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Eine Stadt und ihre Spitznamen

<p>Dr. Rudolf Thomas stellt sein Spitznamen-Buch vor. Foto: Seltmann</p>

<p>Dr. Rudolf Thomas stellt sein Spitznamen-Buch vor. Foto: Seltmann</p>

Braunlage. Dr. Rudolf Thomas stellte das Spitznamen-Buch vor, an dem er seit 2006 mithilfe der Braunlager Bevölkerung gearbeitet hat.

Von Ina Seltmann Montag, 31.10.2016, 11:45 Uhr

Brechend voll war die Hapimag-Scheune am Sonntagvormittag, als Dr. Rudolf Thomas sein Spitznamen-Buch vorstellte. „60 Prozent der Anwesenden kommen im Buch vor, der Rest kennt jemanden, der drin vorkommt oder ist einfach neugierig“, vermutete Jürgen Schütz am Rande der Veranstaltung. Das Vorstandsmitglied der Braunlager Museumsgesellschaft kann sich freuen: Thomas stiftet den Erlös aus den Buchverkäufen dem Verein.

Dass da einiges zusammenkommen wird, war schon klar, als die Schlange derer, die sich ein Exemplar signieren lassen wollten, nicht abriss. Ein perfektes Weihnachtsgeschenk und so persönlich wie es nur geht. Denn mehr als 1490 Spitznamen, allesamt aus Braunlage, sind in dem Werk verzeichnet.

Eine lange Recherchezeit liegt hinter Thomas, der kurzweilig und interessant Geschichten rund um die Entstehungsgeschichte und rund um die Braunlager Spitznamen erzählte. Seit 2006 arbeitet er daran, unterstützt wurde er von der Bevölkerung. 200 Namen wurden denn auch als Mitarbeiter verewigt in dem hochwertig aufgemachten Werk, das zudem zahlreiches Bildmaterial sowie 210 Orts-Spitznamen und Schtippschterekens (Geschichten) vorweist und im Eigenverlag erschien.

Thomas stammt aus Braunlage, wurde dort 1938 geboren, besuchte die Schule und machte Abitur. Und auch wenn er beruflich in die Ferne zog, kehrt er doch immer wieder in die alte Heimat zurück, auch nach dem Tod seiner Eltern.

„Schriff datt opp“ heißt das Buch. Der Satz, aus Braunlager Platt ins Hochdeutsche übersetzt, bedeutet „schreib das auf“. Seine Großmutter Hermine hatte den Knaben Rudolf dazu aufgefordert. Denn Rudolf hatte nicht zuletzt von der Oma so viele Braunlager Geschichten gehört. Wenn er mit ihr zum Friedhof ging, die Verwandten begießen, wurde von einem Grabstein zum nächsten gezeigt. Dort lag der alte „Deubel“, da der alte „Moses“, und Rudolf schnappte als Schüler, der in Braunlager Betrieben jobbte, noch viele Spitznamen mehr auf.

Nun hat er sie aufgeschrieben. Und während er Geschichten von Namen preisgab, gab es immer hie und da halblaute Äußerungen: „Ja, den kenne ich auch.“Ein großes Hindernis auf dem Weg zur Entstehung des Buches, zu dem auch Karl-Günther Fischer mit seinerseits bereits gesammelten Spitznamen beitrug, war dann der Zweifel.

Denn wenn auch breite Zustimmung im Ort zu diesem Unterfangen signalisiert worden war, habe es doch einige gegeben, die nicht auftauchen wollten in dem Buch. Oder wenn, dann nicht mit allen Spitznamen. Gar nicht so selten haben Menschen nämlich mehrere, der Autor eingeschlossen.

So fiel die Entscheidung, alle Klarnamen wegzulassen, alles, was zur Identifizierung beitragen könnte. Thomas ist voll des Lobes über die Bereitschaft der Braunlager, über sich und ihre Familien zu erzählen. Und er hebt die Fantasie, den Witz, Schabernack und das kleine bisschen Bosheit der Bevölkerung bei der Findung von Spitznamen hervor.

Sehr bedauerlich fanden viele Besucher diese Entscheidung, und manche murrten über die, die nicht zu ihren Spitznamen stehen wollten. Am Rande wurde schon vermutet, dass bald ein inoffizieller Einleger zu dem Buch in der Stadt kursieren könnte – wo alle Namen draufstehen...

Ein Spitzname ist ein Ersatzname für den realen Namen und entsteht durch außergewöhnliche Handlung oder Eigenschaft, als Anerkennung oder aus Spott, so der Autor Dr. Rudolf Thomas. Spitznamen würden häufig vererbt. In Braunlage stünden sie meist in Kombination mit dem Nachnamen, der dann im Genitiv genannt wird.

Beispiele für Braunlager Spitznamen: „Malchbonbon“ - ein Drogist, der das „z“ nicht sprechen konnte (und bei dem deswegen oft Malzbonbons verlangt wurden); „Morgenstunde“ - er hatte viele Goldzähne; „Zehn nach Zwölf“ oder „Rechts außen“ - die Fußstellung zeigte nach außen; „Kartreit“ - er sah Joe Cartwright von „Bonanza“ ähnlich, seine Arbeitsstelle wurde entsprechend „Ponderosa“ genannt.

Spitznamen haben Synonyme: Der „Brathering“ wurde auch „Büchsenfisch“ genannt.

Spitznamen werden vererbt: „Kuckuck“ ist der älteste Spitzname (1847), ihn gibt es siebenmal.

Spitznamen werden verkleinert: Der Vater hieß „Gurkendoktor“, der Sohn „Cornischong“; der Vater hieß „Sofa“ (nach einer Kriegsverletzung“, der Sohn ebenfalls, der Enkel dann „Schesselong“; der Großvater hieß „Kilometer“, die Nachfahren „Meter“, „Zentimeter“ und „Millimeter“.

4Eine kürzlich erlebte Begebenheit stellte Thomas an den Schluss seiner Buchvorstellung und gab damit auch all denen eine Antwort, die sich gegen die Auflistung der wahren Namen ausgesprochen hatten. Auf dem Friedhof habe er die Tochter von „Fred Feuerstein“ (dessen Frau hieß Wilma) getroffen. Ihr Kommentar zum Spitznamen-Buch: „Ist doch schön, dass sich mal einer an meinen Vater erinnert.“

Das Buch „Schriff datt opp“ kostet 24,50 Euro, hat 256 Seiten und zahlreiches Bildmaterial und ist erhältlich in der Buchhandlung Bonewitz, im Heimatmuseum, in der Stadtbücherei und bei Reinecke-Junker, Elbingeröder Straße 7.

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