Zähl Pixel
GZ-Archiv

Ein Hauch von Verdun für den Familienausflug

Reenactment-Darsteller, also Leute, die versuchen, eine vergangene Epoche historisch so korrekt wie möglich und lebendig darzustellen, werden auch am Wochenende die Schützengräben bevölkern. Im Laufe des Ersten Weltkrieges kehrt das deutsche Heer übrigens von den Pickelhauben als Schutz ab. Der Nachfolger, der Stahlhelm M 16, wurde im Eisenhüttenwerk Thale produziert. Fotos: Gereke, Archiv Hutfilz

Reenactment-Darsteller, also Leute, die versuchen, eine vergangene Epoche historisch so korrekt wie möglich und lebendig darzustellen, werden auch am Wochenende die Schützengräben bevölkern. Im Laufe des Ersten Weltkrieges kehrt das deutsche Heer übrigens von den Pickelhauben als Schutz ab. Der Nachfolger, der Stahlhelm M 16, wurde im Eisenhüttenwerk Thale produziert. Fotos: Gereke, Archiv Hutfilz

Die Erinnerung lebt wieder auf, genau 100 Jahre danach. Bilder zeigen Mondlandschaften, die mit Granattrichtern übersät sind. Soldaten, die Gasmasken tragen. Gefallene, Verwundete. Knochen Getöteter. Sinnbild für das Gemetzel im Ersten Weltkrieg ist Verdun, wo eine der blutigsten Schlachten der Weltgeschichte tobte. Und in den Spiegelsbergen bei Halberstadt gibt es ein historisches Baudenkmal, das aus dieser Zeit stammt: die Medingschanze. Ein Schützengrabensystem, vor 100 Jahren geschaffen, um Soldaten auf den Fronteinsatz vorzubereiten.

Von Andreas Gereke Samstag, 11.06.2016, 08:15 Uhr

Die Erinnerung lebt wieder auf, genau 100 Jahre danach. Bilder zeigen Mondlandschaften, die mit Granattrichtern übersät sind. Soldaten, die Gasmasken tragen. Gefallene, Verwundete. Knochen Getöteter. Sinnbild für das Gemetzel im Ersten Weltkrieg ist Verdun, wo eine der blutigsten Schlachten der Weltgeschichte tobte. Und in den Spiegelsbergen bei Halberstadt gibt es ein historisches Baudenkmal, das aus dieser Zeit stammt: die Medingschanze. Ein Schützengrabensystem, vor 100 Jahren geschaffen, um Soldaten auf den Fronteinsatz vorzubereiten.

„Es ist das einzige in Deutschland noch existierende Schützengrabensystem dieser Art“, macht Roswitha Hutfilz auf ein Alleinstellungsmerkmal aufmerksam. Sie ist vom Vorstand des Vereins Halberstädter Berge, der sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, die Medingschanze wieder in Erinnerung zu rufen. Vor einigen Jahren begann der Verein, das in Vergessenheit geratene Grabensystem archäologisch zu untersuchen.

Errichten ließ das Schützengrabensystem einst Hauptmann Werner von Meding, Kommandant des in Halberstadt stationierten Ersatzbataillons des Infanterie-Regiments Nr. 27. Beim Bau flossen erste Kriegserfahrungen mit ein. Es diente den Soldaten der Garnisonsstädte Halberstadt und Quedlinburg als Übungsplatz für die Front. „Die Lage zwischen beiden Städten ist ein Grund, warum er auch heute noch zu erleben ist. Andernorts in Deutschland gab es so etwas auch – bis expandierende Städte es unter sich begruben“, erzählt Hutfilz.

Die Medingschanze überstand aber nicht nur Stadtexpansion, sondern auch die DDR. „In den 1970er Jahren wurde eine Forststraße mitten durch die Schanze gebaut – weitere Zerstörungen gab es nicht. Sogar das Denkmal an der Schanze, das an die Gefallenen der Halberstädter Garnison erinnert, wurde nicht gesprengt“, erzählt sie. In den Waldboden gegraben und in den Sandstein der Spiegelsberge gehauen, schlängeln sich Angriffs-, Verteidigungs- und Versorgungslinie durchs Erdreich. „Nie schnurgerade, sondern immer verwinkelt, damit bei Volltreffern die Druckwelle so wenig Soldaten wie möglich tötet“, erklärt Expertin Hutfilz. Die Gräben liegen dicht beieinander. „Hier auf dem Übungsplatz ist die Anlage gestaucht angelegt. Zwischen den drei Linien liegen nur wenige Meter, an der Front waren sie 300 bis 400Meter auseinander“, fügt sie an. Öffnungen für bombensichere Unterstände seien immer feindabgewandt gewesen. „Hier war eine Minenwerfer-Stellung, dort der Platz für das MG-Nest“, erläutert sie die Punkte, die bei den Ausgrabungen zutage traten. Archäologen entdeckten Hunderte Fundstücke – darunter auch ein Medaillon und einen deutschen Siegestaler aus dem Krieg 1870/71 gegen Frankreich, der in einer Felsspalte steckte.

