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Das leise Ende der wichtigsten Epoche des Harzes

Ohne die Dennert-Tanne würde nichts daran erinnern, dass an dieser Stelle vor zehn Jahren noch die obertägigen Anlagen der Grube Wolkenhügel gestanden haben. Im Tal der Krummen Lutter ist im Wortsinn Gras über das letzte Kapitel der Harzer Bergbau-Geschichte gewachsen. Fotos: Bruns (3)/ Archiv Rückbrodt (4)

Ohne die Dennert-Tanne würde nichts daran erinnern, dass an dieser Stelle vor zehn Jahren noch die obertägigen Anlagen der Grube Wolkenhügel gestanden haben. Im Tal der Krummen Lutter ist im Wortsinn Gras über das letzte Kapitel der Harzer Bergbau-Geschichte gewachsen. Fotos: Bruns (3)/ Archiv Rückbrodt (4)

Gras ist über die Sache gewachsen – im Wortsinn. Im Tal der Krummen Lutter auf halbem Weg zwischen St. Andreasberg und Bad Lauterberg erinnert kaum mehr etwas daran, dass dort vor zehn Jahren das wohl bedeutendste Kapitel des Harzes beinahe sang- und klanglos zugeschlagen wurde.

Von Eike Bruns Samstag, 15.07.2017, 12:42 Uhr

Gras ist über die Sache gewachsen – im Wortsinn. Im Tal der Krummen Lutter auf halbem Weg zwischen St. Andreasberg und Bad Lauterberg erinnert kaum mehr etwas daran, dass dort vor zehn Jahren das wohl bedeutendste Kapitel des Harzes beinahe sang- und klanglos zugeschlagen wurde.

Am 11. Juni 2007 wurden die letzten 27 Tonnen Schwerspat aus der Grube Wolkenhügel gefördert. Dann war Schluss. Nicht nur mit der Grube, die nach 169 Jahren geschlossen wurde. An diesem unscheinbaren Montag endete auch die Geschichte des Bergbaus im Harz. Und das nach mindestens 1039 Jahren. Aus dem Jahr 968 stammen die ersten urkundlichen Erwähnungen des Erzabbaus am Rammelsberg bei Goslar. Bodenforscher gehen davon aus, dass sogar schon vor 3000 Jahren Erze im Harz geschürft wurden.

Der Bergbau verschaffte dem Harz Reichtum und Bedeutung, er war das Ruhrgebiet des Mittelalters. Doch in der Neuzeit verlor die Montanindustrie im Mittelgebirge an Bedeutung. Mit der Schließung von Wolkenhügel endete der Bergbau im Harz.

Und was ist mit Steinbrüchen etwa bei Bad Harzburg, Rübeland oder Elbingerode? „Das ist nur Rohstoffgewinnung“, erklärt Jörn Struwe. Der Bergrat im Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) in Clausthal-Zellerfeld ist zuständig für die Abwicklung der Grube Wolkenhügel. Als Referent für Genehmigungen muss er Betriebspläne überwachen. Also auch den Abschlussbetriebsplan, nach dem die Grubenanlagen zurückgebaut und renaturiert werden.

In Wolkenhügel, erklärt Struwe, wurde Schwerspat abgebaut, der vor allem für Kunststoffe und Farbherstellung genutzt wurde. Erst im 19. Jahrhundert habe man den Wert von Schwerspat erkannt. Allerdings hätte der Abbau des Salzes nie den Stellenwert von Erzabbau erreicht. Daher sehen viele schon die Schließung des Erzbergwerkes 1992 in Bad Grund als Ende des Bergbaus im Harz an.

Tatsächlich war das Ende aber erst 15 Jahre später erreicht. Und es war nicht abzusehen, dass es noch so lange dauern würde, sagt Kai Rückbrodt. „1993 war klar, dass Wolkenhügel dichtgemacht wird“, erinnert sich der damalige Grubensteiger in der Anlage bei Bad Lauterberg. 1986 hatte er als Hauer seine Ausbildung in Wolkenhügel gestartet und brachte es später zum Fahrsteiger und stellvertretenden Betriebsleiter, ehe er 2005 als Sozialpolitischer Beirat ins LBEG wechselte.

„1996 endete der Tiefbau“, so Rückbrodt. Mit anderen Worten: In den tieferen Lagen war kein Schwarspat zu finden. Auf der 411-Meter-Sohle war Schluss.

