Fitnesstraining auf der Treppe und spontane Balkonfeten
Beim Einzug in den Weberturm muss der nicht zerlegbare Küchenschrank mit einer Seilwinde über den Balkon ins Haus gebracht werden, weil er nicht durch das enge Treppenhaus passt. Fotos: Archiv Borchers
Ihre Erinnerungen ans alltägliche Leben im Baudenkmal Weberturm vor dessen Verkauf und Modernisierung schreibt GZ-Redakteurin Christina Borchers auf.
ob ich den Turm vermisse, wurde ich in den ersten Jahren nach meinem Umzug zurück in meine Heimatstadt Langelsheim gefragt. Nein, bis heute nicht. Es ist schon angenehm, nicht mehr gleich zahlreiche Treppenstufen überwinden zu müssen, nur weil man den Korkenzieher für die Flasche Wein im Wohnzimmer liegen lassen hat, ihn jetzt aber in der Küche braucht. Solange ich mit meinem Mann im Goslarer Weberturm lebte – immerhin 16Jahre – , hieß eine solche Nachlässigkeit, dass man 24Stufen hinunter ins Wohnzimmer (1. Stock) und dann wieder hinauf in die Küche (2. Stock) laufen musste. Zwischen den übrigen, verschieden hohen Geschossen, sieben an der Zahl (ohne Keller gerechnet), lagen jeweils rund ein Dutzend Stufen. Vom Erdgeschoss bis zum Dachgeschoss mit dem vom Vorbewohner so getauften „Dornröschen- Zimmer waren es 86 Stufen.
Bevor man einen Raum verließ, überlegte man sich da schon genau: „Hast Du jetzt alles dabei, was nicht in dieses Zimmer gehört?“ Alternative zum Achtsamkeitstraining: Mehr Korkenzieher kaufen (oder Telefone installieren – oder Blumengießkannen aufstellen). Die Mehrfachausstattung mit vielen Dingen war damals nötig, wenn man das Konditionstraining auf dem hauseigenen Fitnessgerät „Treppe“ nicht übertreiben wollte.
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Ob sich die Feriengäste, die heute den Turm für einen Urlaub buchen, solche Dinge wohl vorher klar machen? Wohl kaum, denn das historische Gemäuer aus dem 13.Jahrhundert hat reichlich Charme. Und der war es auch, der meinen Mann dazu brachte, den im Jahr 1985 über einen Goslarer Makler zur Miete angebotenen Turm zu begehren. Der Turm, damals noch im Eigentum der Stadt, war verpachtet an den Sohn des Architekten, der das 1945 ausgebrannte Gebäude innerhalb von zwei Jahren zu einem Wohnturm ausgebaut hatte. Da die alten Holzdecken den Flammen zum Opfer gefallen waren, ließ der Mann Betondecken und -treppen einziehen. Wir konnten 1986 in seinen Pachtvertrag einsteigen.
Kalt war es im Turm vor allem im Winter, denn den im unteren Bereich immerhin 1,80 Meter dicken Mauern fehlte eine Dämmung. Was die Heizkosten enorm steigerte. Im ersten Winter, in dem bis zu 20Grad minus herrschten, erfroren mir die Kakteen, die im ungeheizten Treppenhaus in den Fensternischen standen.
Aber es gibt auch schöne Erinnerungen: Unvergessen sind etwa die vielen Spontanpartys auf dem lang gestreckten Balkon, dem ehemaligen Wehrgang. Praktischerweise grenzt der nämlich bis heute an die Küche. Auch eine Fete zu meinem 30. Geburtstag ist noch vielen meiner damaligen Gäste in Erinnerung: Freunde und Kollegen von der GZ speisten in der Küche, verteilten sich im Treppenhaus und tanzten im Wohnzimmer gemeinsam Sirtaki. Mit in der Tanzrunde auch unser damaliger, beliebter und verehrter Chefredakteur Andreas Mueller.
Der Balkon war im Sommerunser Wohnzimmer. Auf ihm verbrachten wir so manchen Feierabend, auch dann noch, als uns Ende der 1990er Jahre die atemberaubende Aussicht auf den Rammelsberg durch den Bau eines Wohn- und Geschäftshauses am Vogelsang genommen worden war. Und meine Liebe zum Gärtnern nahm auf diesem Balkon auch ihren Anfang. Dort baute ich die ersten Tomaten, Kräuter und Erdbeeren in den Kästen an.