H. C. Starck: Vier Gesellschaften für ein Werk
<p>Umstrukturierung bei H. C. Starck: Bis zum Jahreswechsel sollen vier neue Gesellschaften an den Start gehen. Archivfoto: Sowa</p>
Goslar. Was wird aus H. C. Starck? Die Führung des Chemieunternehmens will die Gesellschaftsstruktur massiv verändern. Die Beschäftigten treibt die Sorge um eine Zerschlagung des Betriebes.
Alles neu für 2016: Das Chemieunternehmen H. C. Starck ändert seine gesellschaftsrechtliche Struktur. Zum Jahreswechsel gehen vier selbstständige Gesellschaften für das Goslarer Werk an den Start. Was die Geschäftsführung mit der Stärkung der unternehmerischen Eigenverantwortung und strategischen Zielen bis 2020 beantwortet, lässt bei der Belegschaft die Alarmglocken schrillen und die Angst vor einem Teilverkauf wachsen.
Weltweit führender, unabhängiger Pulver-Hersteller werden – nichts weniger strebt H. C. Starck an. Um diese Position in den nächsten fünf Jahren zu erreichen und gleichzeitig die negativen Auswirkungen der teils schwierigen Marktbedingungen bestmöglich zu kompensieren, erklärt Wolfgang Weinseis von der neuen Starck-Agentur „PRpetuum“, werde zum kommenden Jahr die Gesellschaftsstruktur der Pulver-Divisionen optimiert.
Die neuen Gesellschaften betreffen die Produktionsbereiche Wolfram, Tantal und Spezialpulver sowie die Infrastruktur: Surface Technology and Ceramic Powders GmbH, Tantalum and Niobium GmbH, Tungsten GmbH und Infrastructure GmbH & Co. KG heißen die neuen Gebilde. Sie sollen eigenständig und ergebnisverantwortlich handeln können. Positive Erfahrungen mit der Ausgliederung des Smelting-Bereichs in Laufenburg hätten die Pläne befördert.
Die Divisionen und die Infrastruktur wiesen künftig eine transparente Struktur vor, die unter anderem von Umlagen und Querverrechnungen entlastet sei. Die Gründungen seien bis auf Weiteres, so Weinseis, ein „formaljuristischer Akt ohne Auswirkungen auf Mitarbeiter- und Kundenbeziehungen“. Die Beschäftigten verblieben nämlich in der H.C.Starck GmbH – sprich die Gesellschaften stünden vorerst ohne eigenes Personal da. Lediglich Gebäude und Grundstücke gingen voraussichtlich noch 2015 in die Infrastruktur-Gesellschaft über.
Und noch ein Plan: Bei den Servicebereichen werde derzeit geprüft, mit welchem Konzept „ein optimales Service-Portfolio sowohl für die drei Pulverdivisionen als auch für externe Kunden angeboten werden kann“, heißt es von Starck-Seite. Konkreter: Auch an dieser Stelle soll – nach nicht offiziell bestätigten GZ-Informationen – eine eigene Gesellschaft namens Chemotech gegründet werden, die – etwa mit handwerklichen Leistungen auch über Werksgrenzen gehen soll.
Ob solche Entwicklungen und Worte die immer noch mehr als 900 Beschäftigten in Goslar beruhigen können? Der Betriebsrat jedenfalls hat sich jetzt in einem (werks-)offenen Brief bereits eindeutig positioniert und für den Zusammenhalt des Pulverbereichs plädiert, bestätigt Vorsitzender Jörg Ihde – eingebettet in das demonstrative Lob für die Eigentümer, bislang auf solche Schritte verzichtet zu haben. Details über die Pläne aus der Chefetage und deren Marschrichtung erwartet er aber erst am kommenden Mittwoch, wenn der Wirtschaftsausschuss zusammentritt.
Was Betriebsrat und Mitarbeiter fürchten und Ihde nicht aussprechen will, ist aber die nackte Angst vor einer Filetierung des Unternehmens. Was kann passieren? Um ein vorweihnachtliches Beispiel zu bemühen: Im Stück ist ein Gänse-Braten nicht bekömmlich und verdirbt einem einzelnen unvorsichtigen Esser den Magen. Um saftige Stücke für hungrige Abnehmer auf den Teller zu bringen, wird der Vogel in seine Einzelteile zerlegt. Keule und Brust schmecken für sich vorzüglich. Übrig bleibt das Skelett – und was nicht mundet, landet im Mülleimer.
Von einem „Exit“, also einem Verkauf, soll Starck-Chef Dr. Andreas Meier nach nicht offiziell bestätigten GZ-Informationen auch auf einer Betriebsversammlung gesprochen haben. Demnach braucht das Unternehmen, dessen Eigenkapitalquote knapp über zehn Prozent liegt und das 2013 ein dickes Minus eingefahren hat, für das nächste Jahr dringend Geld, um Altschulden zu tilgen und strategisch investieren zu können. Ein Anfang 2015 ins Auge gefasster Verkauf der Nordamerika-Betriebe soll nicht zustande gekommen sein.
Was also liegt näher, als sich im größten Werk umzuschauen? Bei der Frage nach einem möglichen (Teil-)Verkauf verweist die Starck-Führung auf die Eigentümer Advent International und Carlyle Group. Von dort kommt jedoch wie stets weder eine Bestätigung noch ein Dementi. „Wir nehmen aus grundsätzlichen Überlegungen nicht Stellung“, sagt Katharina Gebsattel von Carlyle für die Eigentümer-Seite.
Ebenfalls aus gut unterrichteten Kreisen, aber wiederum nicht offiziell bestätigt, ist noch mehr zu hören: Das Starck-Geschäft läuft 2015 auf ähnlichem Niveau wie im Vorjahr, aber lange nicht so gut wie erwartet. Weil die Markt-Preise im Keller sind, macht das Wolfram-Geschäft große Sorgen. Ein möglicher Verkauf steht aber zumindest nicht unmittelbar bevor.
Ein Hoffnungsschimmer leuchtet derzeit vom Bollrich herunter: Verläuft dort die Indium-Suche wie erwartet positiv, ist Starck auf der Liste für ein Sekundärrohstoffzentrum – das Stichwort lautet Metallurgie-Park. Starcks derzeit Zug um Zug personell leer laufendes Forschungsgebäude wird als Standort gehandelt. Zwei weitere Zentren sollen bei der Recylex und der Elektrocycling entstehen, den beiden anderen Partnern beim Rewimet-Projekt.