Ein Narzisst ist sich selbst der Nächste
Namensgeber der Persönlichkeitsstörung Narzissmus ist der griechische Halbgott Narziss. Auf diesem Bild von John William Waterhouse blickt Narziss (re.) selbstverliebt ins eigene Spiegelbild. Seine Verehrerin, Nymphe Echo, lässt er links liegen. Foto: dpa
Wie tickt jemand, der krankhaft ichbezogen ist? Darüber sprach die GZ mit dem Narzissmus-Experten Professor Claas-Hinrich Lammers (54), Chefarzt für Psychiatrie an der Asklepios Klinik Hamburg-Ochsenzoll.
Ein Mensch mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist sehr selbstbezogen und hat ein sehr starkes Selbstbewusstsein, das nicht mit der Realität einhergeht. Dazu kommt bei einem Narzissten eine hohe Anspruchshaltung bezüglich dessen, was ihm im Leben zusteht und wie andere ihn zu behandeln haben. Und er hat sehr wenig Empathie. Andere Menschen sind ihm nur insoweit wichtig, als dass sie sein Ziel und seine Ideen unterstützen. Aber narzisstische Persönlichkeitszüge können in bestimmten Kontexten auch hilfreich sein – als Präsident der Vereinigten Staaten zum Beispiel muss man solche Persönlichkeitszüge einfach haben...
Wenn Sie in diesem Amt von Selbstzweifeln geplagt sind, ständig vor Mitleid für andere Menschen zerfließen und nicht in der Lage sind, an Ihren Ideen festzuhalten und sich von anderen abzugrenzen, dann sind Sie einfach ein extrem schlechter Präsident. Das Ganze kann in dem Moment kippen, in dem man selbst darunter leidet.
Das Selbstwertgefühl der Betroffenen ist oft sehr brüchig, es speist sich aus äußeren Erfolgen. Wenn die Beachtung ausbleibt, können diese Menschen total zusammenbrechen, weil sie keinen gesunden, stabilen inneren Selbstwertkern haben. Mit Misserfolgen können narzisstische Menschen nicht umgehen. Das ist oft der Punkt, an dem so jemand zum Arzt geht: Wenn er eine berufliche oder private Krise hat und darunter depressiv wird – oder sogar suizidal. Aber Narzissten tun sich schwer damit, in Therapie zu gehen. Denn für sie ist es wie eine Bankrotterklärung, mit jemandem über ihre Schwächen reden zu müssen.
Es geht ihm bei allem nur um die eigenen Interessen. Bedürfnisse des Partners werden schlichtweg ignoriert und nicht berücksichtigt. Das fängt bei banalen Dingen an wie der Frage, welchen Film man abends schaut oder was man am Wochenende macht, und geht bis zu den ganz wichtigen Lebensentscheidungen. Was noch auffällig ist: Ein Narzisst möchte immer im Mittelpunkt stehen. Neben dieser Person hat ein Partner keinen Raum, keinen Platz.
Man muss unterscheiden zwischen eitel und narzisstisch. Natürlich sind berühmte Schauspieler oder Musiker alle Menschen, die gerne im Mittelpunkt stehen und Aufmerksamkeit von anderen haben wollen. Viele setzen aber gerade vor der Kamera ein Gesicht auf, das absolut kontextgebunden ist – und wir wissen nicht, ob sie, wenn die Kamera aus ist, nicht ganz andere Menschen sind. Bei einem pathologischen Narzissten aber ist entscheidend: Es fehlen ihm Mitgefühl und Einfühlungsvermögen. Für ihn sind andere nur Material.
Wenn Sie einen narzisstisch gestörten Chef haben, haben Sie eigentlich keine Chance. Denn die Vorstellung, dass Sie ihn durch Argumente überzeugen könnten, dass Sie im Recht sind und er nicht, können Sie vergessen. Lassen Sie sich nicht auf einen individuellen Kampf ein. Verbünden Sie sich mit anderen. Sie können einen narzisstischen Chef nur verdrängen, wenn viele Mitarbeiter Ihrer Meinung sind und Sie klarmachen können, dass von diesem Chef ein deutlicher Schaden für das Unternehmen ausgeht.