Aus dem Bolschoi-Theater in die Bunte Stadt
Anna Kraus Ballerina Wernigerode
Plié, Hacke, Spitze, Steuererklärung: Die russische Ballerina Anna Kraus hat vor drei Jahren ihren Traum verwirklicht und ihre eigene Ballettschule im Harz eröffnet. Mittlerweile lernen 140 Kinder und 18 Erwachsene die Kunst des graziösen Tanzes von der Bolschoi-Absolventin in einem Spiegelsaal in Wernigerode.
Hier verschmelzen fließende Bewegungen, Seelenschmerz und Märchenwelten zur höchsten Form der Tanzkunst überhaupt: Ballett. Für Anna Kraus ist die Arbeit vor der Spiegelwand „daily business“ – und hat dennoch nichts von ihrer Faszination für sie eingebüßt. Nach all den Jahren ist sie vor Auftritten noch immer aufgeregt. Wie ihre Schützlinge: Mehr als 150 Schülerinnen und Schüler trainiert sie sowohl in Gruppen als auch im Einzelunterricht. Die Idee mit der Ballettschule habe sie lange mit sich herumgetragen. „Ich habe Pilates unterrichtet, schließlich auch Ballett an Schulen und Kindergärten“, berichtet sie. „Dann habe ich beschlossen, durchzustarten.“ Plötzlich habe sich die Chance eröffnet, unter dem Dach des alten E-Werks einen Raum für ihre Zwecke zu nutzen.
Im März 2017 öffnet ihre Ballettschule. Es ist für sie der Sprung ins kalte Wasser. Er gelingt, obwohl sie sich als russische Staatsbürgerin erst in den Dschungel der deutschen Selbstständigkeit mit Steuergesetzen, Versicherungspflichten für spezielle Berufsgruppen und nicht zuletzt Marketing nach und nach einfuchsen muss. „Ich werde mit meiner Ballettschule nicht reich. Aber ich liebe, was ich tue. Und das gibt mir Energie – auch für Dinge wie eine Steuererklärung“, sagt sie und lacht.
Nach und nach erarbeitet sie sich ihr Wissen. Hilfreich ist, dass sie in Wernigerode gut vernetzt ist. Unterstützung erhält sie von den Eltern ihrer Schüler, die ihr nicht nur gut gemeinte Tipps geben, sondern pragmatisch helfen und unterstützen. Ein Vater designt ihr Logo, das heute auf dem weißen Firmenwagen prangt. Für die jährlichen Aufführungen nähen Mütter Kostüme, drucken und verkaufen Eintrittskarten. Das Ballett bringt in Wernigerode Familien zusammen. Die letzten beiden Aufführungen von Tschaikowskis „Nussknacker“ hatten im vergangenen Jahr mehr als 1200 Gäste. 130 Kinder standen auf der Bühne. Die Choreografie hatte Anna Kraus kindgerecht erarbeitet. Zudem ist die sympathische Russin Mitglied im Wernigeröder Interkulturellen Netzwerk (WIN Verein), das Neubürgern den Start in der bunten Stadt erleichtern will. „Anna Kraus ist für unsere Stadt ein Glücksfall“, sagte die WIN-Vorsitzende Martina Tschäpe kürzlich auf dem Internationalen Abend des Vereins im Wernigeröder Rathaus, wo Anna Kraus mit ihren Kindergruppen das Unterhaltungsprogramm bereicherte.
Ballett – das ist nicht nur Schönheit, sondern auch Disziplin, Strenge und Hunger. Die harte Seite der vollendeten Tanzkunst lässt Anna Kraus ihre Schüler nicht spüren. Womöglich, weil sie sie selbst zugut kennt. „Man muss wirklich dafür geboren sein, um sich das anzutun“, resümiert sie: „Es ist hart.“ Zumindest, wenn man wie Anna Kraus nach ganz oben will und im Bolschoi-Theater gelernt hat. Dort werden Spitzenballerinas ausgebildet. Ihre kurze, aber intensive Karriere beginnt in Moskau, wo Anna Kraus geboren wurde. Im Alter von vier Jahren fängt sie an, zu tanzen. „Mein älterer Bruder hat getanzt. Das wollte ich auch“, verrät sie. Ihr Lehrer erkennt sofort ihr Potenzial und empfiehlt sie der Moskauer Bolschoi-Theaterschule. Jahr um Jahr tanzen Hunderte Mädchen für die Kaderschmiede vor. Sie sind neun oder zehn Jahre alt. Nur einige von ihnen bestehen die harte Prüfung. „Wir waren damals 230 Mädchen, die vortanzen durften. Meine Eltern haben alles für mich getan. Sie sind mit mir zur Gymnastik gegangen, ich erhielt Privatunterricht, um mich auf das Auswahlverfahren vorzubereiten.“
Die Mühen lohnen sich – Anna Kraus besteht die Aufnahmeprüfung. Anderthalb Stunden fährt das Schulmädchen jeden Tag mit der Metro zur Schule. Probe reiht sich an Probe. Regelmäßiges Wiegen und Messen gehören ebenso zum Schulalltag. Fünf Jahre verbringt sie an der Bolschoi-Akademie.
Sie ist 14 Jahre alt und mit 1,75 Meter sehr groß für eine Karriere als Primaballerina. „Im Bolschoi tanzen eigentlich nur Mädchen bis 1,70 Meter“, erklärt sie. Ein Glücksfall, dass der Direktor der John-Cranko-Schule damals nach Moskau reist. Er entdeckt die 14-Jährige, lädt sie ein, an seiner Schule in Stuttgart zu lernen. Sie willigt ein und verlässt ihre Heimat Russland, um an einer der renommiertesten Ballettschulen Deutschlands ausgebildet zu werden. „Ich sprach kein Wort Deutsch, verständigte mich anfangs nur mit Hilfe des Wörterbuchs“, sagt sie. „Im Ballett ist die Universalsprache sowieso Englisch.“ Tänzer aus über 18Ländern besuchen die Schule. Mit vielen ist Anna Kraus heute noch in Kontakt.
Mit 17 Jahren macht sie ihren Abschluss, geht dann nach Monaco, um sich an der „Academie de Danse“ weiter zu verbessern. Schließlich erhält sie ein Engagement in Görlitz am Theater. „Kleinstädte reizen mich“, sagt Anna Kraus. Sie liebt das Romantische, Verträumte. Der Liebe wegen zieht sie 2005 in den Harz, gründet eine Familie. „Ich fühle mich sehr wohl in Wernigerode, aber meine Eltern fehlen mir“, sagt sie.
Ihr persönliches Lieblingsstück ist „Romeo und Julia“ von Prokofiev. „Tragik und Liebe“, sagt sie. Ob ihr die großen Bühnen fehlen? Sie überlegt: „Ich habe jetzt ein anderes Leben, meine Schule und meine Kinder.“