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Bäckerei Schwieter: Nach 123 Jahren ist erst mal Schluss

Ralf Schwieter im vergangenen Jahr in der Backstube mit dem Solibrot für den Kirchenladen.  Fotos: Seltmann

Ralf Schwieter im vergangenen Jahr in der Backstube mit dem Solibrot für den Kirchenladen. Fotos: Seltmann

Schlewecke. Die Bäckerei Schwieter in Schlewecke hat geschlossen. Nach 123 Jahren. Seit 1896 wurden hier Brot und Brötchen, Kuchen und Kekse geknetet, gebacken und verkauft.

Von Ina Seltmann Freitag, 12.04.2019, 13:05 Uhr

Seit Jahresbeginn ist die Tür zu dem Bäckergeschäft in der Breiten Straße dicht. Auch das „Verrückte Café“ von Schwieter in der Herzog-Wilhelm-Straße musste schließen, es hatte sich keine Verkäuferin gefunden, nachdem die langjährige Mitarbeiterin in Ruhestand gegangen war.

Ralf und Petra Schwieter mussten sich der Realität stellen: kein Urlaub seit zehn Jahren, seit sieben Jahren sieben Tage die Woche in der Backstube, keine freien Feiertage, keine Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt. Dazu der frühe Arbeitsbeginn: Ralf Schwieter stand um halb eins auf, Petra Schwieter um halb vier. Dazu noch Familie mit drei Kindern, die ältere Generation zur Pflege im Haus. Zum Schluss konnten sie einfach nicht mehr und mussten die Konsequenzen aus der Dauerüberlastung ziehen, sagt Petra Schwieter.

Sie ist, genau wie ihr Mann Ralf, Bäckermeisterin und Konditorin. „Unser Beruf ist unsere Berufung“, sagt sie. Schon als Kind habe sie Bäckerin werden wollen.

Seit einigen Jahren stellte sie fest, dass die Wertschätzung der Menschen gegenüber dem Handwerk fehle. „Die Leute wissen gar nicht mehr, was ein richtiges Bäckerbrot ausmacht.“

{picture1s} Dass der Betrieb nun geschlossen ist, damit will sie sich noch nicht wirklich abfinden, auch wenn die Kräfte zur Zeit nicht da sind. Nach Gesprächen mit dem Bäckerinnungsverband haben Schwieters beschlossen, erst einmal den Betrieb ruhen zu lassen, aber das Gewerbe wollen sie behalten. Wenn die Umstände derzeit auch nicht nach einem Neubeginn aussehen, wollen sie sich diese Möglichkeit offenlassen.

Denn das Bäckereihandwerk in der Breiten Straße 112 hat richtig Tradition. „Das Haus wurde damals um den Steinbackofen gebaut“, berichtet sie. Der Ururgroßvater von Ralf Schwieter backte bereits 1742. Er selbst hatte nach Wunsch seines Vaters eigentlich ins Bankfach gehen sollen. Doch seine Leidenschaft lag in der Backstube.

Aber der Beruf hat nun gesundheitlich Spuren hinterlassen. Vor acht Jahren begann eine schwere Zeit: Petra Schwieter bekam Hirnhautentzündung. Zwei Jahre später erhielt Ralf Schwieter die (Fehl-) Diagnose ALS mit der Aussicht auf nur noch zwei Jahre Lebenserwartung. Die amyotrophe Lateralsklerose ist eine nicht heilbare Erkrankung des Nervensystems. Daraufhin seien ihnen von der Bank nötige Kredite für die Sanierung des Hauses nicht bewilligt worden.

Erst ein Jahr später bekamen Schwieters die Revidierung des lebensbedrohlichen Szenarios. Mutter und Vater der beiden Schwiegerfamilien leben seit zwei Jahren im Haus und werden betreut. Derzeit laufen die Umbauarbeiten für ein behindertengerechtes Bad. „Wir schöpfen Atem“, sagt Petra Schwieter über den Ist-Stand. Ralf Schwieter plant eine Kur. Und Petra Schwieter hat angefangen, im Chor zu singen und hat wieder Zeit zum Lesen. Das Backen lassen beide komplett. Das heißt, Petra Schwieter hat zum 15-jährigen Bestehen des St.-Nicolai-Chores im März zum ersten Mal wieder zu Mehl, Eiern und Butter gegriffen. Es gab einen Topfkuchen. Nach dem überlieferten Rezept ihres Großvaters. Der war auch Bäckermeister.

Einst gab es viele kleine Bäckerbetriebe in Bad Harzburg und den Ortsteilen. Ein Blick in das Handwerksbuch 1986/87, das Fritz Raffert, Vorsitzender Obermeister der Bäcker-Innung Goslar-Salzgitter, vorliegt, zeigt eine Vielfalt an Backstuben in allen Ortsteilen. Damals gab es noch 13 Bäckereien. Nachdem jetzt Bäckerei Schwieter geschlossen hat, sind nur noch zwei backende Betriebe übrig, die Bäckerei Stübig in Westerode und die Bäckerei Gummich in der Dr. -Heinrich-Jasper-Straße. Alle anderen Betriebe in der Stadt backen nicht vor Ort und verkaufen ihre Produkte hier in Filialen. Raffert, dessen Betrieb sich in Seesen befindet, sieht eine Entwicklung fortgesetzt, die vor Jahrzehnten begann. Er erinnert sich an die große Anzahl der Bäckereien im Altkreis Gandersheim, dem er angehörte: „Ende der fünfziger Jahre hatten wir hier 158 Betriebe.“ Heute sind es neun. „Mit jedem Bäckereibetrieb, der sich aus dem Markt verabschiedet, gehen ein Stück Regionalität und – ganz schlimm für mich –, alte Rezepte unwiderruflich verloren.“

Bäckereibetriebe in Bad Harzburg 1986/87:

  •  Albert Biel, Breite Straße 27
  •  Horst Dämgen, Herzog-Wilhelm-Straße 26
  •  Wolfgang Diederichs, Herzog-Wilhelm-Straße 17
  •  Hermann Ebeling, Herzog-Julius-Straße 69
  •  Jochen Fricke, Am Stadtstieg 5
  •  Werner Fricke, Meinigstraße 29
  •  Siegfried Lüttich, Breite Straße 40
  • Fritz Müller, Dr.-Heinrich-Jasper-Straße 29
  • W. Neumann, Neue Meinigstraße 15
  •  Alfred Schilling, Silberbornstraße 7
  •  Hans-Joachim Schwieter, Breite Straße 112
  • Willi Stübig, Kirchstraße 18
  • Kurt Weckwarth, Dr.-Heinrich-Jasper-Straße 37
Petra und Ralf Schwieter vor der Front ihres geschlossenen Bäckereigeschäfts.

Petra und Ralf Schwieter vor der Front ihres geschlossenen Bäckereigeschäfts.

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