Die Leichtigkeit der Marktkirche
Dorothee Austen begleitet die Projekte Kirchen-Innensanierung und Orgelneubau seit langem sehr intensiv. Vieles hat sich gewandelt, auch im Detail. Die Treppe zur Kanzel beispielsweise wurde bearbeitet.
Clausthal-Zellerfeld. Strahlkraft hat sie, licht ist sie, fein wirkt sie – trotz ihrer Größe. Die Marktkirche zum Heiligen Geist ließ sich schön machen. Nicht nur das. Substanzerhaltendes war für das Innere der ältesten deutschen Holzkirche ebenfalls nötig. Es bedurfte einer aufwendigen und lang anhaltenden Prozedur, einer Sanierung.
Viele Akteure beteiligten sich – an der Planung, Finanzierung und Ausführung. Die Protagonistin: Dorothee Austen, Vorsitzende des Marktkirchenvorstands. Mittlerweile ist der größte Brocken bewältigt. Nun sind noch Restarbeiten zu erledigen. Wann darf geklatscht werden? Im nächsten Jahr zu Pfingsten. Denn das Projekt wird für Dorothee Austen erst abgeschlossen sein, wenn die neue Orgel eingebaut ist.
Die Handwerker und Restauratoren haben ihre Arbeit getan. Von großer Wichtigkeit für das Gebäude sowie für die Kunstwerke war es, das Raumklima zu verbessern durch die Erneuerung der Lüftung und der Heizung. Darüber hinaus wurde an den Einbauten sichtbar gemacht, in welcher Ausschmückung sich die Marktkirche früher einmal präsentierte. Noch ein paar handwerkliche Kleinigkeiten sind zu erledigen, und sie muss einmal so richtig gründlich von innen geputzt werden nach all dem Staub bringenden Tun der letzten eineinhalb Jahre. Die Marktkirche kann aber schon jetzt mit einem besonderen Fluidum aufwarten. Sie wirkt imposant, aber nicht pompös. Sie ist gestaltet in hellen Tönen, jedoch geht von ihr keine Kühle aus. Sie ist Zeugin vieler Epochen, allerdings nicht überladen durch die jeweils verwendeten Stilmittel.
„Die Kirche soll ihre fast 380 Jahre zeigen“, so Dorothee Austen. Sie begleitete das Projekt intensiv, hat sie doch als Vorsitzende des Kirchenvorstands die Bausumme mit abzuzeichnen: 3,2 Millionen Euro sind für die Sanierung aufgerufen, 2,5 Millionen für das neue Orgelwerk. Es wird gefertigt von der Firma Orgelbau Goll aus Luzern und soll den Möglichkeiten gerecht werden, die die Marktkirche für das Zusammenwirken von Chor, Orchester und Orgel bietet. So ließ sich vor Jahren Orgelrevisor Dr. Karl Wurm vernehmen. Eine Restaurierung der in den 1970er-Jahren installierten Ott-Orgel wäre zu kostspielig geworden und hätte nach Einschätzung von Fachleuten die Klangproblematik nicht gelöst. Sie wurde nach Slowenien verkauft.
Mit dem Orgel-Projekt wird Dorothee Austen noch ein Weilchen betraut sein. Das ging einher mit der Innensanierung. Fachliche Unterstützung bekam sie im Prozessverlauf durch den Restaurator Bernd Gisevius sowie anfänglich durch den Architekten Reinhard Lott und bis zum Ende durch den Architekten Hansjochen Schwieger. An ihm schätze sie die Präzision und die Dynamik, mit der er das Ganze durchgezogen habe.
Sein Arbeitsplatz wurde eine Zeit lang die Marktkirche – einst Begräbnisplatz für die hohen Bergbeamten und somit Grab- und Predigtkirche. Im Mittelschiff wurden die Grabplatten angeordnet. Zum Mittelschiff hin ausgerichtet waren die Bänke. So soll es künftig wieder sein. Noch sind die Möbel nicht zurück. Sie werden derzeit von ihrer Farbe befreit bis zur Holzsichtigkeit – passend zum Orgelprospekt. Solange deren Restaurierung andauert, dienen Klappstühle aus dem Hause Sympatec – Geschäftsführer Dr. Stephan Röthele ist Vorsitzender der „Stiftung Marktkirche zum Heiligen Geist“ – den Gottesdienst-Besuchern als Sitzgelegenheit. Aufgrund ihrer Farbgebung und ihrer Modernität demonstrieren sie eine gewisse Kompatibilität mit dem Historischen des Kircheninneren.
