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Das Flüchtlingsheim wird zum Forschungsobjekt

Knapp ein Jahr lang diente die ehemalige Rehbergklinik in St. Andreasberg als Flüchtlingsheim.  Foto: GZ-Archiv

Knapp ein Jahr lang diente die ehemalige Rehbergklinik in St. Andreasberg als Flüchtlingsheim. Foto: GZ-Archiv

St. Andreasberg. Was hat der kleine Harzort Sankt Andreasberg mit den Weltstädten Paris, London, Rom und Berlin gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts, auf den zweiten mehr als gedacht: Allesamt sind sie Gegenstand einer groß angelegten Studie über „Krisen und Solidarität“. Sie wird vom Woolf Institute in Cambridge erstellt.

Von Ralf Kirmse Freitag, 15.09.2017, 11:02 Uhr

St. Andreasberg. Was hat der kleine Harzort Sankt Andreasberg mit den Weltstädten Paris, London, Rom und Berlin gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts, auf den zweiten mehr als gedacht: Allesamt sind sie Gegenstand einer groß angelegten Studie über „Krisen und Solidarität“. Sie wird vom Woolf Institute in Cambridge erstellt.

Während der gebürtige Harzer Dr. Jan-Jonathan Bock (siehe Kasten) vorrangig in Berlin, Rom und –gemeinsam mit einer Kollegin – in London über „Migration und Solidarität“ forschte, kümmerte sich ein weiterer Mitstreiter um Paris. Im Zuge seiner Studien machte er sogar einen Abstecher nach Dresden, um sich selbst einen Eindruck von der Pegida-Bewegung und der, so Bock, „Anti-Willkommenskultur“, zu verschaffen.

Als er Kenntnis davon erhielt, dass in Sankt Andreasberg im Herbst 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise eine – im Vergleich zur Einwohnerzahl – riesige Notunterkunft mit 1500 Bewohnern eingerichtet werden sollte, war er sofort Feuer und Flamme. Er wollte diese in das Forschungsprojekt mit einbeziehen. Denn bis dato war die Thematik vor allem aus städtischem Blickwinkel beleuchtet worden. Erkenntnisse aus dem ländlichen Raum sollten die Forschungsergebnisse im Hinblick auf Krisenerfahrungen und das multikulturelle Zusammenleben in Europa abrunden.

Quasi vom ersten Tage an war Jan Bock dabei, als im Oktober 2015 in der ehemaligen Rehbergklinik eine Notunterkunft als Außenstelle der Landesaufnahmebehörde Friedland eröffnet wurde. In dem kleinen Ort bei Göttingen platzte das Aufnahmelager in der Flüchtlingskrise aus allen Nähten. Es wurden dringend Ausweichquartiere gesucht.

„Die EU-Außengrenze verschob sich plötzlich bis nach Passau und dann sogar in den Harz“, erinnert Bock an jene dramatischen Wochen und Monate im Herbst 2015, als die Flüchtlinge über die Balkanroute nach Deutschland strömten. Bis dahin hätten die Andreasberger das Ganze in erster Linie „als mediale Krise“ erlebt, am heimischen Fernsehbildschirm. „Nun war sie im eigenen Ort angekommen.“ Die Menschen machten ihre eigenen, ganz persönlichen Erfahrungen.

"Grenzähnliche Situation"

Im Ort habe sich eine „grenzähnliche Situation“ ergeben, meint Bock. Denn Grenzgebiete seien „oft durch Unsicherheit und Misstrauen geprägt, aber auch durch Solidarität und Engagement“.

Die Andreasberger hätten „praktisch nichts gewusst über die Menschen, die in ihrem Ort strandeten“. An der deutschen Grenze seien die Flüchtlinge einfach in Busse gesetzt worden: „Ohne Registrierung, ohne Identifizierung und anfangs auch ohne ärztliche Überprüfung“. Das habe natürlich Ängste im Ort ausgelöst. „Diese konnten auch durch erhöhte staatliche Präsenz nicht vollständig kompensiert werden“, meint Bock. Zumal die Polizei auf mehr oder minder schlecht ausgebildetes Sicherheitspersonal angewiesen gewesen sei, das zu einem großen Teil Migrationshintergrund gehabt habe und Arabisch oder Farsi übersetzen musste.

Im Harz sei neben Hahnenklee mit dem „Ramada“ vor allem Sankt Andreasberg quasi über Nacht zu einem Hauptschauplatz der Flüchtlingskrise geworden. Dass die Migranten hier landeten, schreibt Bock vor allem zwei Umständen zu: der Nähe zum Aufnahmelager in Friedland und dem Immobilienleerstand im Oberharz.

