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Adolf Gerade: Bild wird aus Ahnengalerie entfernt

Das „Kollegium Gerade“ – ein Bild aus dem Buch von Dr. Hans Gidion zur Geschichte des Ratsgymnasiums (1969). Der Direktor sitzt vorn in der Mitte.

Das „Kollegium Gerade“ – ein Bild aus dem Buch von Dr. Hans Gidion zur Geschichte des Ratsgymnasiums (1969). Der Direktor sitzt vorn in der Mitte.

Goslar. Nach einem Jahrbuch-Bericht zu seiner Seesener Direktorenzeit 1933 bis 1939 und einer Ehemaligen-Kontroverse will das Ratsgymnasium das Bild von Ex-Direktor Adolf Gerade entfernen.

Von Frank Heine Dienstag, 12.07.2016, 15:00 Uhr

Weil in den Sommerferien die Handwerker im Ratsgymnasium (RG) das Regiment übernommen haben und unter anderem die Wände einen neuen Anstrich bekommen, ist die Reihe der Bilder mit den Direktoren derzeit abgenommen und gut verstaut. Schon jetzt steht aber fest: Auf dem frischen Weiß wird das Bild von Oberstudiendirektor Adolf Gerade, der die Schule von 1952 bis 1959 leitete, keinen Platz mehr finden.

„Aufgrund dessen, was wir jetzt schon wissen, werden wir wohl nur einen Rahmen ohne Foto, aber mit erläuternder Vita aufhängen“, sagt RG-Vize und Geschichtslehrer Michael Kwasniok. Er verweist aber auch auf weitere Nachforschungen, die noch geplant sind. Auslöser für die aktuelle Entscheidung ist ein Bericht des Seesener Historikers Dr. Joachim Frassl, selbst Lehrer im Ruhestand, der 2013 im Band 94 des Braunschweigischen Jahrbuchs für Landesgeschichte über das Ende der Synagoge in Seesen schrieb.

Der Tempel, der in der Reichspogromnacht im November 1938 durch einen Brandanschlag zerstört wurde, stand mitten auf dem Gelände der ehemaligen Jacobson-Schule. Sie war bis 1922 jüdisch geführt, ehe sie verstaatlicht und, wie es damals schon hieß, entjudifiziert und später in Realschule bzw. Oberrealschule umbenannt wurde. Direktor war dort vom 17. Oktober 1933 bis zum 26. August 1939 Adolf Gerade, über dessen Bemühen zur Entfernung des Bauwerks Frassl unter anderem schreibt: „Es sind die Briefe des Schulleiters Adolf Gerade, die am stärksten ideologie-lastig sind.“

Im August 2015 trat ein Bericht aus der Feder von Claus Geissmar, Abiturjahrgang 1959 und Schüler von Gerade, im Mitteilungsblatt der Ehemaligen Goslarer Ratsgymnasiasten eine Kontroverse los: Wie ist der Mann zu bewerten? Geissmar schreibt in einem zweiten Beitrag im Dezember 2015 von „unerträglichem Umfang der antisemitischen Aktivitäten“ während der Seesener Direktorenzeit.

Bernd Hafenberg dagegen, ein anderer Ehemaliger, bekannte, er habe Gerade „als untadeligen Menschen mit aufrichtigem Charakter und als sehr guten Lehrer und Schulleiter empfunden“. Hafenberg sieht eine „Fehlentwicklung“ darin, per Mitteilungsblatt quasi ein Entnazifizierungsverfahren einzuleiten und politische Anschuldigungen gegen verstorbene Lehrer zu erheben.

Im Blatt ist zudem ein Gratulationsschreiben an Gerade zu dessen 90. Geburtstag im November 1983 abgedruckt. Der langjährige Ehemaligen-Vorsitzende Dr. Armin Theuerkauf, selbst Lehrer am CvD-Gymnasium und inzwischen verstorben, nennt ihn unter anderem einen „begeisternden Pädagogen“, „Vulkan von einem Lehrer“ und „immer noch ein Vorbild“.

In der April-Ausgabe meldet sich Matthias Rösch zu Wort. Der Abiturient von 1978 ist mittlerweile selbst Oberstudiendirektor und Schulleiter. Er hält die angestoßene Debatte für wertvoll: „Die von persönlichen Erinnerungen geprägte Jugend- und Schulzeit darf nicht in einer kritiklosen und geschichtsvergessenen, manchmal rührseligen Heldenverehrung mancher Lehrkräfte aufgehen.“

Gegen eine Ahnengalerie, wie das RG sie pflegt, hat er nach Abschaffung der Monarchie 1918 und des autoritären Staates 1945 grundsätzliche Bedenken. Schon beim Abistreich hatte sein Jahrgang die Direktoren-Fotos gegen eigene ausgetauscht, die Bilder aber später zurückgegeben. „Zumindest eines, das von Adolf Gerade, hätten wir damals schon verschwinden lassen sollen“, endet Rösch seinen Beitrag.

„Es waren sechs hoffnungsvolle und ertragreiche Jahre, in denen die Schule sich in stetigem Aufstieg befand, bis der Ausbruch des unseligen Zweiten Weltkrieges die verheißungsvolle Entwicklung erst hemmte und schließlich zerstörte.“ Es sind Sätze wie diese, die Dr. Joachim Frassl dem ehemaligen Direktor der Jungen-Oberschule Seesen besonders übel nimmt. Geschrieben hat sie Adolf Gerade lange nach dem Krieg über seine Schulleiter-Jahre 1933 bis 1939, und sie stehen in der Festschrift zur 150-Jahrfeier der Schule aus dem Jahr 1951.

