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Die Knappschaft verlässt ihre Wiege

Foto oben: Lange war er der Stein des Anstoßes, bis 2010 die Entscheidung fiel, den Gedenkstein für 750 Jahre Knappschaft mit dem Rammelsberg als Wiege der Sozialversicherung vor der Touristinformation aufzustellen. Foto unten: Die Tage der Knappschaft in der Straße „Im Schleeke“ sind gezählt.  Fotos: Kempfer/Epping

Foto oben: Lange war er der Stein des Anstoßes, bis 2010 die Entscheidung fiel, den Gedenkstein für 750 Jahre Knappschaft mit dem Rammelsberg als Wiege der Sozialversicherung vor der Touristinformation aufzustellen. Foto unten: Die Tage der Knappschaft in der Straße „Im Schleeke“ sind gezählt. Fotos: Kempfer/Epping

Goslar. Vor siebeneinhalb Jahren feierte Goslar ein großes Jubiläum: Die 1260 in Goslar gegründete und damit weltweit älteste Sozialversicherung, die Knappschaft, wurde 750 Jahre alt. Jetzt schließt sie ihre Geschäftsstelle in der Kaiserstadt.

Von Sabine Kempfer Donnerstag, 19.04.2018, 17:21 Uhr

Goslar. Vor siebeneinhalb Jahren feierte Goslar ein großes Jubiläum: Die 1260 in Goslar gegründete und damit weltweit älteste Sozialversicherung, die Knappschaft, wurde 750 Jahre alt. Jetzt schließt sie ihre Geschäftsstelle in der Kaiserstadt.

Die Mitglieder werden derzeit mit einem Schreiben informiert: „Unsere Geschäftsstelle in Goslar und unsere Sprechtage in Bad Lauterberg und Zorge schließen zum 14. Mai 2018, da sich der Beratungsbedarf unserer Kunden immer stärker in Richtung Telefonie und Internet entwickelt hat. Daher bauen wir unsere Telefonieberatung und unser Online-Serviceangebot für Sie erheblich aus. So können Sie Ihre Anliegen bequem von Zuhause aus erledigen“, heißt es darin.

Einer, der dieses Schreiben erhalten hat, ist Cemil Algan aus dem Vorstand der Seniorenvertretung der Stadt Goslar. Der ehemalige Preussag-Mitarbeiter versteht die Welt nicht mehr. Genauer gesagt versteht er nicht, warum die Knappschaft als traditionelle Krankenkasse der Bergleute ausgerechnet in einer Bergwerksregion wie dem Harz die Segel streicht. Die Bergleute hätten früher geschuftet, schwer gearbeitet, Staub geschluckt; jetzt sei die Zeit da, wo die ehemaligen Hüttenleute ihre Krankenkasse bräuchten. Vor Ort. Cemil Algan fühlt sich im Stich gelassen. Er persönlich könne ja mit dem Internet umgehen, aber viele der älteren Mitglieder, wovon die Knappschaft sehr viele hat, könnten das nicht, PC-Gruppe für Senioren hin oder her. Sie benötigten den direkten Kontakt, um ihre Angelegenheiten zu erledigen, sagt Cemil Algan.

„Diese Sparmaßnahmen sind nicht sozialgerecht“, kritisiert er: „Schade, dass es in Deutschland so weit gekommen ist“, meint einer, der selber seit 52 Jahren in Deutschland lebt. Noch hofft er, dass die Politik etwas bewirken kann. Der Blick über den Tellerrand lässt eher daran zweifeln. In Sachsen-Anhalt startete die Knappschaft schon Anfang des Jahres den Rückzug aus der Fläche, begleitet von kritischen Presseberichten der Mitteldeutschen Zeitung, die von einem „Kahlschlag“ sprach; auch im Nachbarland waren traditionsreiche Bergbauorte betroffen.

Die Knappschaft setzt auf den Kontakt im Internet, hat auf ihrer Homepage schon mal Antworten auf die am häufigsten gestellten Fragen parat und verweist ansonsten auf ein kostenloses Service-Telefon; ein Call-Center, meint Algan, der sich in der Warteschleife eine halbe Stunde lang Musik von Beethoven anhörte: „Das ist kein Spaß, ehrlich!“ Er habe die Geschäftsstelle Im Schleeke in der Vergangenheit aufgesucht, um einen Krankenschein abzugeben oder eine Reha-Maßnahme zu beantragen; vieles sei persönlich einfach besser, die Hemmschwelle niedriger.

In Goslar und Hannover befanden sich bislang die Geschäfts- und Beratungsstellen der Regionaldirektion Nord der Knappschaft, die Versicherte in Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen betreut. Der Standort Hannover ist bislang nicht mit einem Schließungsvermerk versehen. Die Goslarer Kunden werden jedoch gebeten, etwaige Post nach Essen zu schicken.

Wie viele Mitarbeiter sind in Goslar bei der Knappschaft beschäftigt? Was wird aus ihnen? Spielte die historische Bedeutung von Goslar als Wiege der Sozialversicherung eine Rolle bei der Entscheidung für die Schließung? Fragen, deren Antworten die Knappschaft der GZ gestern bis Redaktionsschlussnoch schuldig blieb.

Knappschaft in der Straße Im Schleeke

Knappschaft in der Straße Im Schleeke

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