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Goslars Ehrenbürger Hans-Joachim Tessner wird heute 75 Jahre alt

Hans-Joachim Tessner

Hans-Joachim Tessner

Goslar. Glücklicher Rentner im Unruhestand mit weitestgehend abgeschlossener Vermögensbildung. Mit diesen Worten charakterisiert Hans-Joachim Tessner sich selbst zu seinem Ehrentag. Der Unternehmer, Mäzen, bekennende Familienmensch und Goslarer Ehrenbürger – die Reihenfolge ist ganz beliebig gewählt – vollendet heute sein 75. Lebensjahr.

Von Frank Heine Mittwoch, 06.03.2019, 07:00 Uhr

Warum glücklich? „Ich lebe bisher in einem Zeitfenster, das erstmalig frei war von Kriegen und Auseinandersetzungen zwischen europäischen Staaten. Es herrschte Frieden und Freiheit bei wachsendem Wohlstand und technischem Fortschritt.“ Tessner bezeichnet den Fall der Mauer und die deutsche Wiedervereinigung als Glanzlicht dieser Zeit. Der Grund liegt auch in der eigenen Vita.

Hans-Joachim Tessner wird am 6.März 1944 als zweites Kind von Onni und Dr. Felix Tessner in Blankenburg geboren. Er besucht nach der Flucht aus der Sowjetzone zunächst die Volksschule in Braunlage. Als die Familie nach Goslar übersiedelt, geht der junge Tessner aufs Ratsgymnasium, wird aber bald im elterlichen Unternehmen gebraucht, um dem 70-jährigen Vater zur Seite zu stehen. Er geht nach der zehnten Klasse ab. Es gibt eben manchmal wichtigere Dinge als das Abitur.

Das Unternehmen hatte 1875 Felix Unger gegründet – Hans-Joachim Tessners Urgroßvater. Der Nachfahre beginnt eine Lehre bei Möbel-Unger und wird 1962 mit 18Jahren vorzeitig für volljährig erklärt. Ebenso vorzeitig bekommt er im Alter von 17 Jahren mit Ausnahmegenehmigung den Führerschein.

Als erster Lehrling in Niedersachsen erhält er Prokura – der Beginn einer steilen Unternehmer-Karriere. Goslars Sparkassen-Direktor Heinz Baumgart ist er zeitlebens dankbar, dass er an ihn und seinen wirtschaftlichen Erfolg glaubt, ihm bei der Prokura-Erteilung hilft und ihm einen ersten notwendigen Unternehmenskredit gewährt.

Unger baut Tessner zu einer führenden Gruppe in der Branche aus. 1979 gründet er die Immobilienfirma Tescom. Zwischen 1984 und 1986 kauft Tessner seinen ersten Roller-Markt und bringt Unger in die Metro-Tochter Asko ein. 1990 gründet er die Tessner-Stiftung, die in Goslar unter anderem die Konzertarbeitswochen und den Geschichtspreis fördert. 1992/93 verlässt Tessner Unger und die Metro. Er konzentriert sich auf das Geschäft mit Roller.

1996 eröffnet mitten in Goslar die Kaiserpassage. Nachdem Unger pleitegegangen war, fühlt sich Tessner verpflichtet und gründet 1999 die Tejo-Wohnwelten, die später zu Möbel-Schulenburg werden. Im Dezember 1999 startet die Goslarer Bürgerstiftung mit Tessner als größtem Stifter und den beiden GZ-Verlegern Dr.Klaus Krause und Gert Krause als Partnern – eine der ersten ihrer Art deutschlandweit. Mittlerweile hat sie mehr als eine Million Euro für Projekte gespendet. 2003 strukturiert Tessner seine Unternehmen neu und bündelt alle Aktivitäten in der Tessner Holding. Alle Anteile bleiben in der Familie. Tessner wird im selben Jahr Vorsitzender des Vereins zur Förderung der Modernen Kunst. Ein Jahr später erhält er am 60.Geburtstag aus den Händen von Ministerpräsident Christian Wulff den niedersächsischen Verdienstorden. Am 24. Februar 2009 wählt ihn der Rat einstimmig zum Ehrenbürger. Die höchste Würde, die die Stadt zu vergeben hat, wird ihm zu seinem 65. Geburtstag in der Kaiserpfalz verliehen.