Störende Synagoge? Judenreine Schule? Wer in den drei Seiten dieses späten Beitrags sucht, findet nichts dergleichen. Eine Passage berichtet von inneren Werten und der Heranbildung von Menschen „mit anständiger Gesinnung. Leistungswillen und Pflichtbewusstsein“. Und das ehemalige SA-Mitglied Gerade folgert selbstzufrieden: „Und ich glaube, das ist uns trotz der Widerwärtigkeiten, die man uns von oben und von außen her zu bereiten suchte, auch gelungen.“

Da hätten auch die „Einmischungsversuche machtverblendeter HJ-Führer“ nichts ausrichten können. Das „widerwärtige Geschehen in der Nacht vom 9.auf den 10. November 1938“ – Gerade meint den Brand der Synagoge und den Mord an Synagogenwächter Siegfried Nußbaum durch SS-Schergen –habe die Schulgemeinschaft nur gefestigt im „Wunsch nach Distanz gegenüber allem Parteigeschehen“.

Historiker Frassl nimmt die Zeit anders wahr. Er hat den Schriftverkehr in der vierjährigen Auseinandersetzung, was mit dem Jacobstempel passieren sollte, ausgewertet und kommt zu der Erkenntnis: „Der Geschichts- und Deutschlehrer weiß die NS-Sprache zielsicher einzusetzen.“ Im Gegensatz übrigens zum Bauamt, das in der Regel eher sachlich argumentiert habe.

In seinen Briefen ist demnach die Rede von einer befremdlichen und störenden jüdischen Kultstätte inmitten des Schulhofes einer nationalsozialistischen Anstalt. Die unlieben Spuren der Vergangenheit seien zu tilgen aus der Pflanzstätte für den Geist der nationalsozialistischen Bewegung. Es ärgert Gerade, dass das Image seiner Schule als Judenschule immer noch unausrottbar sei, obwohl doch schon seit 1935 das Schülerheim völlig judenfrei sei.

Im Februar 1936 meldete Gerade stolz, dass 90 Prozent aller Schüler in der Hitler-Jugend organisiert seien. Im Oktober desselben Jahres zwingt er nach eigenen Angaben „zwei von jüdischem Blut durchsetzte, wenn auch als arisch geltende Schüler“ zum Verlassen der Schule. Der Tempel? Ein Fremdkörper, ein wesensfremdes Bauwerk, ein Überbleibsel aus verklungenen Zeiten, das den Lebenswirklichkeiten der Gegenwart und dem gesunden Volksempfinden, ... den heutigen Grundanschauungen des Deutschen Volkes zuwider sei. Der Direktor sieht den Judentempel als Teil eines besonders ärgerlichen Reliktes einer überwundenen Epoche, das uns Platz und Sonne raubt, nicht nur räumlich, sondern auch geistig-seelisch als Zeichen der jüdisch-rationalistischen Geisteshaltung – so weit die Zitate bei Frassl.

In besagter Seesener Festschrift versichert Gerade dagegen 1951: „In einer Zeit der Überforderung des Menschen durch eine unmenschliche Ideologie habe ich versucht, in allen Entscheidungen die Menschlichkeit zu bewahren.“ Am 26. August 1939 für sechs Jahre und einen Monat per Einberufungsbescheid „in soldatische Pflicht genommen“ und im Krieg schwer verwundet, war er nach Dr. Hans Gidion, ehemaliger Schüler und Lehrer am RG, der 1969 im Verlag der Goslarschen Zeitung seine „Geschichte des Ratsgymnasiums Goslars“ herausbrachte, am 1. April 1949 ins Goslarer RG-Kollegium eingetreten.

Nachdem Gidion selbst nach der Pensionierung von Dr. Werner Brökelschen am 29.März 1952 die Schule zunächst kommissarisch geleitet hatte, wurde Gerade am 21. April desselben Jahres ins Amt eingeführt und am 29. August bestätigt. Als er am 25.März 1959 in den Ruhestand ging, schreibt Gidion von einem „hochgeehrten und geliebten Schulleiter“ und einer „erfolgsgesegneten Amtsführung“ in Goslar.

In der Tat sind nur lobende Worte von diesem Tag überliefert. Für das Lehrerkollegium etwa erklärte Oberstudienrat Herbert Gerberding: „Sie verlangten Gehorsam und erzogen zur Freiheit. Sie waren der historischen Vergangenheit verpflichtet und bauten an einer neuen Welt der Zukunft.“

Für die Schülerschaft ergriff Abiturient Werner Schrader das Wort, der nach Gidion das Bild des „verehrten Deutsch- und Geschichtslehrers“ abgerundet habe. Gerade habe es in unvergesslicher Weise verstanden, „sich in die geistige Situation der Jugend zu versetzen“. Er sei nie der Gefahr erlegen, zum reinen Schulmeister zu werden, und habe es mit den Werten des abendländischen Kulturerbes wirklich ernst gemeint. Für Goslar mag das vielleicht stimmen. Hinter Gerades Seesener Zeit stehen jedoch dicke Fragezeichen.

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