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Glas Weule: Feuer für die Weltmeere endgültig erloschen

Der Insolvenzverwalter hat im laufenden Verfahren den Betrieb der Firma Wilhelm Weule in der Straße „Im Schleeke“ Mitte August endgültig stillgelegt. Foto: Sowa

Der Insolvenzverwalter hat im laufenden Verfahren den Betrieb der Firma Wilhelm Weule in der Straße „Im Schleeke“ Mitte August endgültig stillgelegt. Foto: Sowa

Goslar. Zum 15. August ist der laufende Betrieb der Glasschleiferei Wilhelm Weule GmbH & Co. vom Braunschweiger Insolvenzverwalter Dr. Rainer Eckert endgültig stillgelegt worden.

Von Heinz-Georg Breuer Donnerstag, 04.09.2014, 20:00 Uhr

Das bedeutet das endgültige Aus für ein weiteres Goslarer Traditions- und Familienunternehmen und nachGenthe den zweiten Glasbauer vom Schleeke. Mitte Mai hatte das Amtsgericht Goslar nach Mitteilung von Insolvenz-Rechtspfleger Otto Antrick die vorläufige Insolvenzverwaltung angeordnet, die am 30. Juli in ein volles Verfahren überging. Nur zwei Wochen später kam das Aus, für den 1. Oktober ist die erste Gläubigerversammlung terminiert.

„Dann geht es nur noch um die Abwicklung“, bestätigt Rechtsanwalt Sven Adler für den Insolvenzverwalter gegenüber der GZ. Die Mitarbeiter seien freigestellt. Man habe zunächst den Betrieb mit Herstellung und Handel von optischen und mechanischen Linsen, Spiegeln sowie Sondergläsern in vollem Umfang weitergeführt. Intensive Gespräche mit Interessenten für eine Fortführung des Unternehmens hätten allerdings im Ergebnis nicht zu einer Veräußerung geführt. Zwei Wochen habe dann die Ausproduktion angedauert. Adler verweist zur Begründung auf veränderte Marktgegebenheiten, bei denen es schwierig sei, neue Geschäftsfelder als Kompensation zu entwickeln.

Dabei machte einst die Schlagzeile „Von Goslar aus die Weltmeere befeuert“ die Runde, wenn es um Weule ging. Firmengründer Wilhelm Weule betrieb zunächst mit seinem Bruder die legendäre Turmuhrenfabrik J. F. Weule Bockenem, von der auch die Uhr der Goslarer Marktkirche stammt, bevor er 1896 zuerst in der Mauerstraße und nach 1901 auf dem parkähnlichen Gelände der früheren Farbenfabrik Jordan im Schleeke mit der Einzel- und Serienproduktion hochwertiger Optik aus Glas für die Seefahrt begann. Bis dahin mussten optische und mechanische Apparate für Antriebswerke von Leuchtfeuern, die ebenfalls in Bockenem gebaut wurden, im Ausland eingekauft werden. Schon 1900 wurden die Aktivitäten mit einer Silbermedaille bei der Weltausstellung in Paris belohnt.

Die Goslarer Firma expandierte schnell über die Grenzen Deutschlands hinaus. 1914 lieferte sie etwa die Befeuerung für den Panama-Kanal. Unter Leitung von Gerhard Weule, der nach dem Tod seines Vaters die Firma 1929 übernahm, entwickelte man sich ständig fort. Mit seinem Schwager Dr. Genthe gründete Weule 1926 in der Nachbarschaft eine Glashütte zur Rohstoffsicherung. Der Siegeszug des Hohlspiegels begann. Nach der Schifffahrt kamen Luftfahrt und Schienenverkehr als neue Auftraggeber hinzu, nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg die Kinobranche.

Auch nach 1955, als der langjährige Ratsherr und gleichnamige Sohn von Gerhard Weule nach dessen Tod die Leitung übernommen hatte, hielt die Expansion hinein in alle Welt an. Die Goslar-Optik mit der scharfsichtigen Eule und einem „W“ als Firmenzeichen fand sich auf Helgoland oder Wangerooge ebenso wie am Suezkanal.

Mittlerweile hat allerdings die Satellitentechnik die Leuchtfeuer-Optik abgelöst. Das Unternehmen, das ab 1987 von Johann Friedrich Weule geführt wurde und bis zuletzt trotz Fremdbeteiligung Familienblut im Betrieb besaß, war in einer angestammten Domäne mehr und mehr in diverse Nischen verwiesen und musste mit neuen Produkten etwa im Bereich der Computer- oder Solartechnik gegenhalten. Dafür arbeitete man mit verschiedensten Hochschul- und Forschungsin-stituten zusammen.

Zuletzt, 2011 und 2013, kam Weule im Schleeke noch zweimal in die Schlagzeilen – als TV-Drehort. Im Vorjahr wurden Szenen aus „Otto Weidt – Ein Held in dunkler Nacht“ eingespielt. Die Glasschleiferei wurde zur Berliner Bürstenwerkstatt, wo der Inhaber seine jüdischen Mitarbeiter vor den Nazis versteckt. Und vor zwei Jahren wurden in der Fabrik Teile des ZDF-Dreiteilers gedreht, dessen Titel nicht nur über der dramatischen Fernseh-Saga, sonder auch über der fast 120-jährigen Geschichte des Familienunternehmens Weule stehen könnte: „Unsere Mütter, unsere Väter“.

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