In dem kleinen Ort sei plötzlich „die gesamte globale Problematik von Krieg, Flucht und Vertreibung“ spürbar gewesen. Viele hätten der Notunterkunft anfangs skeptisch gegenübergestanden, so Bock. Den Migranten sei es aber kaum anders ergangen. Insbesondere nachdem sie gemerkt hätten, „dass sie mitten in der Provinz gelandet waren“. Denn etliche kamen aus großen, mondänen Städten wie beispielsweise Aleppo.

Daraufhin hätten viele auf eigene Faust versucht, in die deutschen Großstädte weiterzukommen. „Hier ist nichts und hier kenne ich auch niemanden, der mir weiterhelfen kann“, sei damals eine weitverbreitete Ansicht gewesen, erinnert sich Bock.

Und diejenigen, die blieben, mussten sich zusammenraufen. „Angesichts der schwierigen Gemengelage“, die sich in dem Flüchtlingsheim gebildet habe, so Bock, „ist es unglaublich ruhig geblieben“. Denn in der ehemaligen Klinik sei „der Nahe Osten in seiner ganzen Komplexität abgebildet“ gewesen. Arabisch sprechende Syrer und Iraker trafen zum Beispiel auf Farsi sprechende Iraner und Afghanen. Die Verständigung war laut Bock oft schwierig, mitunter fast unmöglich. Missverständnisse und Konflikte seien somit vorprogrammiert gewesen.

Hinzu gekommen sei „eine unglaublich große religiöse und soziale Spannbreite“, die es selbst Bewohnern aus gleichen Herkunftsländern nicht leicht gemacht habe im täglichen Zusammenleben. Da hätte „der Ziegenhirt aus der syrischen Provinz plötzlich mit Eliten aus Aleppo“ Tür an Tür gelebt, zeigte Bock die Problematik auf. Sunniten, Schiiten, Christen, Alewiten und Kurden hätten sich „eine beengte und anfangs kaum gemanagte Lebenswelt“ teilen müssen.

Die Andreasberger selbst, unterstreicht Bock, hätten dem Flüchtlingsheim nach anfänglicher Skepsis durchaus positive Aspekte abgewinnen können. „Denn hier entstanden Arbeitsplätze.“ Und das, so der Kulturanthropologe, sei ein starkes Argument „in einem Ort, der sozial, ökonomisch und demografisch 30 Jahre Abstieg hinter sich hat“. Doch das Jobwunder war ebenso schnell beendet, wie es begonnen hatte. Als plötzlich „mehr Betreuungspersonen als Flüchtlinge“ da waren, so Bock, wurde das Heim –knapp ein Jahr nach seiner Eröffnung –wieder geschlossen.

Vor dem Abschluss steht nun auch die Cambridge-Studie über Migration und Zusammenleben in Deutschland, England, Frankreich sowie Italien. Ihre Zielsetzung haben die Wissenschaftler dabei nie aus dem Blick verloren. Sie wollten analysieren, „wie sich in vier europäischen Gesellschaften das Vertrauen in staatliche Institutionen und den Pluralismus in Krisenzeiten verändert“.

ZUR PERSON

Quasi zum Heimspiel wurde die Forschungsarbeit im Flüchtlingsheim in Sankt Andreasberg für Dr. Jan-Jonathan Bock: Er wuchs in Wiedelah auf. Nach dem Besuch der Grundschule in dem kleinen Vorharzort und der Vienenburger Orientierungsstufe landete er am Werner-von-Siemens-Gymnasium in Bad Harzburg. Dort legte er 2006 sein Abitur mit der Traumnote 1,0 ab.

Nach neunmonatigem Zivildienst im Jugendtreff Bad Harzburg nahm er 2007 an der Universität Cambridge das Studium der sozialen und politischen Wissenschaften mit dem Schwerpunkt Sozialanthropologie auf. Dem Abschluss Bachelor im Jahr 2010 folgte ein Jahr später der Master in anthropologischer Forschung.

2015 promovierte er in Cambridge mit einer Arbeit über die sozialen Folgen des Erdbebens im italienischen L´Aquila. Er beteiligte sich an mehreren wissenschaftlichen Feldforschungsarbeiten, unter anderem über die Flüchtlingskrise und deren Folgen für Europa.

Das nächste Projekt wird den 30 Jahre alten, gebürtigen Harzer, der in Cambridge wohnt, in den kommenden Monaten nach Doha in Katar und ins indische Delhi führen.

<p>Dr. Jan-Jonathan Bock</p>

<p>Dr. Jan-Jonathan Bock</p>

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