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Für Klaus Gieseke ist jung zu sein keine Frage des Alters

Beruflich und ehrenamtlich aktiv: Für sein Engagement in der Gifhorner Jugendarbeit erhält Klaus Gieseke diverse Auszeichnungen.

Beruflich und ehrenamtlich aktiv: Für sein Engagement in der Gifhorner Jugendarbeit erhält Klaus Gieseke diverse Auszeichnungen.

Gifhorn/Goslar. Der gebürtiger Goslarer prägt in Gifhorn über Jahrzehnte hinweg die Jugendsozialarbeit.

Von Frank Heine Donnerstag, 22.11.2018, 11:46 Uhr

Zwischen dem schelmischen Werbefoto auf dem Jägermeister-Plakat aus den 1970ern und dem fast schon staatstragend daherkommenden Bild von der Präsentation seines Verdienstordens für sein Wirken als Sozialarbeiter und Anwalt der Gifhorner Jugend im „Isernhagener Kreisblatt“ vom Mai 2011 liegt schon ein bisschen Zeit. Mehr als drei Jahrzehnte genau genommen. Aber wer wie der gebürtige Goslarer Klaus Gieseke in seinem Leben so vielfältig aktiv und engagiert gewirkt hat, darf und kann auch ganz unterschiedliche Gesichter zeigen.

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Und nur weil er das bekannte Gesicht eines Jugendfreundes im Juli in der GZ gesehen hatte, nahm er überhaupt Kontakt zur Redaktion auf. „Guck mal, das ist doch der Wulf“, dachte sich Gieseke, als er den Bericht über den früheren Freiburger Stadtplaner und aktuellen Weltwettbewerbsjuror Wulf Daseking las. Den hatte er als Schüler einst auf einer Fete kennengelernt – oder doch vorher auf der längst abgerissenen, seligen „Gammelmauer“ auf dem Jakobikirchhof, auf dem sie regelmäßig mit anderen Kumpeln abhingen? Was früher vermutlich anders hieß...

Jedenfalls besitzt der archivalisch bestens sortierte Gieseke noch ein Foto aus jenen Zeiten, das den jungen Daseking während eines Flohmarkt-Bummels zeigt. „Zu seinem Abitur hat er damals einen heißen Oldtimer bekommen“, erinnert sich Gieseke an seine späteren Besuche beim Studenten Daseking in Hannover.

Aber um den soll es jetzt gar nicht gehen. Gieseke hat selbst genug gute Geschichtchen für eine eigene lohnende Geschichte in petto. Seine Eltern wohnen einst an der Mauerstraße – Mutter Ingeborg Kinderkrankenschwester in Spitalnähe, Vater Wolfgang gelernter Kfz-Meister mit eigenem Einzelhandel für Autos, Fahrräder, Kinderwagen und Vespa-Rollern in jenem Haus, an dem heute ein Dartclub als Nutzer angeschlagen ist.

„Mein Vater wollte immer, dass ich das Geschäft einmal übernehme“, erinnert sich Gieseke. Nach der Schillerschule, der Realschule Hoher Weg und der Handelsschule wartet deshalb ab 1963 eine Lehre als Großhandelskaufmann bei der Firma Auto Kühn. „Ehrlich gesagt, bin ich nie glücklich gewesen, das war nicht meine Welt“, gesteht der leidenschaftliche Schwimmer, der seinerzeit beim SC Hellas und dem MTV aktiv ist und zudem Wasserball spielt. Kein Wunder, dass sein erster Weg, wenn er nach Goslar kommt, um den Lebensgefährten seiner inzwischen verstorbenen Stiefmutter zu besuchen, meistens an den Herzberger Teich führt. „Wenn ich den Herzer sehe, kommen mir die Tränen, es ist so schade, dass alles weg ist“, taucht er gedanklich in frühere Teich-Glanzzeiten ein.

1968 zieht es ihn nach Braunschweig ans Kolleg und die Pädagogische Hochschule Niedersachsen. Gieseke studiert Lehramt – und lernt als Kommilitonen einen gewissen Bernd Gersdorff kennen. Der spielt nicht nur Fußball bei Eintracht Braunschweig, sondern wirbt – logisch, da ist der damalige Bundesligist Vorreiter – auch für Jägermeister.

„Das schaffe ich auch“, sagt Gieseke beim Kickern in einer alten Studenten-Kneipe, die seiner Erinnerung „Vater Jahn“ geheißen hat und auch Dietmar Erler als zweiten Eintracht-Profi zu ihren regelmäßigeren Gästen zählt. „Schaffst du nicht“, hält Gersdorff dagegen.

Nach einer ersten schnöden Absage lässt Gieseke sich nicht entmutigen. Anlauf zwei klappt, auch wenn das Foto für den Wolfenbütteler Spirituosen-Hersteller eine Reise von Braunschweig bis nach Düsseldorf ins Studio erfordert. Wer gewinnen will, muss Umwege in Kauf nehmen.

