Die schwierige Suche nach einer barrierefreien Wohnung
Jennifer Pilz packt ihre Umzugskartons. Sie freut sich auf die neue Wohnung in Goslar. Foto: Belz
Goslar/Clausthal-Zellerfeld. Jennifer Pilz merkt mit 13 Jahren, dass etwas mit ihren Händen und Beinen nicht stimmt. Damals spielt sie gerne Handball. Mit 16 Jahren, sie will bald eine Ausbildung zur Sozialassistentin beginnen, wird bei ihr nach Untersuchungen beim Arzt die Erbkrankheit HMSN I (Hereditäre motorisch-sensible Neuropathie Typ 1) festgestellt.
Die Nerven leiten Signale nicht mehr richtig weiter. Dadurch kommt es zu Muskelschwund und zu Einbußen motorischer Fähigkeiten.
Mittlerweile ist Jennifer Pilz größtenteils auf Gehhilfen und Rollstuhl angewiesen – einer der Gründe, sich nach einer neuen Wohnung umzusehen. „In Clausthal-Zellerfeld war es nicht leicht für mich, eine passende Wohnung zu finden. Und in der Stadt ist es hügelig. Da ist es für mich sehr anstrengend, lange unterwegs zu sein“, erzählt Pilz. Zurzeit wohnt sie noch in einer Hochparterre Wohnung in Clausthal-Zellerfeld.
Zur Eingangstür sind es einige Stufen, in die Wohnung nochmal zwei – von Barrierefreiheit kann hier keine Rede sein. „Eigentlich sollte diese Wohnung eine Übergangslösung sein. Ein Pluspunkt ist aber, dass meine Geschwister hier im Haus leben, die mir hin und wieder helfen können. Aber ich möchte doch unabhängiger sein. Dieser Umzug ist der erste Schritt“, sagt sie entschlossen. Und damit formuliert die heute 32-Jährige einen wohl für viele Menschen einfachen und nachvollziehbaren Wunsch.
Eine neue Wohnung zu finden ist an sich oft schon eine kleine Herausforderung. Was passt zum eigenen Budget? Innenstadt oder Stadtrand? Wenn der Faktor Gehbehinderung eine Rolle spielt, sei die Auswahl an Wohnungen nicht besonders groß, ginge laut Pilz gefühlt sogar gegen null. Es muss genug Platz sein, um sich mit dem Rollstuhl bewegen zu können. Die Dusche sollte ebenerdig sein. Vieles gibt es zu beachten.
Und an der Wohnungstür endet es noch nicht. „Jürgenohl und Ohldorf kamen für mich leider nicht infrage. Da wäre ich wie in Clausthal-Zellerfeld auf die Hilfe anderer Menschen oder den Bus angewiesen, um von A nach B zu kommen. Leider ist nicht jeder Bus barrierefrei“, unterstreicht Pilz ihre Wahl direkt in die Goslarer Innenstadt zu ziehen.
Hier hat sie nach einiger Suche und mithilfe von Peter König, dem Stadtbehindertenbeauftragten, doch noch eine passende Bleibe gefunden. Zwar habe die Altstadt auch ihre Tücken, wie zum Beispiel den Marktplatz mit seinem unebenen Pflaster. Aber das Terrain sei weniger hügelig als in Clausthal-Zellerfeld und die meisten Geschäfte seien leicht zugänglich. „Das ist ein großes Stück Lebensqualität. Und es ermöglicht mir, einen normalen Alltag zu haben. Ich komme ohne Hilfe in die Stadt und habe kurze Wege. Und ganz wichtig: Ich komme raus und unter Menschen, kann mich mit Freunden treffen“, begründet Pilz ihre Entscheidung für die Kaiserstadt.
Denn die eingeschränkte Mobilität, sei es durch die Behinderung selbst oder durch Hindernisse wie Stufen, unregelmäßige, beschädigte oder steile Fahrbahnen, führe bei einigen Menschen dazu, sich in die eigene Wohnung und sich selbst zurückzuziehen. Vereinsamung droht.
„Es ist mir wichtig, das mal so deutlich zu sagen. Es ist vielen Leuten nicht bewusst. Menschen mit Handicap möchten und müssen nicht anders behandelt werden. Es geht lediglich darum, Menschen ohne Handicap für ihre Bedürfnisse zu sensibilisieren“, fasst sie ihre Erfahrungen zusammen. Das gelte für alle Lebensbereiche.
Ein weiterer Grund für den Umzug seien die Jobmöglichkeiten in Goslar. Die Ausbildung zur Sozialassistentin hat Jennifer Pilz inzwischen abgeschlossen.
Aufgrund ihres Handicaps sei es jedoch schwierig, in ihrem Beruf zu arbeiten, erzählt die 32-Jährige. Gerne möchte sie jedoch etwas Ähnliches machen. Sie ist ehrenamtlich im Jugendring Oberharz engagiert und hilft bei der Veranstaltungsorganisation. Auch beim Sportangebot will sie sich umschauen. Ob sich aus dieser Mischung etwas ergeben wird? Das soll sich zeigen.
Doch eins nach dem anderen. Für Mai steht erst einmal der Umzug nach Goslar an. „Wenn ich mich eingelebt habe, sehe ich weiter. Erst einmal freue ich mich auf die neue Wohnung und auf die Stadt“, blickt die junge Frau optimistisch in Zukunft.