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Bei Andrea Steckel-Jiang und Familie in China kehrt langsam Alltag ein

Die Kreativität der Kinder zulassen, sie sogar anregen, bringt alle nicht nur mit Frust, sondern auch mit Freude durch die Zeit.

Die Kreativität der Kinder zulassen, sie sogar anregen, bringt alle nicht nur mit Frust, sondern auch mit Freude durch die Zeit.

Ningbo. Arbeiten und den Haushalt schmeißen, dazu die Kinder sinnvoll beschäftigen: Das klingt anstrengend. Ist es auch. Aber es ist machbar. Wie? Gehen Sie mit einer positiven Einstellung an die Situation, anstatt frustriert die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind Sie und Ihre Familie bisher von dem Virus verschont geblieben und das soll ja schließlich so bleiben.

Freitag, 20.03.2020, 16:07 Uhr

Der Mama im Haushalt helfen zu dürfen kann stolz machen und Spaß bereiten.

Der Mama im Haushalt helfen zu dürfen kann stolz machen und Spaß bereiten.

Tatsächlich ist die Vermeidung von Kontakt zu anderen Menschen zurzeit das geeignetste Mittel zum Schutz gegen die Infektion. In China gibt es nicht wenige Fälle, in denen ganze Familien oder ein Bekanntenkreis infiziert waren, weil die Leute dachten: Ist ja meine Familie, was kann da schon passieren. Etwa ein Drittel der Fälle in Ningbo konnte auf eine Veranstaltung an einem Tempel kurz vor chinesisch Neujahr zurückgeführt werden, an der zu dem Zeitpunkt unwissentlich Infizierte aus Hubei teilgenommen hatten. Zuhause zu bleiben ist also der beste Schutz für die Familie.

Ein weiterer schöner Aspekt ist, dass Sie endlich viel Zeit mit der Familie verbringen können. Eigentlich wünschen wir uns zwischen Arbeitsalltag und Besorgungsstress doch regelmäßig, mehr Zeit mit den Kindern verbringen zu können. Hier ist Ihre Chance! Bereiten Sie sich vor. Äußerlich wie innerlich. Hamsterkäufe sind nicht notwendig, aber decken Sie sich, sofern noch möglich, mit Backzutaten und Bastelmaterialien ein. Eine Extrapackung vom Lieblingsmüsli, „Bestechungsmittel“ wie Gummibärchen oder Eis im Vorratsschrank sind auch nicht verkehrt. Aufkleber sind hervorragend, um Kinder zu beschäftigen, eignen sich aber auch prima für ein Belohnungssystem (zum Beispiel ein Aufkleber für einmal Tischdecken, zehn gesammelte Aufkleber können dann bei Mama und Papa gegen ein Eis getauscht werden).

Kramen Sie Kissen und Decken heraus, um eine Kuschelecke zum Vorlesen einzurichten. Kindern ab dem Kindergartenalter können Sie mit altersgerechten Worten erklären, warum sie nicht mehr in den Kindergarten oder in die Schule, auf den Spielplatz oder zu Freunden gehen dürfen und wie sie sich (auch gegen andere Krankheiten) durch Händewaschen schützen können. Eventuell hilft ein Comic oder Cartoon dabei. In China hat ein illustriertes Buch in PDF-Ausgabe zu dem Thema seine Runden gemacht, auch ein Cartoon wird wiederholt im Fernsehen gezeigt.

Sorgen Sie für geordnete Tagesabläufe. Uns hat es extrem geholfen, zeitliche Struktur in den neuen Alltag zu bringen und so eine neue Routine zu entwickeln. Bis in den späten Vormittag im Bett rumzuhängen und dann mit einer „Mal-sehen-was-der-Tag-so-bringt-Einstellung“ in den Rest vom Tag zu gehen, endet in einer chaotischen Wohnung, in der keiner mehr was gebacken bekommt und sich bald alle auf den Keks gehen.

Manchmal muss man einfach auch mal alle Fünfe gerade lassen können.

Manchmal muss man einfach auch mal alle Fünfe gerade lassen können.

Stellen Sie sich weiterhin den Wecker. Ich stehe frühzeitig auf, frühstücke und arbeite. So kann ich einen großen Anteil meiner Aufgaben erledigen, bevor ich gegen halb zehn (das hört sich jetzt spät an, ist aber eine strategisch gewählte Uhrzeit, die mir möglichst viel Zeit zum Arbeiten am Vormittag lässt) die Großen wach mache, damit sie sich anziehen und frühstücken, undanschließend Hausaufgaben machen.

