Fotografin will Menschen „echt“ zeigen
Die Erfahrungen aus ihrem Akt-Fotoprojekt „Ich“ haben Kathleen Gleisberg bereichert. Sie ist begeistert von der Natürlichkeit ihrer Modelle und macht Menschen Mut, zu sich zu stehen und ihre eigene Zufriedenheit zu finden. Fotos: Kempfer
Goslar. Zu schön, um wahr zu sein? Nein – zu schön, um nicht fotografiert zu werden! Sich nackt ablichten zu lassen, erfordert schon ein bisschen Mut. „Echt sein“ – darum geht es Kathleen Gleisberg in ihrem Projekt. Gut 20 Frauen haben sich auf das Experiment eingelassen – und zugelassen, dass ihre Nacktheit von der Fotografin eingefangen und jetzt auch ausgestellt wird.
Die gelernte Optikerin hat einen guten Blick und ihr eigenes Fotostudio. Es ist nicht ihr erstes Fotoprojekt, wohl aber das erste, dessen Ergebnisse derzeit im Goslarer Hof-Café öffentlich ausgestellt werden. Vorbild für die Akt-Serie war das „Nu-Projekt“ des Fotografenduos Matt Blum und Katy Kessler aus Minneapolis. Sie begannen 2005 mit dem, was heute als „die ersten ehrlichen Nacktfotos“ bezeichnet wird, ein Beweis dafür, „dass Schönheit unabhängig von Gewicht, Form und Alter ist“ – und eine Gegenbewegung gegen abwaschbare Hochglanzperfektion.
Kathleen Gleisberg setzte ihr eigenes „Nu-Projekt“ um. „Nu“ steht für „nude“, nackt. Ihrem Aufruf bei Facebook folgten 28 Frauen, die Fotografin war „überwältigt“. Nach einem Infonachmittag blieben 24 bei der Stange. Vier brachten nach Gleisbergs Drängen ihre Männer mit: „Das Projekt war geschlechterneutral ausgeschrieben“, erklärt sie – aber nur Frauen meldeten sich darauf.
Gleisberg zeigte Beispiel-Bilder von Frauen in unterschiedlichen Posen; „ihre“ Frauen hatten die freie Wahl für die freizügigen Darstellungen, die manchmal nur auf den ersten Blick viel zu zeigen scheinen. Da liegt der Arm über dem Busen, dort sind die Beine verschränkt – alle Teilnehmerinnen zeigten, so kleiderlos sie auch waren, nur, was sie preisgeben wollten.
Wie künstlerisch der Anspruch von Kathleen Gleisberg dabei ist, zeigt ein Besuch ihrer Ausstellung. Da hängen nicht wahllos Nacktfotos nebeneinander. Die Präsentation ist gestaltet, wirkt ästhetisch. Da gibt es Gruppen von gerahmten Bildern, manche schwarz-weiß, einige in Farbe, da wurden einmal Fotos zu einem Triptychon zusammengefasst; an einer Wand lehnen Bilder in Nischen, eine kleine Galerie an einer anderen Wand bezieht ihren Zusammenhalt durch den dunklen Hintergrund, vor dem die weißen Körper sich besonders absetzen. Kathleens eigenes Foto scheint sich förmlich aus dem Schatten zu schälen, halb bleibt es noch in dessen Schutz verborgen. Einfach schön.
Mit jedem ihrer Modelle machte die Fotografin einen Einzeltermin, „kurz und knapp“. Fünf Minuten Smalltalk, Ausziehen, Posieren, Anziehen. „Die Nervosität war sofort weg“, sagt Gleisberg, die von ihren Aktmodellen begeistert war: „Ich habe nichts vorgegeben, sie haben sich gegeben, wie sie sich fühlten.“
Mit sich im Reinen sein, das ist in den Augen der 45-Jährigen der Schlüssel zu einer positiven, entspannten Lebenseinstellung – sie hilft, zu sich zu stehen, sich schön zu finden, so wie man eben ist. Kathleen Gleisberg, die sich selbst als „Genussmensch“ bezeichnet („Ich möchte nicht mein halbes Leben lang überlegen, ob ich jetzt ein Stück Kuchen essen darf oder nicht“), wollte ihre eigene Zufriedenheit finden – und hat ein Fotoprojekt draus gemacht.
Sie gab ihm den Titel „Ich“. „Es ging ja auch um mich“, meint sie, und ging „mit gutem Beispiel voran. Die Fotos, die heute im Hof-Café hängen, entstanden schon im Frühling 2019. Dass sie erst jetzt gezeigt werden, hat auch mit ihrer eigenen Geschichte zu tun, ihrer Krebstherapie. „Ich bin ein Steh-Uff-Männchen“, sagt die Brandenburgerin, die Menschen glücklich machen möchte: „Ein schönes Foto von Dir hilft dabei, das macht Dir gute Laune.“
Die Ausstellung „Ich“ von Kathleen Gleisberg ist bis Mitte Juli im Hof-Café zu sehen. Zwischendurch werden die Bilder gewechselt.
Nackt – na und? An den Aktfotos der Fotografin ist nichts Verruchtes oder Kompromittierendes zu finden – die Frauen sehen völlig natürlich und fröhlich aus.
Auch ein Rücken kann entzücken? Besonders beim Blick durch den Türspalt.