Das Geheimnis der Nackten im Jungbrunnen
Der eigentliche Film besteht nur aus Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Webcam. Deshalb ist nicht zu erkennen, ob die „Alten“ wirklich splitternackt in den Brunnen hüpfen. Auf diesem Bild sieht man aber: Fast alle sind angezogen. Der Skandal zur Mitternacht ist also keiner. Aber der Werbeeffekt der Aktion ist enorm. Foto: Stadtmarketing
Bad Harzburg. Eins vorweg: Sie waren nicht nackt. Jedenfalls nicht alle. Nur einer. Und den hat man auch nicht wirklich erkannt. Er tobt in dem Film, den man seit Dienstagabend sehen kann, genauso schemenhaft durch den Jungbrunnen wie die anderen Gestalten. Das allerdings mitten in der Nacht und mitten in der Stadt. Nun hat das Stadtmarketing das Geheimnis um die Nackten im Jungbrunnen gelüftet und die dazugehörigen Bilder im Internet bei Facebook und Co. veröffentlicht.
Am Samstagabend badete ein Dutzend Menschen im Jungbrunnen. Und da der direkt vor der Webcam des Stadtmarketings steht, dauerte es nicht lange, und die Sache machte im Internet die Runde. Und genau das war auch Sinn der Sache. Der Effekt, der nun eintrat, war allerdings noch intensiver, als man sich das beim Stadtmarketing erhofft hatte: Die Nackten im Brunnen waren Stadtgespräch.
Das ganze Wochenende über diskutierten die Harzburger in den sozialen Netzwerken rauf und runter, über die Aktion. Von Bewunderung für den Mut der Badenden bis hin zu Unverständnis und Unverständnis über dieses Unverständnis reichte die Palette der Reaktionen. Typisch Internet halt. Aber kaum einer kam auf die Idee, dass die Geschichte eine inszenierte Werbeaktion für Bad Harzburg gewesen sein könnte.
Der Grundgedanke war von einem örtlichen Mediziner ersonnen worden, der aber seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Er hatte schon vor geraumer Zeit darüber nachgedacht, die Idee des Jungbrunnens (alt rein, jung raus) zu visualisieren und zu bewerben. Vom Wanderland Bad Harzburg zum Wunderland. Beim Stadtmarketing fiel die Sache auf fruchtbaren Boden. Das Ganze wurde in Form von Guerilla-Marketing auf die Beine gestellt: ohne viele Erklärungen, Ankündigungen oder sonstiges Tamtam. Sollten sich die Leute doch die Köpfe zerbrechen. Hauptsache, sie redeten darüber. Am Samstagabend wurde deshalb einfach im Jungbrunnen gebadet, die entsprechenden Aufnahmen machte die Webcam, geleitet wurde alles vom Jungregisseur Nils Keding.
Nachdem die Bad Harzburger zwei Tage lang herumrätseln durften, was da nun nächtens bei Vollmond in der Stadtmitte vorgegangen war, wurde am Dienstag der Film veröffentlicht. Zu sehen sind schemenhafte Figuren – es ist der Freundeskreis des Mediziners – die alt und gebrechlich auf den Brunnen zuschleichen und sich entkleiden. Dann tummeln sich alle mehr und mehr fröhlich darin. Schließlich kommt einer nach dem anderen frisch und fit wieder raus. Am Ende steht nur noch ein einsamer Rollator vor dem Brunnen, er wird nicht mehr gebraucht, so die Botschaft.
Der kurze Film schlägt ein wie eine Bombe. Schon nach wenigen Stunden war er beispielsweise bei Facebook 30.000 Mal angeschaut worden. Auch auf Instagram wird er wie verrückt angeklickt. Demnächst soll er auch auf der regulären Internetseite des Stadtmarketings zu sehen.