Das vielschichtige Stromnetz der Stadt Goslar
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Goslar. Zwei Monate ist es her, dass eines Donnerstagabends in Goslar so manches Haus plötzlich ohne Stromversorgung dastand. Die Ursache, ein sogenannter Erdschluss, hatte sich schnell herumgesprochen. Doch welche Folgen hat eine Stromstörung eigentlich für den zuständigen Energieversorger Harz-Energie? Und welche Schritte werden eingeleitet, damit der Fehler schnell behoben werden kann?
„Um solche Fragen zu beantworten, sollte man zunächst einmal wissen, wie das Netz aufgebaut ist. Denn die erste Frage ist natürlich immer, wo der Fehler liegt. Daraus ergeben sich dann die Folgen“, sagt Ralf Antes, Netzleitstellenchef des Unternehmens. Zur Übersicht hat der Experte etliche Karten dabei. Auf einer sind viele verbundene rote Linien und Symbole zu sehen. Sie erinnert in ihrer Optik ein wenig an die Unterlage für ein Gesellschaftsspiel.
„Braunkohle-, und Atomkraftwerke produzieren den Strom, dann wird er auf die nächste Spannungsebene in Hochspannung transformiert. An den für den Laien wie dünn gespannte Seile aussehenden Leitungen, die manchmal über Felder führen, hängen also schon mal ganze Städte dran. Bei uns im Harz haben wir eine 110-Kilovolt-Leitung. In Goslar sind wir in der Mittelspannungsebene, also bei 20 Kilovolt angekommen“, informiert Ralf Antes.
Über das gesamte Stadtgebiet von Goslar sind Stationen verteilt. „Wartungsarbeiten an einer Ortsnetzstation werden alle sechs Jahre durchgeführt“, sagt Antes. Gerade ist er auf dem Weg zu einer Ortsstation am Gemeindehof. Angekommen an dem unscheinbaren kleinen Gebäude, ist bereits das windig-laute Röhren eines Staubsaugers zu hören. „Die Reinigung sowie Funktionskontrollen gehören zu so einer Wartung dazu“, erklärt der Netzleitstellenchef.
Anders schaue das bei sogenannten Sichtkontrollen aus. „Bei dem Stromausball haben die Kollegen erstmal eine Sichtkontrolle gemacht. Sie sind also in die Station rein und haben geschaut, welche Meldung hier angezeigt war“, erläutert Antes. Doch ganz gleich, ob es eine Fehlermeldung gäbe oder Normalbetrieb sei: Das Wichtigste sei vor allem immer zu wissen, ob eine Spannung besteht. Angesichts der Leitfähigkeit des menschlichen Körpers, über die schon Schüler in den ersten Physikstunden aufgeklärt werden, ist diese Grundvorsicht nicht verwunderlich.
In der Station auf dem Gemeindehof hängen an einer Wand etliche Kabel. An einigen leuchten am Ende kleine Lämpchen. So viel Strom auf kleinem Raum: Sind nicht noch andere Vorsichtsmaßnahmen nötig, um hier zu arbeiten? „Für Freischaltungsarbeiten gibt es eine persönliche Schutzausrüstung. Da tragen die Mitarbeiter einen Helm, Stulpenhandschuhe und feuerfeste Arbeitskleidung. Doch das Wichtigste ist wirklich, dass wir natürlich nicht unter Spannung arbeiten, ob im Störungsfall oder bei einer normalen Untersuchung“, betont Ralf Antes.
Die Schritte sind im Fall einer Störung klar strukturiert. „Die Leitstelle in Osterode ist unser Dreh- und Angelpunkt. Dort gehen alle Meldungen ein. Und da sitzt auch rund um die Uhr jemand, der dann die Bereitschaftsmonteure losschickt, um den genauen Fehler ausfindig zu machen“, meint Antes. Große Stationen könnten bereits aus der Entfernung geschaltet werden, bei den kleinen ginge das nur vor Ort. „Bei der Störung im Sommer hatten wir insgesamt drei Kabelfehler, einen in der Tilsiter Straße und zwei Folgefehler kurz vor der Bergstraße und an der Jakobistraße. An dem Abend waren dann schon recht viele Schalthandlungen im Netz erforderlich. Da haben wir dann die Möglichkeit, noch weitere Monteure aus dem Umfeld, wie etwa aus Seesen hinzuzuziehen“, sagt der Experte.
Die Kosten eines solchen Ausfalls trägt nicht immer die Harz-Energie: „Ist ein Kabel durch Bauarbeiten von anderen Firmen kaputt gegangen, müssen die auch zahlen – ähnlich wie der Verursacher eines Autounfalls“, meint Ralf Antes. Es sei schlecht zu sagen, wie hoch der Preis solcher Schäden werden kann. „Bei einem normalen Kabelfehler geht es in den vierstelligen Bereich, zwischen 3000 und 5000 Euro. Geht eine Schaltanlage kaputt, können es aber auch schnell 15.000 Euro werden“, sagt er.
In Zukunft wolle man mehr automatisierte Messeinrichtungen einsetzen, um Fehler besser orten zu können. Eine komplette Automatisierung, wie es in anderen Lebensbereichen durch die Digitalisierung längst Wirklichkeit geworden ist, kann sich Antes allerdings nicht vorstellen. „Es ist eine Frage des Preises. Und solche immensen Kosten würde die Bundesnetzagentur nicht anrechnen“, ist er sich sicher.
<p>Ralf Antes hat den Überblick: Auf der Karte sind alle Ortsstationen Goslars und die verschiedenen Verbindungen eingezeichnet. Foto: Meyer-Zurwelle</p>