Optisch unterstrichen wird das durch den hellen Sandstein, der den Boden bedeckt. Nur ein kleiner Bereich ist ausgespart und zeigt Ziegelsteine. Sie waren eine der Überraschungen, die sich während der Sanierung einstellten. Und sie waren der Grund für eine Überlegung: Die gesamte Ziegelstein-Fläche sollte freigelegt und nicht mehr nutzbares durch rekonstruiertes Material ersetzt werden. Doch da sich die Befürchtung einschlich, der Belag könne zur Stolperfalle werden, wurde die Idee verworfen. Die ohnehin für den Altarraum ausgewählten Sandsteinplatten wurden letztlich überall verlegt.
Im Eingangsbereich verblieb der 60er-Jahre-Belag, der bis vor nicht allzu langer Zeit im unteren Kirchenraum vorherrschte. Wie Decken und Wände ursprünglich verbaut waren, zeigt eine historische Nische neben der Winterkirche: Fichtenholz ist zu sehen. Dort und auf der gegenüberliegenden Seite haben zudem einige der Grabplatten ihren Platz gefunden.
Freigelegt sind die Außenwände, die Jahrzehnte lang hinter Pressspanplatten verschwunden waren. Die luftdichte Abdeckung soll zur hohen Feuchtigkeit im Raum beigetragen haben – was den Kunstwerken im Gotteshaus nicht zuträglich war. Nun sind an den Wänden Ziffern ablesbar. Denen waren einst Klappsitze für gutbürgerliche Gemeindeglieder zugeteilt. Ebenso ist der Übergang zum Anbau der Kirche erkennbar. Nicht lange nach ihrer Weihe im Jahr 1642 sei sie erweitert worden, so Dorothee Austen, sei die Orgel vom Westen in den Osten versetzt und der Altarraum nach Osten rausgezogen worden. „Der zuständige Architekt theatralisierte das, brachte Weite rein.“
Diese Weite beeindruckt sie nach wie vor, kommt sie jetzt stärker zur Geltung. Was sie am Sanierungsergebnis besonders freut: Die entstandene Leichtigkeit des Raumes. Und wie nutzt Dorothee Austen das Zeitkontingent, das ihr das Ende der Sanierung beschert? Was wird zum Ersatz der fast täglichen Baustellen-Besuche? Vom Frühjahr bis zum Herbst auf jeden Fall Gartenarbeit. Und, das hat dann wieder mit dem Gotteshaus zu tun, sie möchte eine Broschüre herausgeben – zum Thema Grabplatten der Marktkirche. Außerdem: „Das Orgelprojekt wird mich noch deutlich ein Jahr lang beschäftigen.“ Weitere Gelder dafür und für die Sanierung gilt es einzuwerben. Trotz der in Aussicht stehenden Aufgaben: Das Baustellen-Projekt, „das wird mir im nächsten Winter fehlen.“
Finanziell Beteiligte: Marktkirchen-Gemeinde, Stiftung Marktkirche zum Heiligen Geist (Spendenprojekt „100 Hoch 3“), Förderverein für den Erhalt der Clausthaler Holzkirche, Kirchenkreis Harzer Land, Landeskirche Hannovers, Niedersächsische Sparkassenstiftung und die Sparkasse Hildesheim, Goslar, Peine, VR-Stiftung der Volksbanken und Raiffeisenbanken und die Volksbank Harz, Niedersächsische Denkmalpflege, Klosterkammer, Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung, Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) sowie der Bund durch ein Sonderprogramm für Denkmalschutz…
Sandsteinplatten sind nicht nur im Altarraum verlegt, wie einst vorgesehen, sie erstrecken sich nun über die gesamte Fläche. Fotos: Potthast
Eine historische Nische neben der Winterkirche zeigt Grabplatten und die einstige Ansicht der Wände.
die Leuchter wurden auf Hochglanz gebracht…