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Die Europameisterin im Einradfahren kommt aus Bad Harzburg

Einradfahren über Stock und Stein: Die 17-jährige Rebekka Wiedener aus Bad Harzburg wurde in Italien Europameisterin im Einradfahren.  Foto: Privat

Einradfahren über Stock und Stein: Die 17-jährige Rebekka Wiedener aus Bad Harzburg wurde in Italien Europameisterin im Einradfahren. Foto: Privat

Bad Harzburg. Die beste Einradfahrerin aus Europa ist eine Bad Harzburgerin. Rebekka Wiedener holte sich im italienischen Mondòvi in der Disziplin Cross Country Extreme den Titel.

Von Egon Knof Freitag, 04.09.2015, 18:39 Uhr

Wanderer und Spaziergänger auf dem Burgberg, der Rabenklippe, oder auf dem Brocken könnten dieser Tage unwissentlich einer leibhaftigen Europameisterin begegnen. Denn in steilem und unwegsamem Gelände fühlt sich die 17-jährige Rebekka Wiedener ganz besonders wohl. Wo andere sich nicht mal zu Fuß rauf oder runter trauen, da ist die sympathische Schülerin aus Bad Harzburg mit ihrem Einrad unterwegs. Offenbar ein exzellentes Trainingsgelände, denn die Schülerin am Werner-von-Siemens-Gymnasium wurde im August in Mondòvi/Italien Einrad-Europameisterin im Cross Country.

Einradfahren, das suggeriert Pirouetten und Kunststückchen, doch damit hat Rebekka Wiedener nun wirklich nichts am Hut. Sie mag es lieber deftig, kraxelt die Berge rauf und rauscht über Stock und Stein auch wieder runter. „Das ist wie Mountainbiken, bloß mit einem Einrad. Das nennt man dann Berg-Einradfahren oder Mountain Unicycling, kurz Muni“, erklärt sie.

Früh übt sich...

Zu Fuß geht Rebekka praktisch nie. Ob zur Schule, oder zu Oma in Schauen bei Osterwieck, wo ihre Familienwurzeln liegen – gefahren wird mit dem Einrad. Mehrmals wöchentlich ist sie zwei, drei Stunden im Gelände – je steiler, je besser. Diese Vorliebe brachte ihr nun die Goldmedaille im Cross Country im Einradfahren ein. Natürlich nicht in der Kategorie Regular, sozusagen die Softvariante, sondern in der Disziplin Extreme versteht sich.

Aber wie bitteschön kommt man als junges Mädchen zum Einradfahren? Eine „kleine Mitschuld“ daran trägt sicher auch Rebekkas Mutter, Katharina Wiedener. Ihr war schon sehr früh das große Bewegungs- und Balancetalent ihrer Tochter aufgefallen. „Mit eineinhalb Jahren stand sie schon auf dem Holzroller ihrer älteren Schwester und mit drei Jahren auf Inlinern und Schlittschuhen“, erinnert sich Katharina Wiedener. Und zu Weihnachten bekam Rebekka dann schließlich ihr erstes Einrad geschenkt, da war sie zehn Jahre alt. Heute besitzt sie gleich vier. Ein stabiles 26-Zoll-Einrad mit dickem Reifen und Scheibenbremse, Muni genannt (Mountain Unicycle), mit dem sie auch in Italien war, je ein kleineres für Trial und Freestyle sowie ein großes 36-Zoll-Rad für weitere Strecken.

Seit 2014 betreibt Rebekka ihr Hobby als Wettkampfsport. Auf die Idee, an den Europameisterschaften teilzunehmen, kam sie über „ihre Einradfamilie“. Sie tauscht sich über die sozialen Netzwerke im Internet mit Gleichgesinnten in der ganzen Welt aus. Und von irgendwo her kam dann auch der Hinweis auf die Europameisterschaften in Mondòvi in Italien. „Warum nicht“, dachte sich die junge Harzerin und meldete sich kurzerhand online für die Titelkämpfe an. Schließlich hatte sie bereits zweimal den 1. Platz bei Deutschen Meisterschaften belegt. „Mitmachen kann praktisch jeder, man muss keinem Verein angehören oder sich qualifizieren“, erkärt Rebekka Wiedener, die ebenfalls vereinslos ist und alles selber managt.

Das „Abenteuer Europameisterschaft“ war aber nicht ganz billig. Und so ging für die Teilnahme das ganze Geld drauf, dass sich Rebekka als Ferienjobberin bei einem Projekt des Vereins Kunstkarussell verdiente, in dem die Gymnasiastin Kindern das Einradfahren beibrachte.

Vor dem Trip nach Italien war Rebekka im Rahmen des Projektes „Show der Nationen“ des Kunstkarussells nach Berlin gereist. Von dort ging es mit dem Flieger nach Mailand und von der lombardischen Hauptstadt rund 160 Kilometer auf der Schiene in den Südwesten Piemonts nach Mondòvi, das nach fünf Stunden Zugfahrt erreicht wurde.

Und dann war er da, der große Tag mit der Eröffnung der „Unicycle Open European Championships“, den Offenen Europameisterschaften im Einradfahren. Insgesamt standen rund 300 Teilnehmer in den Starterlisten der verschiedenen Disziplinen. Rebekka hatte für drei davon, Cross Country, Uphill und Downhill, gemeldet, natürlich immer in der Extrem-Version.

Gleich zu Beginn der EM hieß es querfeldein, also Cross Country, auf einer Strecke von 9 bis 10 Kilometern. Dabei ging es zweimal lang bergauf – ein Vorteil für die junge Deutsche, denn während einige der 18 Starterinnen ihr Rad schieben mussten, konnte Rebekka die gesamte Strecke dank optimaler Vorbereitung mit einer 1:1-Übersetzung absolvieren. „Obwohl es viel steiler war, als am Burgberg“, wie sie anmerkte.

Im Ziel war Rebekka Wiedener mit einer Zeit von 45:55,7 Minuten nicht nur Europameisterin, sondern hatte auch Weltmeisterin Laura Baumgartner aus Südtirol (46:40,5) hinter sich gelassen. Ein überraschender Erfolg? „Na ja, eine Medaille wollte ich schon haben“, stellt Rebekka selbstbewusst fest. Im zweiten Wettkampf, dem Uphill, ging es 260 m steil bergauf, wobei die 29 Teilnehmerinnen im 30-Sekunden-Rhythmus gestartet wurden. Im Ziel war nur die Südtirolerin Vera Hofer mit einer Zeit von 2:56,9 Minuten schneller als Rebekka Wiedener (3:06,7), die mit der Silbermedaille und dem Vize-Euromeistertitel allerdings sehr gut leben kann. Am dritten Wettkampftag mussten die Starterinnen dann Downhill, also bergab, ihr Können beweisen. Auf einer sehr schweren Strecke landete Rebekka hinter einem Quartett aus Südtirol mit Vera Hofer an der Spitze (8:10,19 Minuten) in 9:28,86 als beste Deutsche auf dem fünften Platz.

Nach einem Abstecher ins Tessin, „wo wir kleinere Touren bis zu einer Höhe von 2.400 m unternommen haben“, hat Rebekka Wiedener inzwischen der Alltag wieder eingeholt. In den nächsten Monaten heißt es Büffeln für das Abi, das im nächsten Jahr ansteht. Das möchte sie natürlich mit einer guten Note ablegen. Und, wenn alles klappt, will Rebekka Wiedener daran anschließend bei der Einrad-WM im spanischen San Sebastian auch ihre sportliche Karriere krönen.

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