In der Tat ist der spätere Pionier der Gifhorner Jugendarbeit in diesen Zeiten bestimmt nicht immer auf Abkürzungen unterwegs. Nach dem Studium beginnt er im Erziehungsdienst in der Jugendhilfe Rischborn der Diakonischen Heime Kästorf. „Ich hätte auch auf einer einsamen Nordsee-Insel anfangen können, aber ich hatte Angst vor der Isolation“, sagt Gieseke. Pech für die Insel, gut für Gifhorns Jugendliche: Gieseke beginnt mit dem Aufbau einer Teestube im Rischborner Kinder- und Jugendhort. „Lasst uns was machen“, lautet ein Leitsatz, um ins Gespräch zu kommen und einen Zugang zu den Jugendlichen zu bekommen. Er sattelt beruflich noch drauf, macht eine Erzieherausbildung und einen Studienabschluss als Heilpädagoge. Und irgendwie ist er auch immer Berufsjugendlicher, wie er 2001 gegenüber der „Gifhorner Rundschau“ bekennt, denn: „Jung zu sein ist keine Frage des Alters.“

Gieseke kümmert sich um straffällig gewordene Jugendliche, startet ein preisgekröntes Projekt zum legalen Besprühen von Graffitiwänden am Bahnhof von Isenbüttel, redet mit Cliquen, die sich auf Spielplätzen treffen und die Anwohner beunruhigen. 1994 wechselt er nach Gifhorn, hat sein Büro im Alten Bahnhof und macht ZOB. Zielgruppenorientierte Bildungsarbeit meint diese Abkürzung und beschreibt eine Aufgabe, die im Hause der Jugendwerkstatt eine Jugendreparatur-Werkstatt entstehen lässt. „Meine Jugendlichen sind vom Schicksal gebeutelt“, verrät Gieseke und versucht, ihnen Erfolgserlebnisse zu verschaffen und Werte zu vermitteln. Manchmal wünscht er sich einen Elternführerschein, immer mehr Flexibilität und weniger programmatische Ideologie, wenn Politik auf Jugendarbeit schaut – lieber Ärmel aufkrempeln und gestalten.

Es geht auch ehrenamtlich immer weiter: Gieseke arbeitet für den Kinderschutzbund, betreut jugendliche Spätaussiedler, gehört 1998 zu den Initiatoren des Gifhorner Plenums, das sich als Anwalt für Kinder und Jugendliche begreift, ist im Vorstand des Kreisjugendrings und Mitglied im Jugendhilfeausschuss. Er erhält 2002 den Wilhelm-Thomas-Bürgerpreis der Gifhorner SPD für Ehrenamtliche. Beim Gemeinsam-Preis der Braunschweiger Zeitung springt bei einer TED-Umfrage Platz fünf heraus.

Gieseke entwickelt eigene Überlegungen, Strategien und Trainingsprogramme gegen Gewalt. Er arbeitet mit Schülern an Anti-Gewalt-Projekten. Mit Seminaren, Vorträgen und Diskussionsrunden sowie Freizeitaktionen für Jugendliche mit Rollenspielen und Übungen zur Konfliktlösung will er der Bereitschaft zum Einsatz von Gewalt entgegenwirken. Gieseke schreibt Beiträge zu zwei Büchern. Bis heute gibt der am Montag vergangener Woche 72 Jahre alt gewordene Mann mit dem jungen Geist und den schmerzenden Knien Kurse an der Kreisvolkshochschule. Im Mai 2011 zeichnet ihn die damalige Gifhorner Landrätin Marion Lau mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland aus.

  • Der Mann aus Gifhorn will zwei Frauen aus Goslar Dank sagen, weiß aber nicht, wo er ansetzen soll. Während seines Studiums in Braunschweig musste Klaus Gieseke nämlich nach dem Tod seiner Großmutter aus seinem inzwischen verkauften Elternhaus an der Mauerstraße ausziehen. Goslarer Unterschlupf fand er bei der Oma von Sabine und Dorle Reckewell.
  • Deren Eltern hatten ein Baugeschäft und wohnten in einem in die Stadtmauer gebauten Haus an der Thomasstraße. Sie halfen ihm weiter, indem sie ihn unentgeltlich bei der Großmutter im Haus Breite Straße 80 einquartierten. „Ich hatte dort ein schönes großes Zimmer, mit Balkon und einem Hinterhaus, in dem ich Teile meiner Möbel unterstellen konnte“, erinnert er sich heute.
  • Mit Sabine und Dorle Reckewell würde Gieseke nun gern wieder Kontakt aufnehmen. Seine Recherchen haben bislang ergeben, dass Sabine als Künstlerin in den USA und Dorle irgendwo in Süddeutschland leben soll. Wer ihm weiterhelfen kann, ist unter leser-forum@goslarsche-zeitung.de unter dem Stichwort „Gieseke“ an der richtigen E-Mail-Adresse.
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