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Chinesen finden Silbererz bei Clausthal-Zellerfeld

Der Ottiliae-Schacht soll wieder aufgefahren werden. Justus Teicke von den Harzwasserwerken arbeitet an einer Machbarkeitsstudie. Foto: Kirmse

Der Ottiliae-Schacht soll wieder aufgefahren werden. Justus Teicke von den Harzwasserwerken arbeitet an einer Machbarkeitsstudie. Foto: Kirmse

Clausthal-Zellerfeld. Ein Bergbaukonzern aus Shanghai will den Ottiliae-Schacht in Clausthal wieder in Betrieb nehmen, um ein neu entdecktes Erzlager abzubauen.

Mittwoch, 01.04.2015, 00:00 Uhr

Im weltweiten Wettlauf um immer knapper werdende Rohstoffe haben einmal mehr die Chinesen die Nase vorn – nun auch im Harz. Während eine dänische Explorationsgesellschaft seit Jahren vergeblich rund um den Rammelsberg und an der Gose nach neuen Erzadern sucht, ist jetzt ein chinesischer Bergbaukonzern im Zellerfelder Tal fündig geworden.

Nach Auskunft der High Harz Mountain Mines Company (HHMM), einer eigens zur Ausbeutung der Lagerstätte gegründeten Tochtergesellschaft, hat das Vorkommen gewaltige Ausmaße. Geologen der Konzernmutter in Shanghai schätzen die Lagerstätte fast so groß ein wie jene am Rammelsberg, die die Goslarer Bergleute 1000 Jahre lang, bis 1988, in Lohn und Brot hielt. Auch der Silbergehalt der Erzader soll ähnlich hoch sein.

Gleichwohl bezweifelten Harzer Bergbau-Experten in ersten Reaktionen, dass eine Grube im Harz heutzutage noch profitabel sein kann. Die gewinnorientierten Chinesen haben jedoch eine – auf den ersten Blick – ganz einfache Lösung parat: Sie wollen die bis Mittwoch im Oberharz existierenden bergbaulichen Einrichtungen nutzen, um die Erze ans Tageslicht zu holen. Im Mittelpunkt ihrer Pläne steht der Ottiliae-Schacht, den sie wieder in Betrieb nehmen wollen, um an die in einer Tiefe von 1300 Metern gelegene Lagerstätte heranzukommen.

Zu diesem Zwecke müssten die größtenteils abgesoffenen Stollen des 1930 geschlossenen Bergwerks jedoch entwässert werden. „Kein Problem“, meint Justus Teicke von den Harzwasserwerken in Hildesheim, der im Auftrag der Chinesen eine Machbarkeitsstudie erstellen soll. Die Grube könne über den noch intakten, in 360 Metern Tiefe verlaufenden Ernst-August-Stollen entwässert werden, sagte er in einer ersten Stellungnahme.

Zum Problem könnte jedoch der Ottiliae-Schacht selbst werden. Ihn krönt immerhin das älteste, in Deutschland noch erhaltene Fördergerüst. „Das muss natürlich modernisiert werden“, meint Yazi Baozhi, Sprecher der High Harz Mountain Mines Company. „Unter Umständen müssen wir den Turm auch ganz abreißen und neu bauen.“

Dieser Plan wird nicht einfach zu verwirklichen sein, denn die Anlage ist Teil der Oberharzer Wasserwirtschaft. Vor Ort ist allen klar, was hier auf dem Spiel steht: Der 2010 mühsam errungene Welterbe-Status für das gesamte Ensemble.

Auch Widerstand auf höchster internationaler Ebene ist programmiert –bei der Unesco. Dass die Bewahrer der Weltkulturgüter nicht lange fackeln, wenn es um den Schutzstatus geht, zeigt das Beispiel Dresden. Als die Sachsen dort eine vierspurige Straßenbrücke in die Elbtal-Auen stellten, strich die Unesco selbige 2009 kurzerhand von der Welterbe-Liste.

Gleiches droht im Harz: Während die einen das für eine mittlere Katastrophe halten, sehen die anderen das völlig entspannt. „Das Oberharzer Wasserregal ist ohnehin schwer zu vermarkten“, sagt ein hochrangiger Tourismus-Experte hinter vorgehaltener Hand. „Den Wanderern ist es doch egal, ob der Teich, an dem sie entlangspazieren, zum Weltkulturerbe gehört oder nicht.“

Der Chinesen verweisen auf die sicheren Arbeitsplätze, von denen der strukturschwache Oberharz über Jahrzehnte profitieren würde. Am liebsten würden sie sofort loslegen. In China wären die ersten tausend Tonnen Erz schon verhüttet, meint HHMM-Sprecher Yazi Baozhi, der sich in Deutschland und speziell im Oberharz bestens auskennt: Er hat an der TU Clausthal studiert, bevor er ins Reich der Mitte zurückkehrte und in der Konzernzentrale weiter aufstieg. Von ihm stammte auch die Idee, im Oberharz nach Erz zu suchen.

Nach dem Sensationsfund fängt die Arbeit nun aber erst richtig an. Den Chinesen steht ein langwieriges Genehmigungsverfahren bevor. „So schnell schießen die Preußen nicht“, zitiert der Unternehmenssprecher schmunzelnd eine Redewendung, die er hier als Student öfter zu hören bekam.

Was es heißt, ein altes Bergwerk in Deutschland wieder in Betrieb zu nehmen, erlebt gerade das Bergbauunternehmen K+S, das bei Sarstedt einen alten Salzstock wieder öffnen will. Sage und schreibe 95 Aktenordner füllt der Antrag, den K+S unlängst beim Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie in Clausthal-Zellerfeld stellte.

Gleichwohl ist der von den Oberharzern bis heute gepflegte traditionelle Bergmannsgruß mit dem Fund der Erzader aktueller denn je. „Glückauf“ lautet das Motto auch am Mittwoch, wenn es bei einer öffentlichen Führung mit der HHMM-Company zum Otti-Schacht und ins Zellerfelder Tal geht. „Wir wollen die Menschen im Oberharz mitnehmen“, kündigt Yazi Baozhi eine offensive Informationspolitik an. Treffpunkt zu der Ortsbesichtigung ist um 10 Uhr am Alten Bahnhof.

Für die mehrstündige Rundtour empfiehlt der junge Chinese „Rucksackverpflegung“, die er noch aus früheren Clausthaler Zeiten kennt. „Also Schärpermesser für die Wurst nicht vergessen“, sagt er lachend in fast akzentfreiem Deutsch.

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