Aus der Vergangenheit eines Bergdorfs: Lerbach, Lehrbach oder Lärbach?
Um 1900: Blick von der Concordia-Klippe auf die beiden Gebäude der Mühle, rechts der Teich im Mühlengrund und links die Gastwirtschaft Hasenkrug. Christoph Gatterer in einem Porträt, das etwa 1815 entstanden ist (ovales Bild) Fotos: Harzkurier/Wikipedia
Lerbach. Bei der Spurensuche in der Vergangenheit von Lerbach stieß ich auf einen Artikel von Hochschullehrer und Forstwissenschaftler Christoph Wilhelm Jacob Gatterer aus dem Jahr 1792. Dieser wurde in Beschreibungen des Harzes im Verlag der Bauer- und Mannischen Buchhandlung gedruckt.
Das urkundlich belegte Gründungsjahr von Lerbach ist 1551. Der Ort unterstand von 1617 bis 1823 dem Berg- und Forstamt Clausthal, dann der Berghauptmannschaft Clausthal bis 1885 sowie danach dem preußischen Landkreis Zellerfeld. Lerbach hatte Privilegien wie das Hut- und Weiderecht, Brenn- und Bauholzgerechtsame - analog zu den Bergfreiheiten der sieben Oberharzer Bergstädte.
Ein Flecken bietet für die umliegenden Dörfer einen Mittelpunkt und nimmt zentralörtliche Funktionen wahr. Möglicherweise verfügt der Ort über einige städtische Privilegien wie zum Beispiel das Marktrecht (Marktflecken). In der preußischen Provinz Hannover waren Flecken bis 1885 teilweise Sitz eines königlichen Amtes.
Gatterer schrieb 1792: „Lerbach, Lehrbach, Leerbach, Lärbach, oder, nach der Aussprache der Einwohner, Lärpche, ist ein harzischer Bergflecken (kein Dorf, wie in manchen Schriftstellern steht), welcher in einem tiefen Thale der Harzgebirge, zwischen Osterode und Clausthal, am Fuße des Langenbergs liegt. [...] Dieser Ort besteht aus etwa 100 Häusern, welche einzeln stehend in zwey Reihen aufgebaut sind, nur eine einzige Straße ausmachen, und am Fuße der Gebürge dieses überaus engen, finstern und melancholischen Thals gegen einander über liegen. [..] wenn man den Weg nach Clausthal auf der Höhe derselben hinreiset, so kömmt es einem fast vor, als wenn man den ganzen Flecken, indem man immer von oben hineinsehen kann, von einem Berggipfel zum anderen, mit Dielen oder Brettern zudecken könnte, so enge ist dieses Tal, in welchem niemand Einwohner vermuthen sollte. [...]
Die Straße des Fleckens ist nicht überall gleich breit, sondern richtet sich nach den Krümmungen des Thales; sie ist auch nicht gepflastert, sondern vor den Häusern liegen nur hin und wieder einzelne Steine zur Bequemlichkeit der Bewohner; aber deswegen ist hier auch bey schlechter Witterung zu Fuß öfters kaum durch den Koth zu kommen.
Der Köhlermeister und seine Frau spiegeln das Berufsleben um 1850 wider.
Die Einwohner [...] sind fast durchgehends arme Leute welche sich vom Holzhauen, Kohlenbrennen, Eisensteinsgruben-Arbeiten, und einiger Rindviehzucht ernähren. [...] Die meisten Mannspersonen kommen nur des Sonntags nach Hause, weil sie sich die übrige Zeit als Köhler und Holzhauer sowohl im Sommer als im Winter im Walde aufhalten. Die Frauenspersonen spinnen indessen die grobe Wolle für die Wollenmanufaktur zu Osterode; wenn sie alsdann dieses Garn nach Osterode zu den Fabrikanten bringen, so pflegen sie von da diejenigen Bedürfnisse, welche sie in ihrem Flecken nicht erhalten können, wieder mitzunehmen.
Von Natur sind die Lerbacher durchgehends kurz und untersetzt, und haben ohne Ausnahme sehr dicke Kröpfe, die zum Theil sehr tief herabhängen, und hier allerdings fast für ein Stück der Schönheit gehalten werden. Man schreibt hier diese häufigen Kröpfe zum Theil dem Genusse des Wassers aus dem neben und durch den Flecken fließenden Bache Lerbach zu, welcher aus dem benachbarten Eisensteinsgruben vielen Zufluß hat. Man behauptet, daß auch selbst Fremde, welche einige Zeit daselbst wohnten, diese Kröpfe bekämen. Fremde von anderen Orten kommen indessen selten in diesen Flecken zu wohnen, denn die Einwohner heyrathen meistens nur unter sich selbst. [...]
