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Der Künstler Martin Gremse und die expressive Form der Neugierde

Der Goslarer Martin Gremse hat gerade sein Medizin-Studium abgeschlossen – mindestens ebenso groß ist seine Leidenschaft für Kunst. Fotos: Kempfer

Der Goslarer Martin Gremse hat gerade sein Medizin-Studium abgeschlossen – mindestens ebenso groß ist seine Leidenschaft für Kunst. Fotos: Kempfer

Goslar. Sein Atelier sieht aus, als wären dort Farben explodiert. Der sie zum Explodieren brachte, ist Martin Gremse – Künstler und Mediziner zugleich, für beides brennt der 31-Jährige.

Von Sabine Kempfer Mittwoch, 23.07.2014, 20:00 Uhr

Im Alter von 15 Jahren begann er zu fotografieren und zu zeichnen; beim bekannten Groß Döhrener Künstler Hajo Schulpius sammelte er Erfahrungen im Siebdruck-Atelier, stellte dort auch aus; Ausstellungen in Schweden, Nürnberg und Italien folgten. Als Gremse am Ratsgymnasium sein Abi machte, waren seine Interessen schon sehr ausgeprägt. Kunst und Soziales gehören bei ihm eng zusammen; soziale (Kunst-) Projekte führten ihn oft ins Ausland, nach Sizilien, Israel, Weißrussland, schließlich in eine Favela, ein Armenviertel in Brasilien; überall nutzte er die Kraft des Kunstschaffens für die Menschen.

Gremse spricht neben seiner Muttersprache englisch, italienisch und portugiesisch, französisch will er diesen Sommer lernen. „Nach dem Abi bin ich drei Jahre lang nur gereist“, erzählt er; sein wichtigstes Utensil war das Skateboard. Anfangs half ihm ein Stipendium der Landeskirche Braunschweig (Stiftung „Ökumenisches Lernen“). Später tauschte Gremse nicht selten „Kunst gegen Essen“, erinnert er sich – er setzte seine Fantasie und sein Talent ein, sich auf seiner Reise durch die Welt durchzuschlagen. Für ein Ingenieurbüro machte der Reiselustige Materialprüfungen; die Kamera, damals noch eine Pentax 6x6 (heute eine Canon Eos 5D), hatte er immer dabei.

Szenenwechsel: Neben dem Künstler gibt auch den Mediziner Martin Gremse. In Halle studierte er das Fach, legte kürzlich ein gutes Examen hin. Sein „naturwissenschaftliches Forscher-Auge“ sei ausgeprägt, gesteht der 31-Jährige – auf ihn wartet eine Forschungsstelle an der Uni Bern. Wie das zusammen passt? Für den Sohn von zwei Neurologen ist das ganz klar – die Neugierde am Menschen ist der kleinste gemeinsamer Nenner, die Triebfeder seines Interesses sowohl für das eine als auch für das andere. Es ist kein Zufall, dass kopfähnliche Gebilde, runde Kreise, Ellipsen, Hirn, Schädel und anderes mehr als Motive in seinen Arbeiten oft Verwendung finden.

Ein Leben ohne Kunst kann er sich nicht vorstellen, auch wenn er als Mediziner arbeitet: „Ich male eh’ immer, wo ich auch bin“, erzählt er; der Drang, etwas zu schaffen, sei immer da, er selbst findet das „krass“. Malen sei eben sein Ventil, meint Gremse. Der Erfolg gibt ihm Recht – zu den vielen Fans und Unterstützern, die er bereits hat – auf der Suche nach neuen Vertriebswegen arbeitet er mit dem Goslarer Sven Steinbeck zusammen – kam vor einem knappen halben Jahr auch der Rotary Club Goslar Nordharz, der Gremse einen Förderpreis verlieh – als Anerkennung und zum Ansporn für (weitere) herausragende Leistungen.

Auch, wenn Gremse als Weltbürger überall ein bisschen zu Hause ist, in Berlin (in einem Loft hängen 18 seiner Werke zur Dauer-Ansicht) noch ein bisschen mehr als anderswo, Goslar ist der Ort, an dem er seine Kreativität am besten ausleben kann. Vielleicht wohnt ein guter Geist in den ehemaligen „Junior“-Produktionshallen von Kaiserring-Vater Peter Schenning am Okerufer? Dort kann Gremse auf geschätzten 300 Quadratmetern abgeschottet von der Außenwelt in völliger Askese schalten und walten, malen und sprühen, zwischen Tonnen von Glas und Farben, Stahl, Siebdruck- und Belichtungsanlagen. Effizientes Arbeiten gehe nirgends besser, ist er überzeugt; und offenbart ein bisschen reflektierten Lokalpatriotismus: Goslar sei „eine geile Stadt“, meint der 31-Jährige, er mag die Stimmung hier und die Natur.

Gremse arbeitet mal gegenständlich, mal abstrakt. Nicht selten haben die Bilder eine Entstehungsgeschichte, als Untergrund oder ersten Anstrich eine realistische Darstellung, die übermalt wird – nur der Künstler weiß, was sich unter der Oberfläche verbirgt, für ihn gehört auch das nicht mehr Sichtbare zum Werk. Wer sich für eine Arbeit interessiert, erfährt auch ihre verborgene Geschichte.

Oft ist es ein Technik-Mix, den Gremse anwendet; will man schon von einem „Markenzeichen“ sprechen, könnte dieser Mix ein Bestandteil davon sein. Öl, Acryl, Sprühdose und Keramik sind meist dabei, Graffitis haben Silber-Einschlüsse und keramische Beschichtungen, Gremse hat selbst eine Versilberungstechnik entwickelt; diese Art von metallisch glänzenden Arbeiten kommt in Abu Dhabi gut an; dort präsentiert die Etihad Gallery Gremses Arbeiten.

Einige Bilder im Atelier sehen aus, als würden die Farben noch von der Leinwand oder Pappe herunterrinnen; mit High-End-Glaskleber erziele er diesen Effekt, verrät der Künstler. Eine intensive und eine explosive Auseinandersetzung mit der Welt, wie sie dem Goslarer begegnet, der Ideen abarbeiten muss, „um sie aus dem Kopf zu kriegen“.

Bild mit Gruselfaktor: Schädel sind kein seltenes Motiv des jungen Mediziners, der sich auf Neurologie und Neurochirurgie spezialisiert hat.

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In gelben Sturzbächen scheint die flüssige Farbe auf den Betrachter zuzufließen – allerdings ist sie längst trocken.

In gelben Sturzbächen scheint die flüssige Farbe auf den Betrachter zuzufließen – allerdings ist sie längst trocken.

Manche Menschen haben sprichwörtlich einen Vogel, Gremse malt sie.

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