Ermittlungen gegen Seniorenheim: Auf den großen Schreck folgen viele Fragen
Das Seniorenpflegeheim „Haus Linde“ in Wolfshagen wird aktuell zum Verkauf angeboten . Archivfoto: Ciszewski
Wolfshagen/Braunschweig. Nach der Durchsuchung des Senioren- und Pflegeheimes in Wolfshagen und der beiden Privatwohnungen des Betreiberehepaares sowie der Heimleiterin am Montag wertet die Staatsanwaltschaft Braunschweig nun die Ergebnisse dieser Aktion aus. Das berichtete Sascha Rüegg, stellvertretender Sprecher der Staatsanwaltschaft, auf Anfrage.
Wie lange die Auswertung dauern werde, könne er noch nicht sagen. Die Ermittlungen richten sich ihm zufolge ausschließlich gegen die Betreiber und die Heimleiterin. Mitarbeiter seien davon nicht betroffen.
Die drei Beschuldigten seien weiterhin in Untersuchungshaft. Der Umfang der vermuteten Straftaten (schwerer Betrug in einem Fall, Misshandlung von Schutzbefohlenen, gefährliche und schwere Körperverletzung) sei erst im Laufe der Ermittlungen in den vergangenen Monaten zutage getreten, sagte Rüegg: „Sonst hätte man sicher früher eingreifen müssen.“ Für einen Haftbefehl müssten allerdings einige Voraussetzungen erfüllt sein. Und daran habe die Staatsanwaltschaft in der letzten Zeit gearbeitet und Beweise gesammelt. Unter anderem gehöre ein dringender Tatverdacht zu den Kriterien. Dieser habe zuletzt vorgelegen, sodass Haftbefehle ausgestellt worden seien.
Zu Informationen befragt, die Betreiber und die Heimleiterin hätten Bewohner widerrechtlich mit Medikamenten ruhiggestellt, sagte Rüegg: „Das kann ich nicht bestätigen, aber ich dementiere es auch nicht.“
Der Pressesprecher des Landkreises Goslar, Thorsten Kuszynski, erklärte, dass das Heim in Wolfshagen weiter betrieben werde. Am Montag seien vonseiten des Landkreises 29 Mitarbeiter im Einsatz gewesen, am gestrigen Dienstag und heute nur noch zwei. Die Landkreismitarbeiter haben Kuszynski zufolge die Aufgabe, den reibungslosen Betrieb des Hauses zu gewährleisten. Danach sollen Mitarbeiter des Landkreises nur noch eingesetzt werden, wenn der Landkreis oder die nun eingesetzte Heimleitung Bedarf dafür sieht. Aufgefallen war die Einrichtung der Heimaufsicht beim Landkreis bei Routinekontrollen. Die Anzeige, so Kuszynski, sei erfolgt, als man an die Grenzen seiner Möglichkeiten gelangt sei, die Unregelmäßigkeiten selbst aufzuklären.
Für ihn seien die Vorgänge rund um die Einrichtung am Montag „ein Hammer“ gewesen, wie es gestern ein Wolfshäger formulierte, dessen Angehörige in dem Haus untergebracht waren. Man nehme im Licht der aktuellen Entwicklungen bestimmte Vorgänge aus der Vergangenheit anders wahr, räumte er ein. So habe bei Besuchen des medizinischen Dienstes der Grad der Verwirrtheit bei einigen Bewohnern zugenommen, und an die Aufstockung einer Pflegestufe habe sich die Verschlechterung des Gesundheitszustandes angeschlossen, berichtet er und legt Wert auf die Feststellung, dass es sich dabei um seine subjektiven Eindrücke handle. Im Ort gebe es eine differenzierte Meinung über die Einrichtung. Er fügt hinzu, dass eine Bewertung der Versorgung in den vergangenen Monaten durch die Corona-Pandemie erschwert wurde, insbesondere bei dementen Bewohnern, die stark unter den Besuchseinschränkungen gelitten hätten.
Auf den Schrecken über die Vorwürfe, die nun im Raum stehen, seien bei ihm Selbstvorwürfe gefolgt, sagt er. „Vielleicht hätte man vorher schon genauer hinsehen müssen und war zu bequem.“
Ein weiterer Wolfshäger, dessen Mutter in der Einrichtung intensiv gepflegt wird, erzählt, dass die Heimaufsicht des Landkreises ihn „vor rund einem Vierteljahr“ angerufen habe. Er sei gefragt worden, ob seiner Mutter Fragen bezüglich Unterbringung und Versorgung gestellt werden dürfen, und habe eingewilligt. Gewundert habe er sich dann, dass sich einige Tage später die Heimleiterin bei ihm gemeldet habe und wissen wollte, ob er der Heimaufsicht seine Zustimmung gegeben habe. Darüber hinaus habe er aber keine Auffälligkeiten bemerkt. Auch die Tatsache, dass Besucher klingeln mussten, bevor sie das Gebäude betreten konnten, habe ihn nicht gewundert. Er habe vermutet, dass es zur Sicherheit der Bewohner sinnvoll sei.