Also begann die so genannte Nachlese. Gewissermaßen wurde in den höheren Lagen alles aus den letzten Winkeln gekratzt. Die Bergleute der Vorgängergenrationen hatten noch nicht die Technik, alles restlos auszubeuten oder gar mit Weitsicht einiges übergelassen. Die unteren Bereiche wurden laut Rückbrodt schon damals im Hinblick auf die bevorstehende Schließung mit Wasser volllaufen gelassen. Die 254-Meter-Sohle wurde damals der tiefste zugängige Bereich. Heute steht das Wasser fast auf Höhe des Mundlochs auf der 153-Meter-Sohle.

Gefördert wurde der Schwerspat mit Radladern und Muldenkippern. „Es war ein recht modernes Bergwerk“, meint Jörg Struwe. Es gab keine Schächte, sondern Rampen für das Fördergerät. Ende der 60er Jahre kamen vermehrt gleislose Fahrzeuge zum Einsatz. Die Schmalspurbahn, die Ende des 19. Jahrhunderts aus Bad Lauterberg im Tal hochgebaut wurde, wurde 1969 eingestellt.

Zwei Jahrzehnte später waren noch mehr als 20 Personen im Betrieb beschäftigt, zum Schluss keine Handvoll mehr. Von 105.000 geförderten Tonnen 1992 ging es im letzten vollen Betriebsjahr 2006 auf 27 Tonnen zurück.

Reinhold Pigal, damaliger Geschäftsführer der Deutschen Baryt-Industrie Dr. Rudolf Alberti GmbH & Co. KG mit Sitz in Bad Lauterberg sagte bei der kleinen Feierstunde am 11. Juni 2007: „Wir können stolz sein, einen Bergbau zu hinterlassen, der voll ausgeerzt wurde.“ Die Deutsche Baryt verarbeitet nach wie vor in Bad Lauterberg Schwerspat, aber aus anderen Regionen, und ist offiziell noch zuständig für Wolkenhügel, die 2012 aus der Bergaufsicht entlassen wurde.

In der Zeitung lesen möchte das Unternehmen am liebsten nichts über die einstige Grube. Zu viele Gesteinssammler oder Vandalen behindern den Rückbau. „Dabei gibt es dort nichts mehr zu holen“, erklärt Revierförster Peter Laumann. Das Forstamt Lauterberg übernimmt die Flächen.

Und Laumann ist voll des Lobes über die Abwicklung der Grube, deren Zugänge alle meterdick mit Beton versiegelt sind, da es genug Fledermausreviere im Umfeld gibt. Die einst unterirdisch geführte Krumme Lutter läuft wieder in ihrem ursprünglichen Bett, die einstigen Absetzteiche seien renaturiert oder Biotope und Erlen oder Bergahorne haben die ehemaligen Betriebsgelände erobert.

Das Mundloch wird noch zurückgebaut. Und dann erinnert wirklich nichts mehr an das Ende des Bergbaus im Harz. Dann ist endgültig Gras über die Sache gewachsen.

Nur noch das Mundloch ist heute noch von der Grube sichtbar. In zwei bis fünf Jahren soll auch davon nichts mehr zu sehen sein.

Nur noch das Mundloch ist heute noch von der Grube sichtbar. In zwei bis fünf Jahren soll auch davon nichts mehr zu sehen sein.

Am 11. Juni 2007 bringt ein Muldenkipper die letzten geförderten Tonnen aus einem Bergwerk im Harz.

Am 11. Juni 2007 bringt ein Muldenkipper die letzten geförderten Tonnen aus einem Bergwerk im Harz.

1969 ist der Betrieb noch im vollen Gange. Die Schmalspurbahn nach Bad Lauterberg, die Material und Personen befördert, wird allerdings eingestellt.

1969 ist der Betrieb noch im vollen Gange. Die Schmalspurbahn nach Bad Lauterberg, die Material und Personen befördert, wird allerdings eingestellt.

Mit Radladern wird das aus dem dunklen Spatgang gebrochene Salz abgefahren.

Mit Radladern wird das aus dem dunklen Spatgang gebrochene Salz abgefahren.

Kai Rückbrodt, bis 2005 Steiger auf Wolkenhügel, zeigt einen Seigerriss der Grube, die zuletzt teilweise schon außer Betrieb war (unten, schwarzer Bereich).

Kai Rückbrodt, bis 2005 Steiger auf Wolkenhügel, zeigt einen Seigerriss der Grube, die zuletzt teilweise schon außer Betrieb war (unten, schwarzer Bereich).

Wolkenhügel letzter Seigerriss

Wolkenhügel letzter Seigerriss

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