Grüner Daumen: Mix aus Passion und Wissen
Meine Duftpelargonie hat einen Rückschnitt nötig. Dieses Wissen macht einen Teil des Erfolges beim Überwintern von Sommerblühern aus. Foto: Borchers
Die Redensart „einen grünen Daumen haben“ kennt jeder. Doch woher kommt der „grüne“ Daumen? Liegt er in den Genen? Oder ist er doch eher eine Mischung aus Leidenschaft und Wissen?
Wenn ich von meinem Garten erzähle, der nur eines von vielen Hobbys ist, ernte ich entweder ein Seufzen („Das macht doch bestimmt viel Arbeit, das könnte ich nicht.“) oder offene Bewunderung nach dem Motto: „Na, du hast ja auch einen grünen Daumen. Da muss ja alles super wachsen.“ Der grüne Daumen – dieser Ausdruck kommt eigentlich aus dem Amerikanischen und ist tatsächlich wörtlich zu verstehen. Denn wer bei der Gartenarbeit keine Handschuhe trägt, bekommt braune Finger von der Erde und eben grüne Finger vom Saft der Pflanzen, die gepflegt oder im Falle von unerwünschten Wildkräutern ausgerissen werden. Wer also viel Zeit im Garten verbringt und sich dabei nicht nur im Liegestuhl räkelt, sondern seine Zier- und Nutzpflanzen umhegt, der hat meist auch hübsche Blumen und gute Ernteerträge. Wofür ihm Nichtgärtner dann den „grünen Daumen“ attestieren.
Angeboren ist dieses Geschick aber nicht, auch wenn das manch einer glauben mag. In den Genen liegt es wohl auch eher nicht, selbst wenn Familienforscher herausgefunden haben, dass die Nachkommen einstiger Bauern noch Jahrhunderte später ein Faible für Pflanzen haben. Bester Beweis für diese Theorie könnte mein Bruder sein: Unsere Urgroßmutter und deren Vorfahren hatten einen ansehnlichen Bauernhof in Polen, mein Bruder hat heute mehrere Hundert Orchideen. Und ich bin letztlich durch das geerbte Haus mit Garten zur Biogärtnerin geworden. Alles nur auf Hobby-Ebene, aber immerhin.
Trotzdem: Ich glaube eher, dass die Liebe zu Pflanzen innerhalb unserer Familie von einer Generation zur nächsten weitergegeben worden ist, indem jeweils die Kinder mit in die Gartenarbeit einbezogen wurden. In unserem Falle hat das zwar dazu geführt, in jungen Erwachsenenjahren eher abwehrend auf das Thema zu reagieren. Denn ein Garten braucht tatsächlich zumindest im Sommer mehr Zeit und Pflege, als jemand zu geben bereit ist, der lieber abends in die Disco geht oder frei sein will für spontane Städtereisen. Letztlich haben wir aber unsere Pflanzenliebe wieder entdeckt, als wir älter wurden und selbst Familie hatten.
Und diese Neigung ist entscheidend: Der grüne Daumen ist eine Mischung aus Passion und Wissen, meine ich. Denn um Pflanzen richtig zu pflegen, so dass sie sich an ihrem Standort wohlfühlen und es mit Blütenreichtum oder vielen Früchten danken, muss der Mensch wissen, was die jeweilige Pflanze braucht. In Zeiten des Internets braucht man dafür noch nicht mal eine große Bibliothek mit Fachbüchern. Viele Tipps und Tricks sind nur einen Klick weit entfernt. Zudem gibt es zahlreiche Foren im Internet, in denen sich Gartenfreunde über Erfahrungen und Probleme austauschen. Mitglieder von Kleingartenvereinen haben es sogar noch besser, denn sie können sich direkt über den Gartenzaun hinweg gegenseitig um Rat fragen, Pflanzen und Samen tauschen, sich mit Werkzeugen aushelfen und vieles mehr.
Aber auch ein richtig tiefgrüner Daumen schützt nicht vor Misserfolgen. Oder optimistischer gesagt: Es gibt keine Fehler im Garten, es gibt nur missglückte Experimente. So ist beispielsweise mein selbst gebautes Gewächshaus aus alten Fenstern nach erst fünf Jahren schon sanierungsbedürftig. Diesen Winter sind mir dort eine ganze Tüte Möhrensaat und sogar der robuste Feldsalat einfach verfault, weil es durch die Dachfenster durchgeregnet hat. Meine Kamelie hat Schildläuseund der im Herbst gesäte Mangold wächst draußen im Frühbeet auch besser als im Gewächshaus. Dafür hat eine Tomatenpflanze, die sich im vorigen Jahr im Gewächshaus selbst ausgesamt hatte, den Winter besser als gedacht überstanden.
Was denken Sie über den grünen Daumen? Schreiben Sie der Autorin eine E-Mail unterchristina.borchers @goslarsche-zeitung.de.