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Plastikmüll

Eurawasser fischt etwa 100 Tonnen Müll jährlich aus dem Abwasser

Betriebsleiter Jörg Hinke erläuterte, wie die Zentralkläranlage an der Halberstädter Straße mit Mikroplastik umgeht.  Archivfoto: Franke

Betriebsleiter Jörg Hinke erläuterte, wie die Zentralkläranlage an der Halberstädter Straße mit Mikroplastik umgeht. Archivfoto: Franke

Goslar. Wattestäbchen, manche Damenbinden sowie auch Verpackungen haben etwas gemeinsam. Sie enthalten Kunststoff – und sind im Abwasser fehl am Platz. Dennoch fischen Jörg Hinke und sein Team solchen Müll täglich aus dem Abwasser.

Von Sarah Franke Donnerstag, 13.09.2018, 15:34 Uhr

 „Auch Essensreste und Fette gehören in den Mülleimer und nicht in den Abfluss“, sagt der technische Betriebsleiter von Eurawasser in Goslar.

Wenn jemand in der Stadt ein Wattestäbchen in der Toilette runterspült, schwimmt es durch die Kanäle bis zur Kläranlage. Schon in diesem Schritt kann es Probleme verursachen. Denn nicht nur in der Kläranlage, sondern auch auf dem Weg dorthin gibt es Pumpen. „Wattestäbchen können Pumpen verstopfen. Das gilt auch für Feuchttücher“, erläutert Hinke. Im Gegensatz zu Toilettenpapier beständen sie meist aus einem reißfesten Vlies. Zusammen mit Fett verklumpten sie sich zu großen Knäulen oder verdrehten sich durch den Wasserstrom zu einem festen Strick.

Bei einem Rundgang über das Klärwerk-Gelände zeigt Hinke zunächst die Siebanlage. An einem sich drehenden Rechen, das Prinzip ist ähnlich wie bei dem Gartengerät, bleibt Abfall hängen. Man sieht nicht nur schlammiges Toilettenpapier, sondern auch einen Einmalrasierer und Tampons. Den Müll transportiert Eurawasser zur thermischen Verwertung ab. Das heißt, er wird beispielsweise als Brennstoff für Öfen oder zur Energiegewinnung benutzt. 100 Tonnen von diesem Rechengut fallen im Goslarer Klärwerk pro Jahr an. Wie viel davon Kunststoff ist, wird nicht gemessen.

Das wenige Plastik, das in der Siebanlage nicht hängen bleibt, wird in den nächsten mechanischen Reinigungsstufen herausgefiltert. Anschließend folgt die biologische Reinigung. Um die Organik, das Fachwort für beispielsweise menschliche Ausscheidungen und Waschmittel, kümmern sich Mikroorganismen im sogenannten „Belebungsbecken“. Das saubere Wasser fließt danach in die Oker, der Schlamm wird in Faultürmen knapp einen Monat lang aufbereitet – doch selbst bis zu diesem Schritt schafft es manches Wattestäbchen.

Wenn es schon gar nicht so einfach ist, gut sichtbare Plastikstücke aus dem Abwasser zu filtern, was geschieht dann eigentlich mit dem Mikroplastik? „Das ist ein fachlich viel diskutiertes Thema“, sagt Hinke, der seit 34 Jahren für Eurawasser arbeitet. Der Umgang mit Mikroplastik in der Kläranlage sei noch nicht standardisiert.

Eine Definition hat Prof. Dr.-Ing. Michael Sievers parat, Abteilungsleiter Abwasserverfahrenstechnik an der TU Clausthal: „Mikroplastik umfasst kleinere Partikel oder Fasern aus Kunststoffen. Die Größe ist meist kleiner als fünf Millimeter.“ Es befindet sich nicht nur in Kosmetik, um als Peeling die Hautschuppen abzureiben. Mikroplastik entsteht zum Beispiel auch als Abrieb von Autoreifen oder Kunststofftextilien. In der Regel seien Kläranlagen schon heute dazu in der Lage, über 90 Prozent des Mikroplastiks zurückzuhalten, so Sievers.

Es könne schon erwartet werden, dass ein Teil des Mikroplastiks sich mit dem Schlamm verbinde und im Klärschlamm verbleibe, erklärt Hinke. „Als Entwässerer sind wir das letzte Glied in der Reinigungskette“, gibt der Klärwerk-Betriebsleiter zu bedenken. Als Beispiel nennt er den Abrieb von Kunststofffasern in der Waschmaschine. Da könnten die Hersteller ja bereits dafür sorgen, dass das Mikroplastik in der Maschine herausgefiltert werde.

Außerdem wünscht sich Abwasser-Experte Hinke mehr Wertschätzung für Wasser: „Wir machen den Hahn auf und heraus kommt trinkbares Wasser. Das ist ein hohes Gut.“ Und dessen Reinigung macht eine Menge Arbeit.

Mikroplastik ist nicht gleich Mikroplastik, weiß Prof. Dr.-Ing. Michael Sievers, Abteilungsleiter Abwasserverfahrenstechnik an der TU Clausthal: „Als besonders problematisch werden Kleinstteilchen angesehen, die kleiner als 300 Mikrometer sind.“ Solche Teile setzten sich kaum im Klärschlamm ab und gelangten deshalb vermehrt in den Umlauf. Abhilfe schaffen könnte eine Schlussfiltration, so Sievers. Dazu würden momentan viele Forschungsarbeiten durchgeführt werden.
„Partikel kleiner als 300 Mikrometer sind aus toxikologischer Sicht für unsere Gewässer besonders relevant“, sagt Sievers. Sie reicherten nicht nur vermehrt Giftstoffe an, einige wirkten auch hormonell. Diese Partikel würden Organismen am Anfang der Nahrungskette aufnehmen – so gelangt Mikroplastik schlussendlich auf den Essteller.

Betriebsleiter Jörg Hinke führt durch das Klärwerk. Hier liegt Rechengut.

Betriebsleiter Jörg Hinke führt durch das Klärwerk. Hier liegt Rechengut.

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