Die Lerbacher, besonders die Kinder, sammeln die in großer Menge an den Gebürgen um den Flecken wachsenden Erdbeeren, Himbeeren, Heidelbeeren und Kronsbeeren, und verkaufen sie meistens zu Osterode und Clausthal. [...] Sie treiben weder Acker- noch Feldbau, weil das Land dazu fehlt [...].
Des Winters ernähren sich auch dadurch viele, daß sie nach Osterode gehen und daselbst Holz sägen und spalten. Außerdem fangen sie viele Schwarzdrosseln [...], richten sie ab, eine Melodie zu pfeiffen, und verkaufen sie alsdann. Die Köhler und Holzhauer sammeln in den Waldungen die Eyer verschiedener Vögel und benutzen sie zur Speise; denn außer dem Müller, welcher Tauben hält, trifft man hier kein zahmes Federvieh an. Die Lerbacher sind aber auch zu ihrem Unterhalte mit sehr wenigem zufrieden. [...]
Im ganzen Flecken befindet sich nur ein Pferd, welches der Müller hauptsächlich dazu hält, um mit demselben das Bier aus Osterode, woher sie dasselbe nehmen müssen, in die beyden hier befindlichen Wirthshäuser oder Krüge zu holen. [...]
Die Hauptpersonen des Fleckens sind der Pfarrer, der Schulmeister und ein Bader. Der Flecken hat seine eigene Kirche, welche aus einem ganz hölzernen Gebäude von zwey Stockwerken besteht; das untere Stockwerk ist die Wohnung des Pfarrers, das obere die Kirche, [...] der über derselben befindliche Dachraum ist des Pfarrers Heuboden. Der Bader im Flecken ist zugleich Apotheker und Krämer des Orts, auch vertritt er bey denn gemeinen Leuten sehr oft die Stelle des Arztes. Er handelt außer mit anderen Lebensmitteln auch mit Zucker, Kaffe und Wein.
Lerbach
Selbst auch die ärmsten sind verhältnismäßig sehr reinlich, welche Eigenschaft im Allgemeinen alle Harzer besitzen.
Dagegen sind sie aber auch sehr einfältig, welches größtentheils auf ihre Lebensart zu schreiben ist, indem sie meistens als Köhler und Holzhauer fast immer im Walde leben. Auch sollen sie unter sich sehr neidisch seyn. [...]
Als bergmännische Merkwürdigkeit dieser Gegend verdient noch bemerkt zu werden, daß man bey Lerbach, zwischen den Eisensteinen, 16 Lachter unter der Oberfläche der Erde, eine Spur von Erzen gefunden hat, welche zwar vier Loth Silber, 23 Pfund Kupfer und16 Pfund Bley im Centner hielten, auf deren Dauer man sich aber keine Rechnung machen darf.“
Der Ortsvorsteher (1792 Ludwig Töpfer) war für die kommunale Verwaltung zuständig. 918 Einwohner lebten in 80 Wohnhäusern. Pastor war in der 1728 mit 265 Plätzen erbauten Kirche Friedrich Wilhelm Schlägel. Lesen und Schreiben lernten die Kinder (1812 waren es 200) in der Schulkirche mit drei Lehrerstellen.
Mit dem Bau der fiskalischen Eisenhütte im Jahr 1789 entstanden bis 1794 Gebäude wie das Wohnhaus des Kohlenvogts, Hüttenschreiberhaus (Verwaltung), Modeltischlerei, Magazin und Blankschmiede.
Mahlmüller Johann Christoph Rohrmann hat ab 1789 die Getreidemühle betrieben. Sein Vorgänger, Erbmüller Andreas Adam Lindner, wurde 1796 der erste Fuhrherr.
Laut Wikipedia ist Wilhelm Jacob Gatterer am 29. November1759 in Göttingen geboren und am11. September 1838 in Heidelberg gestorben. Er war der zweitälteste Sohn des Göttinger Gelehrten Johann Christoph Gatterer. Nach dem Besuch eines Göttinger Gymnasiums wurde er am 3. Januar 1778 als Professorensohn „honoris causa“ an der philosophischen Fakultät der Göttinger Universität immatrikuliert. Er studierte ökonomische Wissenschaften und promovierte 1787. Noch im selben Jahr wurde er mit 28 Jahren als ordentlicher Professor der Kameralwissenschaft und Technologie an die Universität nach Heidelberg berufen. 1797 ernannte man ihn dort zum Professor der Diplomatik.