Der Falkner und seine Königin der Lüfte
<p>Marcus Rinke investiert einen Großteil seiner Freizeit in die Ausbildung seiner beiden Adler-Weibchen Nuhi und Mascha. Foto: Deshkin</p>
Langelsheim. Vier Tage hat Falkner Marcus Rinke nach Steinadler-Dame Nuhi gesucht – dann endlich der Anruf von der Polizei: Eine Spaziergängerin hatte den Greifvogel auf einem Feld entdeckt.
Wenig später saß Nuhi auf dem Handschuh ihres überglücklichen Falkners. Dass der Vogel von sich aus entwischt ist, daran glaubt Markus Rinke nach dem jüngsten Vorfall nicht mehr. Zumal der Karabinerhaken, mit dem die Tür verschlossen war, offen auf einem Block lag.
Als Nuhi am nächsten Tag erneut von ihrer Flugdrahtanlage verschwand, war klar, dass jemand auf dem Grundstück war und das Seil der Anlage durchgeschnitten hat. Damit hat der unbekannte Täter allerdings in erster Linie dem Vogel geschadet. Das Seil, an dem Nuhi befestigt war, wurde nämlich nicht an den Fesseln durchtrennt, sondern weiter unten. Der Vogel war also vier Tage mit einem Seil unterwegs, das beide Beine zusammen hielt. „Dass sie aus eigenem Antrieb zurück kommt, daran habe ich nicht gezweifelt. Ich hatte allerdings große Sorge, dass sie sich mit dem Seil in einem Baum verfängt und sich nicht mehr befreien kann“, sagt der 45-jährige Familienvater.
Für Rinke ist die Haltung der beiden Vögel kein Hobby, das er nur nebenbei betreibt. „Es entsteht eine persönliche Bindung zwischen Falkner und Adler“, sagt der Kenner. Wenn Nuhi auf seinem Arm sitzt, knabbert sie an seinem Pulloverkragen, wühlt mit dem Schnabel in seinen Haaren und genießt die Streicheleinheiten. Und genau das sei das Besondere an Adlern. Andere Greifvögel wie Falken oder Habichte lassen sich nicht auf den Menschen ein. Bis so ein Vertrauen entsteht, vergeht viel Zeit und es bedarf vor allem Arbeit. Täglich geht Marcus Rinke mit Nuhi und Mascha in die Natur, um die Vögel abzutragen. Damit sie überhaupt jagdlich einsatzfähig sind. Mascha ist die zweite Steinadler-Dame, die Rinke erst seit dem vergangenen Jahr bei sich hat.
„Steinadler sind Standvögel“, erklärt der Falkner. Heißt also, dass die Tiere nur fliegen, wenn sie hungrig sind. Die übrige Zeit lassen sie sich auf einem Ast nieder oder suchen sich ein anderes ruhiges Plätzchen. Einen solchen Platz haben die Vögel im Garten des Langelsheimers. Für sie hat er sein Grundstück extra umgebaut, damit sie Platz haben. Sogar eine Schaukel gibt es, auf der die beiden Adler-Ladies ihre Balance trainieren können, damit sie diese später bei der Jagd zu Pferd halten können. So ein Jagdausflug oder Spaziergang, wie es Rinke nennt, kann schon mal ein bis drei Stunden dauern – pro Vogel versteht sich. „Wann sie zurück kommen, hängt immer davon ab, wie erfolgreich sie bei der Jagd waren“, sagt der Langelsheimer, der sein Hobby zum Glück mit seiner Arbeit als Vertriebsmitarbeiter gut vereinbaren kann.
Zur Beute der Vögel, die jeweils etwa sechs Kilo an Eigengewicht auf die Waage bringen, gehören kleine Säugetiere, Hasen, Füchse und kleinere Rehe. Ob seine Vögel jagdlich erfolgreich waren, kann Rinke nur überprüfen, indem er sie wiegt – auch das muss er täglich kontrollieren, um sicherzustellen, dass es Nuhi und Mascha gut geht.
War die Jagd nicht erfolgreich, verabreicht Rinke den Vögeln zuhause Futter. Im Fachjargon heißt das „Atzung“. Um so ein Hobby ausüben zu dürfen, benötigt ein Falkner, der auf Jagd geht, übrigens einen Jagdschein. Diesen erwirbt man mit einer abgeschlossenen Jäger- und Falkner Prüfung. Bis Rinke sich all das Wissen angeeignet hat, das er für die Haltung der Tiere brauchte, vergingen Jahre. „Das fing damit an, als ich ehrenamtlich bei der Vogelwarte auf Helgoland gearbeitet habe“, erinnert sich der Langelsheimer. Auch der Austausch mit anderen Falknern habe ihm viel an Fachwissen eingebracht.
„Wichtig ist, dass die Vögel gut ausgebildet werden“, sagt Rinke. Dazu gehört, dass sie jede Tages- und Nachtzeit kennenlernen und mit den unterschiedlichen Wetterlagen zurecht kommen und somit ihrem natürlichen Instinkt folgen. Darum finden die täglichen Spaziergänge auch bei Wind und Wetter statt. „Das ist einfach das Schönste, wenn ich durch den Wald gehe undNuhi oder Mascha über mir fliegen.“