgefunden: Eine private Heilanstalt soll dort untergebracht gewesen sein. Chroniken führen sie als „Institut für Diätistische- und Wasserheilanstalt“ auf. 1904 stand es dann als Hotel in einem Prospekt, bis in einer Chronik der Deutschen Rentenversicherung (DRV) die jetzige Ruine erstmals erwähnt wird.
1926 eröffnete die Landesversorgungsanstalt Braunschweig (LVA) –die später zur DRV wurde – „unterhalb des Burgberges“ das Kindererholungsheim „Husungsborn“. Das Haus diente laut DRV-Sprecher Wolf-Dieter Burde und der Chronik zur Erholung von „stark abgemagerten Kindern“, und nahm abwechselnd Jungen und Mädchen zu sechswöchigen Kuren auf: „Gute Verpflegung, der Aufenthalt in frischer Luft sowie Massagen und orthopädisch-gymnastischer Turnunterricht sollten die körperliche und geistige Konstitution verbessern“, heißt es weiter.
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1929 wurde „Husungsborn“ mit weiterer Einrichtung ausgestattet. Kinder, die an Erkrankungen des Knochengerüsts, der Verdauungsorgane und des Lymphapparates litten, wurden hier behandelt.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten und mit Beginn des Zweiten Weltkrieges nahm das Reichsarbeitsministerium das Haus in Anspruch. Plasters Recherchen ergaben hier, dass das Hamburger Jugendamt das „Lug ins Land“ – also das obere Gebäude – übernahm, um ein Heim für ausgebombte Kinder und Jugendliche zu bieten.
Nach dem Krieg verblieb laut Plaster das „Lug ins Land“ im Besitz des Hamburger Senats und der Jugendbehörde. Das Haus „Husungsborn“ nutzte ab April 1946 weiter die LVA Braunschweig als Heilstätte für Magen-, Stoffwechsel- und Schilddrüsenerkrankungen; das aber nur wenige Jahre, da Ausbaumöglichkeiten fehlten.
1962 verkaufte die LVA das Haus, das Hamburger Jugendamt integrierte es aufgrund Platzmangels ins „Lug ins Land“. Auch im „Haus Braunschweig“ wurden somit Kinder aus „milieugeschädigten Familien“ unterbracht, berichtet Uschi Schilling, die selbst dort neun Jahre wohnte. Die älteren Mädchen wohnten im „Haus Braunschweig“ zusammen mit den Erziehern, erinnert sie sich. Büro, Klassen- und Gruppenräume waren dort eingerichtet, eine Treppe führte zum Hauptgebäude des „Lug ins Land“.
Am 30. Dezember 1981 wurde laut Plaster – der noch zahlreiche Fotoalben aus der Kinderheim-Zeit hat – der letzte Schultag in dem Kinderheim eingeläutet. Das Hauptgebäude stand längere Zeit leer, bis am 14. April 1983 ein Brand das Gebäude vernichtete. Der Abriss folgte, 1999 kam der Neubau.
Das „Haus Braunschweig“ ging in Privatbesitz über, bis es zum Leerstand kam. Auch hier wüteten am 31. November 2015 die Flammen, am 8. Dezember 2018 sorgte der Sturm dafür, dass nur noch der Abriss übrig blieb.