Albrecht Gerlach wird heute 100 Jahre alt
Jung gebliebener Naturfreund und verehrter Lehrer: Die 100 sieht man Albrecht Gerlach nicht an. Foto: Dr. Alfred Schuster
Clausthal-Zellerfeld. Heute feiert Albrecht Gerlach seinen 100. Geburtstag. Unzähligen Gymnasiasten brachte er Bio und Chemie nahe und engagierte sich jahrzehntelang für die heimische Pflanzenwelt.
Generationen von Gymnasiasten haben Albrecht Gerlach kennen- und schätzen gelernt, seit er im August 1951 als Biologie- und Chemielehrer an die Robert-Koch-Schule kam. Heute wird der Studiendirektor a.D. 100 Jahre alt. Vital und fit, kann er dieses gesegnete Jubiläum im Kreise seiner Familie zu Hause feiern.
Und auch eine Abordnung seiner zahlreichen Schüler, die ihn als „außergewöhnlichen Pädagogen“ hoch verehren, will dem Jubilar persönlich gratulieren.
Einer von ihnen ist Wilhelm Nothdurft, Abi-Jahrgang 1958. „Stets wurde bei Albrecht Gerlach der Unterrichtsstoff mit feinster Didaktik erarbeitet und, wo nur irgend möglich, durch experimentelle Ansätze ergänzt“, erinnert sich der Professor für Strahlenbiologie an seine Siebtklässler-Zeit. „Bei den damaligen Laborausstattungen war dies nicht selten eine Herausforderung an das Organisationsvermögen des Lehrers und erforderte viel Improvisation.“
Besonders in Erinnerung geblieben seien ihm die Klassenfahrten, bei denen der damalige Klassenlehrer seinen Schülern neben kulturellen auch die naturkundlichen und technischen Gegebenheiten vor Ort nahebrachte. Stets habe er seine Schüler zum eigenständigen Experimentieren angeregt, etwa beim Nachweis der Mendelschen Vererbungsregeln am Beispiel der Taufliege.
„Die Arbeitsgemeinschaft Biologie erreichte unter Albrecht Gerlachs Leitung durchaus Hochschulniveau“, schreibt Nothdurft in einer Gratulationsmappe mit Fotos und Erinnerungen, die er zusammen mit Dr. Jürgen Schneider (Mitschüler sowie Stadtdirektor und Innenstaatssekretär a.D.) zusammengestellt hat. „Theorie und Praxis waren aufeinander abgestimmt, und handwerkliches Geschick kam auch ins Spiel“ – etwa bei Kernbohrungen im Torf des Radauer Borns, um anhand von Pollenanalysen der Vegetationsgeschichte des Harzes auf die Spur zu kommen.
Prof. Nothdurft arbeitete noch bis vor wenigen Jahren bei wissenschaftlichen Untersuchungen zur Erforschung der Oberharzer Fauna und Flora mit Albrecht Gerlach zusammen, der seit seiner Pensionierung als ehrenamtlich bestellter Pflanzenkartierer den Landkreis Goslar durchwandert hatte.
Der Jubilar ist Mitautor des Niedersächsischen Pflanzenatlas, 2007 herausgegeben vom Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz. Die Ergebnisse jahrzehntelanger Arbeit auf Bergwiesen, an Teichufern und Schwermetall-Standorten flossen in dieses Werk ein. Mit dem „Gefalteten Frauenmantel“ und dem „Nordischen Augentrost“ konnte er gleich zwei Neuentdeckungen für Niedersachsen dokumentieren. Sein prachtvoller Garten zeugt vom grünen Daumen des passionierten Botanikers und Biologen: Hier vermehrte er die Arnica montana („Bergwohlverleih“), die damals in der Natur so gut wie ausgestorben war. Albrecht Gerlach siedelte sie wieder auf Oberharzer Bergwiesen an.
Ende der 1980er Jahre initiierte er die Schaffung eines Feuchtbiotops im Bereich der unteren Innerste – mithilfe von Lorenz Paulus, Lehrer an der RKS und als erfolgreicher Kaninchenzüchter noch der alten Kunst des Sensenmähens mächtig. Bei den Harzwasserwerken regte Gerlach einfache, aber wirksame Schutzmaßnahmen für seltene Wasserpflanzen an den Uferbereichen der Oberharzer Teiche an. Der Naturwissenschaftliche Verein Goslar verlieh dem Familienvater 1999 für seine Verdienste in Pflanzenforschung, Natur- und Landschaftsschutz die Ehrenmitgliedschaft.
Für seine Clausthal-Zellerfelder Schüler ist Albrecht Gerlach der lebende Beweis, dass praktizierte Naturliebe jung und geistig rege hält. Er führte unzählige botanische Wanderungen des Harzklubs und war 25 Jahre lang Naturschutzwart im Vorstand des Zweigvereins Clausthal-Zellerfeld. 2006 übergab Albrecht Gerlach diese Aufgabe an Eberhard Paesler, der ebenfalls sein Schüler war.
Und noch ein Clausthal-Zellerfelder verehrt den Jubilar als „wirklich tollen Typ“: Thomas Gundermann, Lehrer an der RKS, der sich noch gut an seine letzte Stunde als Abiturient bei Albrecht Gerlach erinnert – „mit einem köstlichen Vortrag über die Fabelwesen von Kurt Halbritter“.
Nicht zuletzt freut sich Gundermanns Lehrerkollege Axel Franke als Mitorganisator des Internationalen Clausthaler Chemieworkshops nächste Woche darauf, den Jubilar wieder zur großen Chemie-Show am Freitag begrüßen zu dürfen: „Womit dann vier Lehrergenerationen der RKS vor Ort wären.“
2007 entstand dieses Bild des passionierten Botanikers mit dem Niedersächsischen Pflanzenatlas in seinem Garten. Archivfoto: Kirmse