Der Name der Familie Tessner taucht regelmäßig auf der Liste der 500 reichsten Deutschen auf, die das Manager-Magazin jährlich veröffentlicht. Aber ist Reicher gleich Reicher und Unternehmer gleich Unternehmer? Als Tessner zum Ehrenbürger wird, gehört wie so oft der damalige SPD-Chef Sigmar Gabriel zu den Laudatoren. Für ihn personifiziere Tessner geradezu den Grundgesetz-Artikel „Eigentum verpflichtet“, sagt Gabriel und sieht die verliehene Würde als „mehr als verdient“ an. In der Tat: An jenem Tag ist es nicht nur Ga-briel, der Tessner für sein Wirken für und in seiner Heimatstadt Goslar lobt. Er verkörpere das Ideal des ehrlichen Kaufmanns, sei Familienunternehmer aus Leidenschaft. Sein Lebenslauf lese sich wie ein Katechismus des Vorbildlichen.

Aber da ist auch noch Tessner, der Mäzen und Wohltäter: Sparen mit Spenden ist nicht sein Ding. Bürger- und Tessner-Stiftung stehen für großzügiges Geben. Die Kreismusikschule und die moderne Kunst profitieren. Zum Neujahrsempfang vergibt die Tessner-Stiftung inzwischen regelmäßig einen mit 10.000 Euro dotierten Bürgerpreis für vorbildliches Engagement.

Und es gibt noch einen Tessner, den in der Öffentlichkeit so fast niemand wahrnimmt. Tessner ist ein konsequenter Familienmensch. „Zukunft braucht Herkunft“, lautet sein Leitspruch. Im privaten Umfeld findet er Halt bei seiner Frau Helga, mit der er seit 1966 verheiratet ist, und seinen Töchtern Anke und Tessa. Sie erzählen an jenem Ehrentag in der Pfalz ergreifend, wie die Familie an Heiligabend 1989 über die offene Grenze nach Blankenburg aufbricht und Tessners Geburtshaus besucht. „Blut ist dicker als Tinte“, ist ungeschriebenes Tessner-Gesetz – das wissen auch die drei Enkelsöhne und die Enkeltochter sehr gut.

Zu seinem goldenen Berufsjubiläum im April 2010 nimmt Tessner auf der Rathausdiele wieder Glückwünsche von Ministerpräsident Wulff entgegen. In 50 Jahren keinen Arbeitstag gefehlt? Wulff würdigt Tessner als „Symbol für den ehrbaren Kaufmann“, aber auch als „exzellenten Steuerzahler“. Zuvor hat Tessner scherzhaft angekündigt: „Mit 80 denke ich über einen Halbtagsjob nach.“

So lange soll es aber doch nicht mehr dauern. Im September 2017 kündigt er an, ab 2018 kürzer treten zu wollen. Mit 73 Jahren wechselt der persönlich haftende Gesellschafter von der operativen Spitze in den Beirat. Ein leichter Herzinfarkt hat nachdenklich gemacht.

Im Dezember 2017 schließt die Stadt Goslar mit Tescom und Tessner-Stiftung einen Vertrag zur Entwicklung des Quartiers rund um die Kaiserpfalz. In den Bau einer Kulturhalle will die Tescom bis zu 6,5 Millionen investieren und 20 Jahre lang einen Betriebskostenzuschuss in Höhe von 200.000 Euro zahlen. „Das Projekt liegt mir besonders am Herzen“, sagt Tessner. Dessen Realisierung möchte er „sehr gern noch miterleben“. Alle wünschen ihm diese Krönung der Lebensleistung.

Aber für Schwermut soll heute kein Platz sein. „Arbeit und Neugier machen mir Spaß und sind Dünger fürs Gehirn. Wirklich alt wird man doch erst, wenn man in der Vergangenheit lebt“, weiß der Jubilar und ist überzeugt: „Meine vier Enkelkinder und meine Kinder sind Garanten, dass das möglichst noch lange nicht geschieht.“

  • Nach der Familienfeier heute geht es am Wochenende mit einer offiziellen, aber nicht öffentlichen Feierstunde weiter. Am Sonntag um 11.30 Uhr erwartet den Jubilar und seine geladenen Gästen im Goslarer Mönchehaus zunächst ein Konzert der Kreismusikschule, die in diesem Jahr selbst ihren 50. Geburtstag feiert. Es handelt sich um eine Art Dankeschön, die Leiterin Katharina Busmann angeboten hat, weil Tessner die Einrichtung seit seinem 65. Geburtstag Jahr für Jahr finanziell unterstützt.
  • Anschließend wird der von Tessner in Auftrag gegebene neue Kaiserring-Band „Glanzstücke moderner Kunst“ vorgestellt. Er beschreibt die Geschichte des Kaiserrings und ihrer Träger vom Start mit Henry Moore 1975 bis zuletzt Wolfgang Tillmans im Jahr 2018. Die Auflage beträgt 1200 Exemplare. Im Mönchehaus können die Gäste außerdem an einer Führung durch die Ausstellung der Preisträger-Werke aus der Sammlung des Museums und der Tessner-Stiftung teilnehmen.
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