Erledigte Hausaufgaben am Vormittag sind Voraussetzung für freie Spielzeit am Nachmittag. Inzwischen ist unsere Tagesmutter wieder da, sie kümmert sich um die Zwillinge. Die ersten drei Wochen mussten wir allerdings auf sie verzichten, also musste ich auch die Kleinen mit einplanen: Die sind gegen zehn Uhr wach, bekamen nach Möglichkeit „Selbstversorger-Frühstück“ (also etwas, dass sie ohne eine Schweinerei zu verursachen selber essen können), anschließend waren sie auf Entdeckungstour in der Wohnung unterwegs, während ich Emails beantwortete (immer mit einem Ohr bei den Kindern). Sie werden überrascht sein, was sich Anderthalbjährige alles einfallen lassen können, um sich zu beschäftigen.

Nach der Mittagspause dann freies Spielen im Kinderzimmer oder Basteln, während ich arbeite. Durch das späte Aufstehen hat sich der Mittagsschlaf der Zwillinge zeitlich nach hinten verschoben, das hat den Vorteil, dass ich nach Feierabend zwischen halb und fünf Uhr dann noch bis zu anderthalb Stunden für Haushalt, Spielen mit den Großen oder im besten Fall einfach für mich selbst habe. Zwischen sechs und sieben machen wir dann Abendbrot (ich habe einiges an chinesischen Kochkünsten dazugelernt), dann wird gemeinsam gegessen, bevor es ans gewohnte Abendritual mit Baden, Zähneputzen und Bücher lesen geht. Spätestens um halb zehn kehrt Ruhe ein, ich schmeiße dann noch die Waschmaschine an oder sammele Spielzeug zusammen.

Andrea Steckel-Jiang

Andrea Steckel-Jiang

Schalten Sie an Wochenenden auf Wochenendmodus (allein schon, um sich zu erinnern, welcher Wochentag eigentlich ist). Gemeinsames Frühstück (gerne auch im Schlafanzug), begleitetes Basteln, zum Beispiel das Coronavirus mit einem Luftballon, alten Zeitungen und Trinkhalmen nachbauen, oder mit Blick auf Ostern Häschen und Ostereier vorbereiten, Waffeln backen, eine Tanzchoreografie entwickeln, aus Sofa, Kissen und Decken eine Höhle bauen, Schaumparty mit Haarewaschen in der Badewanne veranstalten, oder – falls vorhanden –den Garten umgraben, Unkraut jäten, dabei Regenwürmer und Käfer finden und beobachten.

Zeigen Sie Verständnis für aufkommenden Frust der Kinder, die sich in wildem Spiel, einem chaotischen Kinderzimmer oder Hausaufgabenverweigerung äußern kann. Genauso wie Sie direkten Kontakt zu Freunden und Arbeitskollegen vermissen, wie Sie das Vor-die-Tür-gehen vermissen, fehlt Ihren Kindern Auslauf, Kontakt zu anderen Kindern und Futter fürs Gehirn. Stimmen Sie zu, dass die Situation wirklich doof ist und es Ihnen auch so geht, erklären Sie aber gleichzeitig, dass es umso wichtiger ist, dass sich zuhause alle verstehen und auf einander Rücksicht nehmen.

Lassen Sie Toben (Betten sind tolle Trampoline, lange Flure eine tolle Rennbahn) zu, solange es nicht gefährlich wird (klares Nein zu Kopfstand auf dem Hochbett oder Ninja-Kämpfen in der Nähe von Glasvasen). Beobachten Sie die sich entfaltende Kreativität, wenn teure Schals zu Prinzessinnenkleidern werden oder die Kinder heimlich Kuchen backen. Bauen Sie auf die Fähigkeiten Ihrer Kinder und nutzen Sie diese, um sich zu entlasten.

Mein Sohn (5) isst liebend gerne klebrige Reiskuchen. Ich habe aber nicht immer die Zeit, ihm die extra zu kochen. Da er nicht verzichten möchte, hat er sich dazu entschieden, sie selbst zu braten (zusammen mit Rührei und Sojasoße). Für ihn muss ich jetzt also nicht mehr kochen. Meiner großen Tochter habe ich erklärt, wie ein Wörterbuch funktioniert, nun muss ich ihr nicht mehr jedes Wort buchstabieren. Binden Sie die Kinder in Alltagsaufgaben mit ein (Tisch decken).

