Ein alter Wein ist keine Antiquität
Staubige alte Flaschen mit klangvollen Namen auf dem Etikett. Der Inhalt hatte leider seine beste Zeit schon hinter sich. Foto: Horn
Treue Leser erfreuen einen jeden Journalisten. „Sind sie der Mann fürs Kulinarische bei der GZ?“ erreichte mich vor einigen Tagen ein geheimnisvoller Anruf.
Mein „im Prinzip ja“ brachte mir eine Einladung zu einem spektakulären Garagenbesuch. Ein älterer Herr, jahrzehntelang in der Goslarer Gastronomie eine Institution, wollte mir seine alten Weine schenken. Er hatte von meinen mehr oder weniger erfolgreichen Verkostungsexperimenten mit alten Kellerschätzchen gelesen und wollte mir eine Freude machen. Jahrelang hatte er selbst Weine gekauft fürs Geschäft aber auch für privat. Namhafte französische Tropfen aus dem Burgund sind darunter. Vieles, was eigentlich hätte gut gelagert werden müssen, geriet in Vergessenheit, landete in einer alten Garage und war jetzt in einem entsprechend beklagenswerten Zustand. Aber einen Versuch ist es doch wert, wenn man auf dem Etikett so klangvolle Namen wie Montrachet, Meursault oder Beaune liest. Burgunder können durch Lagerung an Reife gewinnen. Aber ob das auch für Garagenlagerung gilt?
Die Mehrzahl der Weine stammt vom Weingut Philippe Bouzereau. Die Familie Bouzereau ist bereits seit zehn Generationen als Winzer in Meursault ansässig. Wobei allerdings im Laufe der Jahre durch die Erbfolge die Kinder und Kindeskinder das Land mehrmals geteilt haben, sodass es jetzt mehrere Winzer mit dem Namen Bouzereau gibt.
Von Philippe Bouzereau steht als Erstes ein Weißwein zur Verkostung an, der wegen der feuchten Lagerung sein kleines Etikett am Flaschenhals eingebüßt hat, auf dem der Jahrgang vermerkt war. Außerdem musste ich mir erst einmal klar werden, dass Weißer aus Burgund nicht unbedingt etwas mit Weißburgunder, einer in Deutschland beliebten Traubensorte, zu tun hat. Im Burgund werden nämlich bevorzugt Chardonnay und Aligoté gekeltert. Beim Roten aus dem Burgund ist es einfacher, er wird meist aus Pinot Noir, also Spätburgunder, gewonnen.
Vor der ersten Flaschenöffnung, zu der ich mir sachkundige Unterstützung eingeladen hatte, zeigte sich ein kleines Problem. Was, wenn gleich die erste Flasche gut ist. Sollen weitere geöffnet oder erst mal die eine genossen werden. Denn eine echte Weinprobe, wo gleich mal ein Dutzend Flaschen geöffnet werden, macht man ja nicht zu Hause, wenn man nicht weiß, dass diese Flaschen anschließend auch ausgetrunken werden. Am alten Burgunder zu nippen und ihn dann wegzugießen, welcher Weintrinker mit Herz und Verstand macht so etwas?
Unsere Sorge war grundlos. Beim Vorsichtigen ziehen am Korken, kam der mir entgegen geknallt und verzierte meine Küchendecke. Der Wein muss nachgegoren haben. Auch der Zweite, das ursprüngliche Gelbgold hatte sich in ein Orange verfärbt, war nur für den Ausguss.
Der erste Rote, einen 1986 Beaune-Teurons, war zumindest trinkbar, aber leider kein Genuss, im Geschmack säuerlich und kurz, ohne Nachhall. Erst ein einfacher Burgunder von 1989 und ein Santenay von 1990 brachten ein wenig Freude in die Weinrunde. Sie schmeckten nach roten Früchten, waren dicht und tief mit kräftigem Tannin. Ihnen fehlte allerdings das Bukett, das einen guten Pinot Noir auszeichnet, und auch der geschmackliche Nachhall war eher gering. Auch diese Weine hatten ihren Reifehöhepunkt leider schon überschritten.
Fazit: Wer sich etwas Gutes tun will und einen besonderen Tropfen für eine besondere Gelegenheit aufhebt, sollte diese dann nicht verpassen. Denn ohne perfekte Räumlichkeiten und das nötige Fachwissen ist die Lagerung und Reifung von Wein ein Lotteriespiel, bei dem man meist verliert. Also egal, wie teuer der Wein einmal war, lieber trinken und Freude daran haben. Es ist schließlich ein Lebensmittel und keine Antiquität, die man sich auf die Anrichte stellt. Auch wenn so mancher edle alte Wein wohl nur deshalb gekauft und niemals getrunken wird, schade. Schreiben Sie dem Autor eine E-Mail unter michael.horn@goslarsche- zeitung.de.