Zähl Pixel
Trauer und Tod

Der echte Friedhof der Kuscheltiere

<p>Mehr als 850 Tiere liegen im Abschiedswald. Ihre Gräber sind mit Holzschildern gekennzeichnet, die im Laufe der Jahre verwittern werden. Fotos: Schlegel</p>

<p>Mehr als 850 Tiere liegen im Abschiedswald. Ihre Gräber sind mit Holzschildern gekennzeichnet, die im Laufe der Jahre verwittern werden. Fotos: Schlegel</p>

Bad Harzburg. Die Landesforsten betreiben seit zehn Jahren bei Göttingerode eine Begräbnisstätte für Vierbeiner.

Von Holger Schlegel Donnerstag, 22.11.2018, 12:44 Uhr

Als Voyou starb, war er 15 Jahre alt. Ein schönes Alter für einen Schäferhund. Es ging ihm zum Schluss nicht mehr gut, und er ist eines Abends einfach in seinem Körbchen eingeschlafen. Als Hundebesitzer zerreißt es einem das Herz. Und doch muss man sich die kalte Frage stellen: Wohin mit dem toten Tier? Voyou liegt jetzt dort, wo er immer gerne war. Im Wald. Die Landesforsten unterhalten seit mehr als zehn Jahren am Goldberg oberhalb von Göttingerode eine Begräbnisstätte für Haustiere, einen Abschiedswald. Eine gute Adresse. Aber auch eine traurige.

{picture1}

Um gar keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Natürlich liegen zwischen dem Tod eines Menschen und dem eines Tieres Welten. Beides soll hier überhaupt nicht auf eine Stufe gestellt werden. Weswegen selbstverständlich auch die Abschieds- und Beerdigungskultur rund um Tiere eine ganz andere ist.

Wer je ein Tier besaß, der weiß aber, wie tief der Stich ins Herz geht, wenn es stirbt. Aus dem alten Freund ist auf einmal ein Kadaver geworden, den man in die Tierkadaverbeseitigung bringen kann. Das Wort Abdecker geht einem durch den Kopf. Oder man verscharrt das Tier im Garten, so man den einen hat. Was übrigens – zumindest in Bad Harzburg – erlaubt ist. Solange das Grundstück nicht im Wasserschutzgebiet liegt und man mindestens 50 Zentimeter tief gräbt. Zu groß sollte das Tier auch nicht sein. Wer aber einmal ein Loch von 50 mal 50 mal 100 Zentimeter gebuddelt hat, während daneben unter der Plane der gerade gestorbene Hund liegt, möchte das nie wieder tun…

Voyou starb an einem Freitagabend. Am Samstagmorgen um 8 Uhr ging Swen Zöller schon nach drei Mal Klingeln an sein Telefon. Ja, in zwei Stunden sei ein Grab für Voyou bereit.

Forstwirt Zöller betreut seit 2007 die Begräbnisstätte für Haustiere oberhalb von Göttingerode. Die Landesforsten haben dort ein 5000 Quadratmeter großes Stück Wald zum Tierfriedhof für Hunde, Katzen, Kaninchen erklärt. Auch Hamster liegen dort. Auf jedes Grab kommt ein Holzschild mit dem Namen des Tieres, die Forst pflanzt einen Baum dazu. Die Tiere sollen in die Natur zurückkehren, ein Teil von ihr werden. Während ihre Körper unten im Boden vergehen, entsteht oben drüber neues Leben. Ein schöner Gedanke.

Grabschmuck, also Bildchen, Kreuze, Engelsfiguren oder auch nur Blumen sind auf dem Tierfriedhof nicht vorgesehen. Höchstens aus Laub oder Zweigen oder Tannenzapfen. Nicht jeder hält sich daran. Swen Zöller räumt weg, was nicht in die Natur passt. Plastikblumen, bunten Kitsch, Kerzen. Das kleine Bildchen aber, das Oma Kruse ihrem über alles geliebten Karlchen aufs Grab legt? Soll er ihr das bei ihrem nächsten Besuch wieder mit einem vorwurfsvollen Blick in die Hand drücken. Oder vorn in den Mülleimer werfen? Er braucht Fingerspitzengefühl.

Für Voyou hatte Swen Zöller einen schönen Platz gefunden. Gleich rechts, wenn man ein paar Meter über den knorrigen Weg gegangen ist. Er legte den schweren toten Hund ins Grab und zog sich dann ganz dezent zurück. „Sagen Sie ihm in aller Ruhe Lebewohl…“

Der Göttingeröder Abschiedswald ist seinerzeit der erste in Niedersachsen gewesen, und ist, wenn man ehrlich ist, eine clevere Geschäftsidee. Immerhin 275 Euro zahlt man mittlerweile für einen großen Hund, Katzen kosten 135 Euro. Aber das Angebot wird angenommen, und zwar gut. Zum Ende dieses Jahres ist der Abschiedswald voll, mehr als 850 Tiere liegen dort begraben. Doch eine Erweiterung in gleicher Größe direkt daneben ist fertig. Für ein paar Jahre wird auch noch der Zaun um den ersten Abschiedswald herum stehen bleiben, er soll vor Wildschweinen schützen. Der Tierfriedhof wird zwar nicht gehegt und gepflegt, geharkt und gefegt. Aber wie ein Schlachtfeld muss er ja auch nicht aussehen. Ist der Zaun dann irgendwann weg, wird der Wald aber wieder Wald und der Kreis hat sich geschlossen.

Voyou liegt jetzt seit sechseinhalb Jahren im Abschiedswald. Die Stelle, an der er begraben wurde, ist mittlerweile zugewuchert, das Schild mit seinem Namen aber noch zu erkennen, wenn man ein bisschen sucht. Swen Zöller hat damals eine Eiche auf sein Grab gepflanzt, die würde zu so einem tapferen Kerl passen, hat er gesagt. Ab und zu besuche ich Voyou, um zu schauen, wie groß seine Eiche schon geworden ist. Und es ist schön zu wissen, dass da irgendetwas von ihm für immer in diesem Wald bleiben wird.

  • Der Abschiedswald Goldberg liegt oberhalb von Göttingerode hinter dem Campingplatz.
  • Die Preise: Katzen und kleine Hunde 135 Euro; mittelgroße Hunde 195 Euro, große Hunde 275 Euro. Kleintiere bis zur Größe eines Zwergkaninchens 40 Euro. Die Ruhestätte ist dauerhaft, die Kosten fallen einmalig an.
  • Man kann den Abschiedswald jederzeit besuchen, er ist gut erreichbar nur wenige Meter vom Parkplatz an der Abzweigung zum Cafè Goldberg entfernt.
  • Informationen erteilen die Landesforsten unter der Telefonnummer (0 53 23) 93 61-0 oder auch Swen Zöller unter 0170/3 30 09 37. Mit ihm können auch die Termine für die Bestattung ausgemacht werden. Die Beisetzung erfolgt in der Regel innerhalb von 24 Stunden.
Die Redaktion empfiehlt
Diskutieren Sie mit!