Und obwohl Sie nun sehr gut aufgestellt sind: Seien Sie auf Frustmomente vorbereitet und stellen Sie sich auf Improvisation ein. Tägliches Aufeinanderhocken gepaart mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit führt zu Situationen, die ausweglos scheinen: Sie sind alleine mit den Kindern. In der Küche türmt sich Geschirr, die Wäsche müsste gewaschen, das Badezimmer geputzt werden. Ein Kollege hat ein Anliegen. Sie haben schlecht geschlafen, der Kopf brummt. Der Kleine will keinen Mittagsschlaf machen, möglicherweise zahnt er. Die Große muss ein Sachkundeprojekt zum Thema Weltraum fertigmachen, versteht aber nicht, was es mit der Gravitation auf sich hat. Sie haben gleich eine Audiokonferenz, die nicht verschoben werden kann. Der Kühlschrank ist so gut wie leer, es fehlt vor allem frisches Gemüse, sie müssten den Einkauf erledigen.

Jetzt hilft nur noch Improvisation. Reden Sie mit der Großen. Sie soll für eine halbe Stunde den Kleinen im Kinderzimmer beschäftigen. Dafür bekommt sie später ein Buch. Vertrauen Sie der Großen, kümmern Sie sich nicht darum, was die Beiden in der Zeit anstellen, in der Sie Ihre Konferenz abhalten. Atmen Sie tief durch, wenn Sie nach der Konferenz feststellen, dass die Große sich nicht um den Kleinen gekümmert hat (aber der hat einfach nicht mit mir Lego bauen wollen…), und der Kleine derweil ausprobiert hat, wie viel Klopapier in die Kloschüssel passt und dabei patsche nass geworden ist. Ziehen Sie dem Kleinen die nassen Sachen aus, eine trockene Windel an und lenken Sie die beiden mit einem Eis ab, während Sie die Verstopfung entfernen. Schreien Sie Ihre Frustration in Ihre Kopfkissen.

Schmeißen Sie bis zum Ins-Bett-gehen Ihre guten Vorsätze, einen geregelten Tagesablauf und Ansprüche an gesunde Ernährung über Bord. Verbringen Sie den Nachmittag im Home-Kino mit Popcorn oder Chips, dazu Elsa oder Paw Patrol. Zum Abendessen reichen den Kindern Nudeln mit Ketchup, ein Pudding zum Nachtisch. Dank der Überschüttung mit sonst nicht erlaubten Nahrungsmitteln etc. werden Sie zum Superstar für Ihre Kinder, die plötzlich wieder zahm wie Lämmer werden. Zuckerfrei, reichlich frisches Obst und Gemüse, ein aufgeräumtes Kinderzimmer und saubere Socken gibt es dann eben erst morgen wieder: Wenn Sie durchgeschlafen haben, die Mailbox nicht ganz so voll ist wie am Vortag und die Große Ihnen einen Cappuccino macht... Andrea Steckel-Jiang

Sechs Woche ist es her, da berichteten wir von der gebürtigen Goslarerin Andrea Steckel-Jiang, die mit ihrem chinesischen Mann und den vier gemeinsamen Kindern im Alter von anderthalb bis sieben Jahren in Ningbo südlich von Shanghai lebt. Sie berichtete von Schulschließungen und Ausgehbeschränkungen, letztere konnten dank Einführung eines „Gesundheitscodes“ beendet werden: Basierend auf Angaben zu Gesundheitszustand und Reisetätigkeit wurde ein QR-Code in verschiedenen Farben generiert: „Rot steht für „infiziert“ (damit kommt man nicht vor die Haustür), grün für gesund. „Ausgestattet mit Atemschutzmaske und mit dem grünen Code dürfen wir unser Wohnviertel uneingeschränkt verlassen und uns frei bewegen“, berichtete die Goslarerin, die sich gestern telefonisch bei der GZ meldete und zum Durchhalten motivierte: Zu Hause zu bleiben sei wirklich das beste Mittel gegen das hoch ansteckende Corona-Virus.

In Ningbo sei seit vier Wochen kein neuer Coronafall mehr aufgetreten. Stattdessen kam der Frühling: „Wir haben hier 25, 26 Grad und können mit den Kinder endlich wieder draußen spielen gehen.“ Die Bitte der GZ, uns Tipps zu schicken, wie man zu Hause durch eine schul- und kitafreie Zeit kommt, kam die 35-Jährige so anschaulich aus eigener Erfahrung nach, dass wir unseren Lesern auf dieser Seite die ganze Geschichte bieten.

Endlich wieder im Park spielen: Der Papa Jiang Jun und die Kids genießen es.

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