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Selbsthilfe

Den miesen Gedanken entfliehen

<p>Volker von Thenen sieht Sport als Rezept für ein längeres Leben. Der Stress, der durch posttraumatische Belastungsstörungen entsteht, könne durch Bewegung abgebaut werden. Foto: GZ</p>

<p>Volker von Thenen sieht Sport als Rezept für ein längeres Leben. Der Stress, der durch posttraumatische Belastungsstörungen entsteht, könne durch Bewegung abgebaut werden. Foto: GZ</p>

In Goslar gibt es eine Selbsthilfegruppe für Männer, die an posttraumatischer Belastungsstörung leiden. Für Gruppenleiter Volker von Thenen ist Sport ein wichtiger Ansatz der Lösung.

Donnerstag, 15.03.2018, 17:07 Uhr

Schwitzen, Pause und am Ende einer Sportstunde befreit nach Hause fahren. Dass dieser Moment nicht lange anhält, ist bekannt. Der Alltag holt einen sehr schnell wieder ein. Dann heißt es, wieder funktionieren. Dazu gehört, für die Familie zu sorgen und arbeiten zu gehen. Das ist leichter gesagt als getan, denn zu den eigenen Problemen kommen die der Familie und der Bekannten.

Für Menschen, die traumatische Erlebnisse verarbeiten müssen, ist das eine Hürde, die kaum zu meistern ist. Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) machen Menschen träge. Sie versinken in ihren eigenen Gedanken. Kaum Sport, dafür viele schlaflose Nächte, Panikattacken und jede Menge Stress.

Damit die Menschen lernen, mit traumatischen Erlebnissen umzugehen, gibt es in Goslar eine Selbsthilfegruppe für Männer, die an PTBS leiden. Nur unter sich, weil es vielen Männern unangenehm ist, vor Frauen über ihre Schwächen zu sprechen. Leiter der Gruppe ist Volker von Thenen. Er selbst kämpft noch immer mit einem Trauma aus der Kindheit. Sport habe ihm geholfen, weniger Medikamente nehmen zu müssen, sagt der 55-Jährige. In großer Regelmäßigkeit versucht er, sich durch Sport von seinen Gedanken zu lösen.

Seit seiner Kindheit hegt er eine starke Leidenschaft für das Angeln. Fliegenfischen geht er am liebsten. Köder sind dem Namen entsprechend Fliegen, deren Bewegungen durch das Schleudern der Schnur simuliert werden. „Bei diesem Sport bin ich mit der Natur im Reinen“, sagt von Thenen.

Laut des Selbsthilfegruppenleiters ist die Erholung von Traumakranken während dieser Sportart wissenschaftlich bewiesen. „Ich habe also früh den richtigen Sport für mich ausgewählt“, sagt von Thenen. Bewegung sei ein wichtiger Bestandteil einer schnellen Verarbeitung von Traumageschehnissen. Er rate in jeder Sitzung dazu, den inneren Schweinehund zu überwinden.

Auch wenn es bewiesen sei, dass Fliegenfischen, Yoga, Boxen oder Tai Chi zur Entspannung beitragen, müsse jeder seine eigene Sportart finden, mit der er den schlechten Gedanken entkommen kann. „Der Stress, der dabei entsteht, verkürzt die Lebenszeit. Wir benutzen Sport als Rezept für ein längeres Leben“, sagt der in Goslar lebende Rentner.

Ihn stört, dass es keinen anderen Ausweg in der Region gibt, um mit seinen Problemen behandelt zu werden. Der Sport ist dabei eher wie ein Kaugummi. Er hilft, das Problem so lange wie möglich in die Länge zu ziehen, bis es irgendwann reißt.

Die medizinische Versorgung müsse laut von Thenen viel besser werden. Viele der Erkrankten bekämen keinen Platz für eine stationäre Behandlung, sagt er. Laut von Thenen fehlt es an Aufnahmemöglichkeiten. „Wenn wir nicht kaputt gehen wollen, müssen wir zu anderen Sachen greifen, wie zum Sport oder dem Reden mit Menschen. Diese beiden Sachen bieten für viele Traumatisierte in der Gruppe einen großen Halt.“

Ohne eine optimale medizinische Versorgung sei eine posttraumatische Belastungsstörung nicht zu heilen. Erst durch den Einfluss von beruhigenden Wirkstoffen und zusätzlicher therapeutischer Behandlung könne der Heilungsprozess optimal eingeleitet werden, sagt er. Umso wichtiger sei der Sport.

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