Goslars Führungselite im Mittelalter
Dr. Jan Habermann bringt den Zuhörern ein komplexes Thema näher. Foto: Kammer
Goslar. „Hooligans des Mittelalters?“ Dr. Jan Habermann, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Kultur der Stadt Goslar, ließ seinen Vortrag zum Thema „Reichsministerialität und Ritterschaft in Goslar – Aufstieg und Niedergang einer gesellschaftlichen Führungselite im Mittelalter“ durch Vergleiche mit der Gegenwart plastisch erlebbar machen.
Die Zuhörer des Geschichtsvereins Goslar begrüßten dies, denn die Thematik ist selbst für den interessierten Laien durchaus schwer zugänglich. Dies mag nicht zuletzt daran liegen, dass die Begrifflichkeiten in älteren Quellen nicht immer sauber definiert wurden. Doch worum ging es?
Die Stadt Goslar und ihr Umland wurden wahrend der Abwesenheit römisch-deutscher Könige von der Reichsministerialität verwaltet und beaufsichtigt. Diese Dienstmannschaft entstand aus ursprünglich Unfreien, die sich durch besondere Dienste, zum Beispiel im Kampf, hervorgehoben hatten. Anfangs hatten sie oft nicht den besten Ruf und galten als „landfremde Schlagetods“, als „Schmarotzer“ oder als „Emporkömmlinge“. Jedoch wurden sie insbesondere von Saliern und Staufern zu Reichsdiensten herangezogen.
Damit stiegen sie allmählich in der gesellschaftlichen Akzeptanz auf, abzulesen zum Beispiel am Heiraten. Viele der ursprünglich unfreien Dienstleute erhielten erbliche Dienstlehen – mitunter auch in weiterer Entfernung.
Sie beaufsichtigten Markt, Münzprägung, Gerichtswesen und Zoll, sicherten also eine funktionierende Stadtverwaltung. Diese war für den damaligen „Reisekönig“ unabdinglich, denn Goslar war reich und damit ein wichtiger Anlaufpunkt: Es sind 81 Königsbesuche für das 11. Jahrhundert belegt. Goslar wurde zum Sammelpunkt königlicher Truppen.
Rund um Goslar gab es bekanntlich im Mittelalter zahlreiche Konflikte, eine bewaffnete Dienstmannschaft wurde daher gebraucht. Sie sicherte die königlichen Güter, die Einkünfte aus dem Bergbau und den Schlagschatz aus dem Münzwesen. Die Reichsministerialität stellt damit auch für die Historiker einen sehr interessanten Forschungsgegenstand dar, der offensichtlich noch einige Geheimnisse birgt.
Trotz aller Unstimmigkeiten hinsichtlich früherer Veröffentlichungen sei man sich, so der Referent, weitgehend einig: Seit Mitte des 12.Jahrhunderts sind Reichsministeriale im obersten Amt als Goslarer Reichsvögte belegt. Die erwähnten Unstimmigkeiten ergeben sich vor allem aus den Übersetzungen damaliger Urkunden, die exakte Begrifflichkeiten vermissen lassen und so Interpretationsspielraum eröffnen, welche Gruppe exakt gemeint war. So ging zum Beispiel Sabine Wilke in einer 1971 veröffentlichten Analyse noch von einer Abwesenheit der Reichministerialität aus.
In zahlreichen Beispielen und Urkunden hatte Habermann Belege zusammengetragen, wer in Goslar das Sagen hatte: Über mehrere Generationen hinweg war die Goslarer Reichsvogtei sogar in der Hand einer einzigen Familie. „In der Staufer Zeit waren es zweifellos die Führenden, die mit dem Schwert und nicht mit der Feder Verwaltung machten.“
Aus der Reichsministerialität gingen schließlich vier einflussreiche Goslarer Ritterfamilien hervor, die zusammen mit anderen Familien eine blühende Ritterkultur im gesellschaftlich-ständischen Gefüge Goslars ausprägten. Dies schlug sich auch im Stadtbild nieder: Besonderes Interesse der Zuhörer fand eine plastische Darstellung der Reichsvogtei Goslar im 12. Jahrhundert, die die damaligen Gebäude rund um die Kaiserpfalz zeigte: „Rechteckige Herrenhäuser, auf Grauwacke gesockelt“. Der Saal murmelte anerkennend und hinter vorgehaltener Hand war zu hören, dass dies auch eine gute Idee für die Neuzeit sein könnte.