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Betriebsratsvorsitzender Jörg Ihde verlässt H. C. Starck

Gemeinsam star(c)k: Der langjährige Betriebsratsvorsitzende Jörg Ihde (li.) hat seinen Posten geräumt und verabschiedet sich auf Sicht von Unternehmen und Chef Dr. Jens Knöll in den Ruhestand. Foto: Heine

Gemeinsam star(c)k: Der langjährige Betriebsratsvorsitzende Jörg Ihde (li.) hat seinen Posten geräumt und verabschiedet sich auf Sicht von Unternehmen und Chef Dr. Jens Knöll in den Ruhestand. Foto: Heine

Goslar. Langweilig war es jedenfalls nie: Als Jörg Ihde im Jahr 2006 neu in den Betriebsrat und gleich zum Vorsitzenden gewählt wurde, ließ Dr. Heinz Heumüller nur eine Woche später die alte und neue Riege der Arbeitnehmer-Vertreter zu sich rufen.

Von Frank Heine Dienstag, 22.01.2019, 14:32 Uhr

Der damalige Vorsitzende der Geschäftsführung von H. C. Starck verkündete, dass der Bayer-Konzern seine Goslarer Chemie-Tochter zu verkaufen gedenke. Die Leverkusener wollten ihre Kriegskasse füllen, um das Pharma-Unternehmen Schering zu schlucken. Milliarden-Deals bahnten sich an.

Die Nachricht traf Ihde in seiner neuen Funktion unvorbereitet. Seit 1980 bei Starck beschäftigt, hatte er vorher im Schichtbetrieb in der Molybdän-Produktion gearbeitet. „Ach, du lieber Gott, was hast du dir bloß angetan?“, sei ihm seinerzeit spontan durch den Kopf gegangen. „Meine Vorgänger hatten sich mit Fragen wie Sozialräumen und deren Ausstattung beschäftigt“, erinnert sich der Okeraner heute schmunzelnd. Firmenverkäufe, Sozialplan, Tarifstreit, Kurzarbeit – der 63-jährige Ihde sollte in seinen folgenden zwölf Amtsjahren mit anderen Kalibern zu kämpfen haben. Seit dem Jahreswechsel ist er bis zum Eintritt in die Rente freigestellt. Heute Abend wird er in einer Runde aus Betriebsrat und Geschäftsführung verabschiedet.

„Die Arbeitsplätze zu erhalten und den Standort zu sichern, war immer oberstes Ziel unserer Arbeit“, sagt Ihde und meint mit „uns“ das insgesamt 15Köpfe zählende Gremium – ein „komplett gutes Team, das den Weg immer mitgegangen ist.“ Und weiter so geht: Ihdes langjähriger Vize Michael Banse rückt an die Spitze, Karin Baberske ist neue Stellvertreterin.

Kein Zweifel: Der Weg war von Beginn an kein leichter. Als mit den beiden US-Finanzinvestoren Advent International und Carlyle Group die neuen Eigentümer feststanden, herrschten bei der Belegschaft sehr gemischte Gefühle – vorsichtig formuliert. „Wir haben damals auch von Heuschrecken gesprochen“, räumt Ihde ein, „was sich aber – Gott sei Dank – nicht bewahrheitet hat.“ Seinerzeit wusste aber niemand sicher vorherzusagen, wie Starck am Ende aussieht und was mit dem Werk in Goslar passiert. Drei bis fünf Jahre halten und wieder zu Geld machen – auf ein solches, in der Investment-Branche keineswegs unübliches Verhalten hätten alle Vorzeichen hingedeutet, so Ihde. In der Tat war für 2011 der Börsengang geplant, der in ungünstigen und unsicheren Zeiten allerdings abgeblasen wurde. „Aus heutiger Sicht muss man wohl sagen: gut, dass es nicht geklappt hat.“ Bis dato hatte es allerdings schon stürmische Zeiten gegeben.

Im November 2008 gingen die Starck-Mitarbeiter auf die Straße, um für einen Sozialplan zu demonstrieren. Bei eisiger Kälte und Schneetreiben standen die Jobs und Geld im Mittelpunkt – der Plan hat Bestand bis heute. 120 Starck-Beschäftigte verließen das Unternehmen. Betriebsbedingte Kündigungen gab es aber nicht. Hätte der Betriebsrat seitdem bisweilen „mehr Zinnober“ machen müssen, um Interessen der Belegschaft durchzusetzen? „Wir haben am Ende des Tages immer einen Kompromiss gefunden“, sagt Ihde zum Spagat zwischen Härte zeigen und Lösungen ausloten. „Herr Ihde war stets offen für Diskussionen zur Lage des Unternehmens, extrem verlässlich und hat immer hohen persönlichen Einsatz für die Belange der Mitarbeiter gezeigt“, bestätigt Dr. Jens Knöll, der seit November 2016 der Starck- Geschäftsführung vorsteht.

Bei manchem Dissens in der Sache sei beiden aber stets klar gewesen, dass es für die Belegschaft nur eine gute Zukunft geben könne, wenn auch das Unternehmen eine gute Zukunft habe. Insofern ist sich das Duo in der Bewertung einig, dass der ab 2016 eingeschlagene Weg mit mehr Eigenverantwortung für die einzelnen Divisionen der einzig richtige gewesen sei – bis hin zum Verkauf zweier Töchter an strategische Investoren aus Schweden und Japan. Und was der frühere Goslarer Ratsherr, der sich einst für Okers Fußballer an vorderster Front engagierte, und seit einigen Jahren bei den Schützen den Hut aufhat, wohl nicht unbedingt über die Ära des Österreichers Dr.Andreas Meier sagen könnte, scheint an dieser Starck-Stelle zuzutreffen: Zwischen ihm und Knöll scheint die Chemie gestimmt zu haben.

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