Fleischerei: Kluß kommt mit Schlüter für Bothe
<p>Fleischer-Wechsel (v.li.): Michael und Birgit Bothe räumen im April am Okeraner Höhlenweg den Laden. Sohn Sven Bothe geht in Goslars Altstadt. Foto: Epping</p>
Oker. Nach fast 110 Jahren endet am 1. April die Familienhistorie der Fleischerei Bothe am Höhlenweg. Altstadt-Meister Henning Kluß führt die Tradition fort und setzt auf Hans-Joachim Schlüter.
Die traurige Nachricht: Am 1. April endet eine fast 110-jährige Familientradition, wenn an diesem Samstag die Fleischerei Bothe zum letzten Mal die Türen ihres Ladens am Höhlenweg öffnet. Die frohe Kunde für die Kunden: Nur wenige Tage später geht es in der folgenden Woche unter neuer Flagge weiter, wenn der Goslarer Altstadt-Fleischermeister Henning Kluß das Geschäft fortführt – mit einem bekannten Gesicht hinter dem Tresen.
Mit Hans-Joachim Schlüter, den alle Welt nur „Jockel“ nennt, feiert ein – ebenfalls gelernter – Fleischermeister ein unverhofftes Comeback in der Stadt. Der 52-Jährige hatte sein Geschäft am Jürgenohler Marktplatz im Juli 2013 an Kluß weitergegeben und steigt jetzt als Leiter des Okeraner Geschäfts wieder ein. „Zurück zu den beruflichen Wurzeln – die Lebensplanung hat sich eben geändert, und das Angebot hat einfach gepasst“, sagt Schlüter.
Für den 48-jährigen Kluß ist Oker nach dem Stammhaus an der Kornstraße und dem Laden an der Danziger Straße die insgesamt dritte Filiale. „Wir haben in Jürgenohl gute Erfahrungen gemacht, das bekräftigt uns, jetzt den nächsten Schritt zu wagen“, erklärt er. Henning Kluß selbst hatte das Geschäft Anfang 1998 von seinem Vater Siegbert Kluß übernommen, der es wiederum 1973 vom Vater übergeben bekommen hatte.
Seit 1958 ist die Familie Kluß in der Altstadt ansässig. Die Fleischer-Tradition geht allerdings bis 1905 zurück, als der Urgroßvater in Striegau bei Breslau als Meister sein Geschäft eröffnete. Nach dem Weltkrieg ging es über Ringelheim nach Goslar. Ein Dutzend Beschäftigte zählt sein Unternehmen momentan – viele arbeiten in Teilzeit. Ein weiterer Angestellter kommt demnächst hinzu, wenn mit dem 30-jährigen Sven Bothe der insgesamt dritte Fleischermeister einsteigt.
Der Okeraner Junior wird allerdings nach Goslar wechseln und dort in der Produktion arbeiten. Seine Eltern Michael (57) und Birgit (55) waren – wie bei Kluß – die vierte Okeraner Fleischer-Generation in der Familie Bothe. Sein Uropa Wilhelm Bothe Senior hatte nach Unterlagen der Handwerkskammer Ende 1906 den Antrag gestellt, im Eckhaus am Höhlenweg sein Geschäft zu eröffnen.
Der zweite Wilhelm Bothe baute 1936 das Schlachthaus grundlegend um. „Mein Opa hatte damals den ersten gekühlten Verkaufstresen weit und breit“, erzählt Michael Bothe nicht ohne Stolz, dessen Vater als Dritter in der Reihe ebenfalls den Vornamen Wilhelm trägt und 1962 den Staffelstab übernahm. 30 Jahre später trat Michael Bothe an die Spitze des Betriebes – und verpachtet den Laden jetzt nach einem Vierteljahrhundert als Selbstständiger an Henning Kluß.
„Wir haben das Geschäft zuletzt nur noch zu dritt ganz in der Familie geführt“, sagt Bothe und nennt gesundheitliche Gründe für den Schritt, „wir haben lange überlegt, aber es ist am Ende die beste Lösung.“ Ob die hochgelobte Harzer Stracke oder die gern gekaufte Kugelrotwurst – mit seinem Fleisch-Sortiment aus eigener Schlachtung hat Michael Bothe eine große Zahl an Stammkunden gebunden.
„Wir sind dankbar für das langjährige Vertrauen, das uns so viele Menschen entgegengebracht haben“, sagt Bothe und nennt beispielhaft Harri Busch, über dessen eiserne Hochzeit mit Ehefrau Annemarie die GZ erst am 1. März berichtet hatte. „Der Harri kauft schon seit 1938 bei Familie Bothe ein“, verrät Bothe und hofft, dass er und viele andere auch Nachfolger Kluß treu bleiben.
In der Altstadt schlachtet Meister Kluß zwar nicht mehr selbst. Er setzt aber aus Überzeugung auf regionale Produkte und auf das vom Harzer Tourismusverband verliehene Herkunfts- und Qualitätssiegel „Typisch Harz“. Das Schweinefleisch etwa bezieht sein Betrieb ausschließlich vom Hof der Familie Greve in Bockenem/Mahlum aus artgerechter Tierhaltung. In Oker sollen zudem eigene Gosebier-Spezialitäten und ein Käse-Sortiment Einzug halten. Klar: Mit der Erweiterung will Kluß als Geschäftsmann in erster Linie Geld verdienen. „Ich bin aber auch der Meinung, dass kleine Fachgeschäfte nicht verschwinden und vor den großen Märkten kapitulieren dürfen“, erklärt der Vize-Obermeister der Fleischer-Innung Goslar-Salzgitter.
Erster gekühlter Verkaufstresen weit und breit: Die Aufnahme aus dem Jahr 1936 zeigt mit Margarethe und Wilhelm Bothe die zweite Familien-Generation. Foto: Privat
Blick in die Zentrale an der Kornstraße (v.l.): Hans-Joachim Schlüter leitet künftig die Okeraner Filiale für Chef Henning Kluß. Foto: Heine