Am Anfang schreckte die Größe ab
Gerd Winner in seinem Lieblingsraum: Der große Tisch bietet Platz für zwei Arbeitsplätze, seine Werke füllen den Raum. Fotos: Kühlewind
Liebenburg. Liebe auf den ersten Blick war es nicht. „Mich hat von außen die Größe abgeschreckt“, erinnert sich Gerd Winner an den Moment, als ihm ein Freund erstmals das Liebenburger Schloss zeigt. „Damals wusste ich noch nicht, dass die Hälfte Kirche war.“ Winner, der in Braunschweig sein Atelier räumen muss und neue Räume benötigt, ist in der Region eigentlich auf der Suche nach einem bäuerlichen Anwesen. Als ihm kein Objekt zusagt, wirbt der Freund dafür, dem Schloss eine zweite Chance zu geben: „Lass uns mal reingehen.“
Liebenburg. Liebe auf den ersten Blick war es nicht. „Mich hat von außen die Größe abgeschreckt“, erinnert sich Gerd Winner an den Moment, als ihm ein Freund erstmals das Liebenburger Schloss zeigt. „Damals wusste ich noch nicht, dass die Hälfte Kirche war.“ Winner, der in Braunschweig sein Atelier räumen muss und neue Räume benötigt, ist in der Region eigentlich auf der Suche nach einem bäuerlichen Anwesen. Als ihm kein Objekt zusagt, wirbt der Freund dafür, dem Schloss eine zweite Chance zu geben: „Lass uns mal reingehen.“
Der Maler Winner ist sofort fasziniert von der Deckenmalerei in der Kirche. Und von den Möglichkeiten, die ihm die großen Räume zur Einrichtung seiner Werkstatt bieten. Da er mit großen Formaten arbeitet, braucht er viel Platz.
Im Mai 1974 erwirbt er vom Land Niedersachsen das Barockschloss, das Fürstbischof Clemens August errichten ließ. Das 1760 fertiggestellte Gebäude hat seit 1959 leer gestanden. Davor war es 150 Jahre lang als Amtsgericht genutzt worden. Sollte es einmal Stuck an den Decken gegeben haben, so ist er im Laufe der Zeit abgefallen. Viele Räume sind ohne Kamin, die alte Dampfheizung ist nicht mehr zu gebrauchen.
Winner erneuert die Heizung und richtet ohne große Renovierungen innerhalb von sechs Wochen sein Atelier ein, um seine Aufträge abarbeiten zu können. Im Folgejahr erhält er den Ruf an die Akademie der Bildenden Künste in München. Fortan ist er nur noch selten in Liebenburg. Er arbeitet in der ganzen Welt, seine Frau lebt weiterhin in Berlin.
Das ändert sich 1999 nach Heirat seiner zweiten Frau Martina. War Liebenburg bisher nur ein Rückzugsort in der vorlesefreien Zeit, so wird es im Jahr 2000 zum permanenten Wohnsitz. „Mit meiner Frau Martina und meinem Sohn Marian hat Liebenburg eine neue Energie erhalten. Liebenburg wurde zur Heimat“, erzählt Winner. Liebenburg, das ist für ihn fortan der Gegenpol zur Arbeit in den großen Städten – ein Ort, hinter den London und New York zurücktreten.
Das Arbeiten und Wohnen im Denkmal empfindet der Kunsthistoriker nie als eine Belastung. „Die Substanz war sehr solide. Ich habe alle Räume in ihrer Struktur erhalten, nicht eine Wand entfernt.“ Irgendwann muss das Dach saniert werden. Er habe „viel Energie und Mittel“ investiert, doch das Gebäude habe ihm viel zurückgegeben. „Ich habe Energien aus der Substanz erhalten“, betont der 82-Jährige und meint damit vor allem die Kirche. „Der liturgische Raum hat mein Werk entscheidend beeinflusst. Das 180 Quadratmeter große Fresko fasziniert mich noch heute. Das ist eine richtige Dramaturgie. Die Nähe zu der historischen Malerei war ein Impuls, der mich mit meiner eigenen Arbeit sehr berührte.“
Es ist eine Mischung aus Begeisterung und Anerkennung, mit der Winner auf die Details im Deckengemälde verweist. Auf die Natürlichkeit der Wellen, auf die Darstellung der Bäume mit der Perspektive in die Krone. Mehrmals wöchentlich kommt er hierher und lässt seinen Blick schweifen. Doch trotz all der Nähe zieht er eine deutliche Grenze. „Ich habe nicht das Gefühl, das ich Eigentümer einer Kirche bin. Das ist der Herrgott“, sagt er. Und als Schlossherr fühlt er sich ebenfalls nicht. Die Räume sind sein Atelier, nebenan steht halt eine Kirche. So pragmatisch kann es sein. Der Wohnraum nimmt den geringsten Teil ein. „Das ist mein wichtigster Raum“, erklärt Winner und steht – natürlich – in seinem Atelier. Es ist übersät mit seinen Arbeiten. Der Schreibtisch ist eine große Ablagefläche, mit zwei kleinen Arbeitsplätzen an den Stirnseiten: Am linken sitzt Winner, wenn er an seinen Skizzen arbeitet, auf der rechten Seite steht das Telefon – das ist sein Büro. Gäbe es nicht die großformatigen Arbeiten ringsum, die hohen Wände würden nach ihnen schreien. Ein Künstler in seinem Schloss? Eher ein Maler bei der Arbeit.
Wohnraum Gerd Winner. Foto: Kühlewind
Ein mächtiges Treppenhaus verbindet die Stockwerke.
Auf der heutigen Gebäude-Rückseite befindet sich der eigentliche Haupteingang ins Barockschloss. Winner nutzt ihn kaum, lieber den einstigen Dienstboteneingang.
Deckenmalerei in der Liebenburger Schlosskirche. Foto: Kühlewind