Die Nordsee erfüllt einen Traum
Der Sportler: In den goldenen Zeiten des Bad Harzburger Handballs war die Tribüne in der Deilichhalle immer voll besetzt. Das Foto zeigt Rainer Völkel beim Siebenmeter, dahinter Holger Zientek-Dreißig – seinerzeit mit wilder Lockenpracht – und Achim Bruns (rechts). Fotos: GZ-Archiv
Goslar/Weddingen. Holger Zientek-Dreißig sagt tschüss. Der Lehrer, Handballer und Künstler zieht gemeinsam mit seiner Frau Rena Dreißig ins nordfriesische Drage nach Schleswig-Holstein, etwa 20Kilometer südlich von Husum gelegen.
Am Wochenende steht der Umzug aus Weddingen in den hohen Norden an. Die Nähe zur Nordsee ist die Erfüllung eines Herzenswunsches: „Zurück ans Meer war immer mein Traum“, sagt Zientek-Dreißig, der vor 62Jahren in Oldenburg das Licht der Welt erblickte und zwei Jahre später nach Goslar kam.
Ein Paradiesvogel? Ein bunter Hund? Beide Bezeichnungen treffen ohne Zweifel, decken aber längst nicht alle Facetten eines Mannes ab, der manchen Umweg im Berufsleben nahm, aber dort, wo er wirkte, mit vollem Einsatz unterwegs war. Von den 44 Jahren, die der Lehrer für Kunst und Sport inklusive seines vierjährigen Studiums gearbeitet hat, verbrachte er neun Jahre in der freien Wirtschaft. Nach seinem Studium folgten zunächst drei weitere Ausbildungen zum Junior-Autoverkäufer bei Peugeot, zum Schwimmlehrer bei der Schwimmschule Banett und zum Chemiefacharbeiter bei H.C. Starck.
Jobben war angesagt. Zientek-Dreißig verdiente seinen Lebensunterhalt unter anderem als Taxifahrer, im Küchen- und Umzugsservice, als Verkaufsfahrer für Tiefkühlkost, als Beifahrer auf einem Bier-Laster in Bayern, als Dachdecker und Spengler, als Pumpenlackierer, Fachlagerist, Chemiefacharbeiter, Schwimmlehrer und Maurergehilfe. Auch ein Grund für dieses Potpourri an Berufen mag es gewesen sein, dass lange Zeit der Handball ein prägender Teil seines Freizeitlebens war.
30 Jahre lang war er aktiv – bei Vereinen wie dem MTV Goslar, der HSG Bad Harzburg, dem TSV Liebenburg, dem VfL Oker und dem VfL Waldkraiburg in Bayern. Von Bezirksklasse bis Oberliga, die seinerzeit die dritthöchste deutsche Spielklasse war: Zientek-Dreißig hatte Talent, Ehrgeiz – und am Ende ein Problem mit den Knien. Das lange Spielen habe seiner Gesundheit „leider im Nachhinein nicht gut getan“, sagt er heute. Als Sportlehrer war er zum Schluss nicht mehr einsatzfähig.
Zum Lehrer Zientek-Dreißig: Nach ersten sogenannten Feuerwehrstellen an der Goetheschule in Goslar 1981/82 folgte eine längere Unterbrechung. Erst 1991 stieg er in der Oberharzer Jugendheimschule der Evangelischen Jugendhilfe des Stefanstifts Hannover bei Clausthal-Zellerfeld wieder in den Beruf ein. „Meine wichtigste Zeit“, ist er überzeugt. Bis 1999 war er als Klassenlehrer im Grund- und Mittelstufenniveau in der Förderschule tätig. „Kinder über ihre Persönlichkeit zu definieren, ihnen wieder Spaß am Lernen und der Schule zu vermitteln, analytisch sowie pädagogisch mit ihnen zu arbeiten, hat meine spätere Arbeit und die Definition meiner Lehrtätigkeit maßgeblich geprägt“, sagt er. Vier Jahre war er dort Betriebsratsvorsitzender. Später ebenfalls vier Jahre lang in der Goslarer Hauptschule Kaiserpfalz im Personalrat.
Ja, die Schulen: Seit 1999 war Zientek-Dreißig an den Hauptschulen Georgenberg und Kaiserpfalz in Goslar und zuletzt an der Vicco-von-Bülow-Oberschule in Vienenburg als Lehrer aktiv. Mit der Kaiserpfalz-Berufsstarterklasse war er für ein aus seiner Sicht höchst erfolgreiches Niedersachsen-Pilotprojekt in Goslar verantwortlich. 350 von 500 Jugendlichen des ersten Jahrgangs fanden demnach im Anschluss eine Ausbildungsstelle. Aus Geldmangel stieg das Land aus. Der Landkreis finanziert das Vorhaben bis heute weiter.
Bildungsreisen nach Dänemark, Finnland, Griechenland und ins spanische Baskenland, Ausstellungen als Künstler mit Arbeiten aus dem Bereich Fotokunst, Acrylmalerei und Grafiken, das Verfassen von literarischen Texten und Poesie: Es gäbe noch so viel über den Vater dreier Söhne – zwei leiblich, ein Pflegekind – und zweifachen Opa zu erzählen. Wer mehr wissen will, kann ihn aber bestimmt auch selbst noch fragen, wenn er auf Stippvisiten in die Region zurückkehrt. Sein Pflegesohn René übernimmt das Haus in Weddingen. Der gelernte Zimmerer schwärme schon von seinen Umbau-Plänen, freut sich der Vater. Er behält so aber quasi einen Fuß in der Tür. Und wenn die Nordsee gerade im Winter einmal zu kalt und düster wirken sollte, locken bestimmt auch wieder die Harzer Berge in Niedersachsens Süden.
<p>Der Künstler: Holger Zientek-Dreißig (li.) stelle seine Werke unter anderem auf der Lewer Däle in Liebenburg aus.</p>
<p>Der Lehrer: Zuletzt war Holger Zientek-Dreißig (rechts) an der Vienenburger Vicco-von-Bülow-Oberschule tätig.</p>