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Grauhof-Schließung gefährdet Brunnenmuseum

Harzer Grauhof am Tag vor seiner ursprünglich geplanten Schließung: Auch hier hat Corona die Pläne durchkreuzt. Verhandlungen über einen Sozialplan wurden trotz erster Kündigungen im März bis Ende April ausgesetzt. Foto: Epping

Harzer Grauhof am Tag vor seiner ursprünglich geplanten Schließung: Auch hier hat Corona die Pläne durchkreuzt. Verhandlungen über einen Sozialplan wurden trotz erster Kündigungen im März bis Ende April ausgesetzt. Foto: Epping

Goslar. Am 31. März sollte das letzte Stündlein von Harzer Grauhof geschlagen haben – aber ganz so schnell wie geplant wird das Traditionsunternehmen offenbar doch nicht abgewickelt, es zieht sich. Die Stilllegung sei jedoch unausweichlich, heißt es in einer Pressemitteilung des Unternehmens. Nach der vordringlichen Sorge um die Zukunft der Mitarbeiter beschäftigt Goslar inzwischen auch der Gedanke an die Zukunft des kleinen Spezialmuseums – das einzige seiner Art in Deutschland.

Mittwoch, 01.04.2020, 15:26 Uhr

Nach Auskunft von Ratsherr Stefan Eble hat die SPD-Fraktion mit einer Sitzungsvorlage einen Prüfantrag bei der Goslarer Stadtverwaltung eingereicht, damit geklärt werde, ob die Sammlung gerettet werden kann, die sich in einem Fachwerkgebäude auf dem Firmengelände befindet. Eble erinnerte sich wieder an das Museum, als er im Februar mit Gerd Politz und Martin Mahnkopf den Betriebsrat des Grauhof-Brunnens besuchte. Sind die Exponate des alten Brunnenmuseums für die Stadt Goslar von Interesse? Könnten sie für das Goslarer Museum „gerettet“ werden, bevor die Sammlung zerschlagen oder verkauft wird? Eble verweist auf die Beschreibung des Brunnenmuseums auf der Firmen-Homepage, die dieses auch als einzigartig ausweist. Auf drei Seiten finden sich nicht zuletzt viele historische Bezüge zu Goslar, darunter zum „Lager Hahndorf“, zum Grauhof-Ehrenhof mit dem Grabstein eines der Firmengründer, Dr. Saxer – Namensgeber des Hotels Villa Saxer? Das strotzt nur so vor Stadtgeschichte: „Wäre schade, wenn das mit dem Brunnen alles verschwindet“, schreibt Eble.

Zu den Exponaten des Museums, das als touristisches Angebot im Harz beworben wurde – das Mineralwasser wurde mit der Regionalmarke „Typisch Harz“ ausgezeichnet – gehört eine aus dem Jahr 1922 stammende Sammlung von Goslarer Inflationsgeld, ein exklusives Gästebuch sowie der Treibsatz einer V2-Rakete aus dem Zweiten Weltkrieg, von Mitarbeitern des Grauhof-Brunnens als Wasser- und Kohlensäurebehälter zweckentfremdet. Dort ist nicht nur das Modell der gesamten Grauhöfer Betriebsanlage ausgestellt sowie eine Getränkekrug- und Flaschensammlung aus vielen Ländern der Erde, sondern auch ein einachsiger Einspännerwagen, ein Caretto aus Sizilien, „vollständig handgearbeitet, reich geschnitzt, handbemalt und mit schmiedeeisernen Beschlägen versehen: „Diese Caretta ist sichtbares Verbindungsglied zu den Silvetta-Limonaden der Blauen Quellen, die Jahrzehnte den Eselskarren als unverwechselbares Symbol dieser Getränkereihe auf den Etiketten trugen“, heißt es auf der Homepage. Vor allem Schulklassen kamen ins Museum, dessen Besuch ein beliebtes Ferienpass-Angebot war.

Nach Auskunft von Stadtsprecherin Vanessa Nöhr will Christoph Gutmann, Leiter des Goslarer Museums, nun Kontakt zum Unternehmen suchen. Was den in der Sitzungsvorlage der SPD angedeuteten eventuellen Erwerb von Teilen der Sammlung angehe, seien neben finanziellen Voraussetzungen jedoch auch die begrenzten räumlichen Möglichkeiten zu beachten.

Weder in der aktuellen Ausstellung im Goslarer Museum noch im Magazin auf dem über zwei Häuser reichenden Dachboden sei Platz für die Übernahme größerer Konvolute, weiß Gutmann, der allerdings auf eine bereits existierende, kleine Grauhof-Abteilung in der Dauerausstellung verweisen kann.

Was wird aus den Immobilien? Darüber drang noch nichts nach außen. Gewerkschafter Manfred Tessmann verwies jedoch auf die Tatsache, dass es sich bei dem Gelände um ein Erbbaurecht-Grundstück der Klosterkammer handelt. Darüber hinaus bedauert er, dass die Firmenleitung kein Insolvenzverfahren eingeleitet habe, das Investoren die Chance gegeben hätte, ein Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen, das einmal „einer der modernsten Mineralbrunnenbetriebe in Norddeutschland“ gewesen sei.

In der Pressemitteilung zur Betriebsstilllegung wurden GZ-Informationen bestätigt, dass im März rund einem Viertel der ursprünglichen Belegschaft die Kündigung ausgesprochen wurde. Über weitere Kündigungen langjähriger Mitarbeiter soll corona-bedingt Ende April verhandelt werden, auch die Einigung über einen Sozialplan steht noch aus. „Wir gehen davon aus, dass die derzeit noch nicht gekündigten Arbeitnehmer mit einer betriebsbedingten Kündigung in den kommenden zwei Monaten rechnen müssen“, teilte die Harzer Brunnen GmbH mit.

Besichtigungen des Brunnenmuseums wurden in der Vergangenheit gerne wahrgenommen: Eckhard Lubach zeigt eine alte Abfüllmaschine.  Archivfoto: Schenk

Besichtigungen des Brunnenmuseums wurden in der Vergangenheit gerne wahrgenommen: Eckhard Lubach zeigt eine alte Abfüllmaschine. Archivfoto: Schenk

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