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Geschichtsforschung über den Tellerrand hinweg

Historisches in historischer Umgebung: Vorsitzender Dr. Christian Juranek in der Tauschbibliothek des Harz-Vereins im Schloss Wernigerode. Fotos: Bruns

Historisches in historischer Umgebung: Vorsitzender Dr. Christian Juranek in der Tauschbibliothek des Harz-Vereins im Schloss Wernigerode. Fotos: Bruns

Harz. Graf Botho zu Stolberg-Wernigerode als Verlierer der Geschichte zu bezeichnen, wäre genau falsch. Vielmehr war der im 19. Jahrhundert lebende Adlige ein Gestalter der Geschichte.

Von Eike Bruns Samstag, 13.10.2018, 10:00 Uhr

Sicherlich konnte er sich mit seiner Rückwärtsgewandtheit weder gegen die Hauptlinie seines Adelsgeschlechts noch gegen die gesellschaftspolitische Entwicklung des beginnenden Kaiserreichs durchsetzen. Aber seine Vorliebe für das Vergangene bescherte dem Harz den wohl ältesten noch heute existierenden Verein, der in allen drei Anrainerbundesländern aktiv ist.

Vor 150 Jahren gründete Botho den Harz-Verein für Geschichte und Altertumskunde in Wernigerode. Vier Staatsformen, zwei Weltkriege und eine Wiedervereinigung später existiert der Harz-Verein immer noch und hat seine Geschäftsstelle wieder in Wernigerode – sinnbildlicherweise im Schloss, dem einstigen Stammsitz der Grafen zu Stolberg-Wernigerode.

Dort „residiert“ Dr. Christian Juranek. Der hauptamtliche Geschäftsführer der Schloss Wernigerode Verwaltungs- und Betriebsgesellschaft ist im Ehrenamt 1. Vorsitzender des Harz-Vereins. Aber was macht dieser Verein, der über das ganze Mittelgebirge verbreitet ist, den es schon so lange gibt und der trotzdem von der Allgemeinheit nicht über Gebühr wahrgenommen wird?

Juranek wiegt den Kopf und sagt: „Ja, wir könnten bekannter sein. Zudem werden wir oft mit dem Harzklub verwechselt.“ Aber beim Harz-Verein geht es weniger um Brauchtum. Vielmehr ist er ein Zusammenschluss von Geschichtsinteressierten. „Und dabei durchdringen wir die Geschichte des Harzes auf breiter Fläche“, erklärt der Vorsitzende.

Jede Stadt habe ihren eigenen Geschichtsverein, aber keiner schaue richtig über den Tellerrand. Dabei gebe es laut Juranek so viele Aspekte, die im ganzen Mittelgebirge erforscht werden können und sollten.

Und dabei kommt es vor allem auf Netzwerke an, die die Vereinsmitglieder knüpfen. So tauchte unlängst auf einem Priesterseminar der Nordelbischen Landeskirche in Hamburg eine Schriftsammlung mit handschriftlichen Anmerkungen von Martin Luther auf. Der Harz-Verein veröffentlichte in seiner ebenfalls seit 1868 erscheinenden Harz-Zeitschrift als Erster, dass diese historische Sammlung während Luthers Zeit im Kloster Himmelpforten, das einstmals zwischen Wernigerode und Darlingerode lag, lagerte.

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Die Netzwerke, von denen Juranek spricht, sorgen dafür, dass die Mitglieder des Harz-Vereins aus ganz Deutschland stammen. Ebenso besteht ein reger Austausch zu geschichtlich geprägten Institutionen. Der Verein unterhält im Schloss Wernigerode eine so genannte Tauschbibliothek. Seine Harz-Zeitschrift schickt der Verein beispielsweise an viele Bibliotheken in ganz Europa und bekommt von dort Publikationen zurück. „Erst kürzlich ist die Burgerbibliothek in Bern auf uns zugetreten“, erzählt der Vorsitzende, wie solche Kontakte zustande kommen.

Der wissenschaftliche Anspruch des Vereins ist dabei nicht von der Hand zu weisen. Viele Mitglieder sind promoviert, es bestehen etliche Kontakte zu Universitäten. Ein Umstand, der dem Harz-Verein auch Nachwuchs beschert. „Gerade haben zwei Studenten der Uni Halle einen Vortrag bei uns gehalten und sind bei uns eingetreten“, so Juranek.

Und auch auf reine Geisteswissenschaft zielt der Geschichtsverein nicht ab. „Wir arbeiten interdisziplinär“, führt der Bad Harzburger aus. So ging es in einem Festvortrag zum Jubiläum des Vereins im Sommer um die Vermessung des Harzes mit Lasertechnik, die neue Erkenntnisse über die einstige Lage von Burgen und Dörfern bringe.

Nach 150 Jahren sollte doch über den Harz alles erforscht sein, oder? Weit gefehlt. Gerade wegen der örtlich übergeordneten Sichtweise des Vereins fallen Juranek eine Fülle von Themen ein, die noch nicht bearbeitet wurden.

Ein Projekt, das im kommenden Jahr vollendet werden könnte, sind Forschungen zum Stadtrecht. So brüstet sich Goslar bislang, dass sein im 14. Jahrhundert verfasstes Stadtrecht auch in Aschersleben und Halberstadt übernommen worden sei. Den neuesten Erkenntnissen nach sieht es eher so aus, als hätte Halberstadt ein eigenständiges Stadtrecht gehabt und Aschersleben hätte eine Modifikation davon übernommen.

Ein weiteres Forschungsprojekt will Juranek zusammen mit dem2. Vereinsvorsitzenden, dem Goslarer Dr. Friedhart Knolle, angehen: Rappbode-, Ecker- und Okertalsperre, die alle im Dritten Reich geplant wurden. „Wie viele Zwangsarbeiter wurden beim Bau eingesetzt? Zu welchen Propagandazwecken auch zu DDR-Zeiten wurden sie genutzt?“, stellt Juranek nur einige Fragen, die er bislang nicht erschöpfend beantwortet sieht.

„Und das Thema ist aktuell“, spielt er auf den Hambacher Forst an. Wie mit den Menschen umgegangen wurde, als sie beim Bau der Okertalsperre von Alt- nach Neu-Schulenberg zwangsumgesiedelt wurden, sei nicht belegt.

Graf Botho mag sich in die Vergangenheit geflüchtet haben. Der von ihm gegründete Verein versucht jedenfalls auch anderthalb Jahrhunderte später, diese zu erforschen und der Gegenwart zugänglich zu machen.

Die im Dritten Reich realisierte Eckertalsperre ist eines der nächsten Forschungsprojekte des Harz-Vereins.

Die im Dritten Reich realisierte Eckertalsperre ist eines der nächsten Forschungsprojekte des Harz-Vereins.

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