Sicher ist nur: Der, der ihn hineinsteckte, hat ihn nicht mehr abgeholt. Vielleicht erhielt ein junger Mann diesen Taler als Glücksbringer, weil der auch Vater oder Großvater 1870/71 vorm Tod bewahrt hatte. Er selbst hatte aber dieses Glück wohl nicht.“ Andere Soldaten, die einst in der Medingschanze für die blutigen Stellungsschlachten ausgebildet worden waren, verewigten sich anders: „Sie haben ihre Namen, teils mit Dienstgrad, in die Felsen geritzt.“

Heute wachsen große Bäume auf dem Schanzenareal. „Damals stand hier nichts, es war Schafwiese. Das entsprach aber dem Landschaftsbild an der Front, wo die Granaten alles zerfetzt hatten“, sagt sie. Nach Ausgrabung der Schanze erfüllten sie bereits sogenannte Reenactment-Darsteller mit soldatischem Leben. Das sind Darsteller, die versuchen, eine vergangene Epoche historisch so korrekt wie möglich und lebendig darzustellen – eben den Stellungskrieg im Ersten Weltkrieg. „Sie waren erstaunt, wie eng ein Original-Schützengraben ist“, sagt Hutfilz. Aber Enge war nur das Eine. Krankheiten, Matsch, Trommelfeuer, MG-Beschuss, Angriffe, Nerven zerfetzendes Ausharren kamen an der Front hinzu.

Der Gedanke an einen Schützengraben verbreitet heutzutage Schrecken – das war nicht immer so. Die Kriegsbegeisterung zu Beginn des Ersten Weltkriegs, die Propaganda, dass nur das Stahlgewitter der Front einen Mann zum Mann macht – all das gehört zu jener Zeit vor 100 Jahren. „In Nachbarschaft zur Medingschanze befand sich die Ausflugsgaststätte Grüner Jäger. Ein beliebtes Ziel für Familien – und der Spaziergang führte anschließend durch die Schanzenanlage“, erzählt Hutfilz. Das war gegen ein kleines Entgelt möglich – die Einnahmen waren für die Unterstützung von Kriegsveteranen und -witwen bestimmt. Das Relikt diente also auch der publikumswirksamen Darstellung des damals neuartigen Stellungskampfes. „Sie war besonders gut ausgebaut, sodass der Eindruck entstehen sollte: Männern an der Front kann nichts passieren.“

Doch der Stellungskrieg forderte einen hohen Blutzoll. Aus diesem Grund beginnt die Veranstaltung „100 Jahren Medingschanze“ heute auch mit einem Gedenken samt Kranzniederlegung für die Opfer. Hutfilz: „Das Andenken zu bewahren ist uns wichtig.“

HINTERGRUND

Der Verein Halberstädter Berge lädt heute (10 bis 17 Uhr) und am morgigen Sonntag (9 bis 13 Uhr) zur Veranstaltung „100 Jahre Medingschanze“ ein. Nach der Kranzniederlegung am Samstag stehen Führungen durch die Grabenanlage auf dem Programm. Zahlreiche nationale und internationale Darsteller haben zugesagt, um an ein Stück Zeitgeschichte zu erinnern. Die Organisatoren bitten, dass Besucher Parkplätze in der Hans-Neupert-Straße und am Tiergarten nutzen sollten. Von dort sind es gut zwei Kilometer zu Fuß zum Veranstaltungsgelände. Für einen kleinen Kostenbeitrag verkehrt aber auch ein Busshuttle.

Das Ehrenmal inmitten der Medingschanze bei Halberstadt auf einer fast 100 Jahre alten Postkarte...

Das Ehrenmal inmitten der Medingschanze bei Halberstadt auf einer fast 100 Jahre alten Postkarte...

...und das Denkmal heute: Was früher Schafweide war, ist jetzt dicht mit Bäumen bewachsen.

...und das Denkmal heute: Was früher Schafweide war, ist jetzt dicht mit Bäumen bewachsen.

Im Unterstand der Medingschanze: Die Anlage ist konzipiert, um das Frontgeschehen beim Stellungskrieg zu simulieren – inklusive Kontakt zu den hinteren Linien

Im Unterstand der Medingschanze: Die Anlage ist konzipiert, um das Frontgeschehen beim Stellungskrieg zu simulieren – inklusive Kontakt zu den hinteren Linien

Besucher zwängen sich an Schautagen durch die engen Schützengräben.

Besucher zwängen sich an Schautagen durch die engen Schützengräben.

Bei archäologischen Grabungen in der Schanze findet sich dieses Medaillon.

Bei archäologischen Grabungen in der Schanze findet sich dieses Medaillon.

Der Soldat mit Pickelhaube leitet auf den Hinweisschildern den Weg zur Medingschanze in den Spiegelsbergen bei Halberstadt.

Der Soldat mit Pickelhaube leitet auf den Hinweisschildern den Weg zur Medingschanze in den Spiegelsbergen bei Halberstadt.

Die Redaktion empfiehlt
Diskutieren Sie mit!