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Eishockey-Nationalmannschaft

Seider schimpft: DEB taumelt ein Jahr vor der Heim-WM

Symbolträchtig: Deutschlands Torhüter Philipp Grubauer liegt auf dem Eis.

Symbolträchtig: Deutschlands Torhüter Philipp Grubauer liegt auf dem Eis. Foto: Andreas Becker/Keystone/dpa

Kapitän Moritz Seider redet Klartext, der Eishockey-Bundestrainer steht in der Kritik und die Heim-WM vor der Tür: Wie geht es nach dem enttäuschenden Vorrunden-Aus in der Schweiz weiter?

Von Tobias Brinkmann, dpa Dienstag, 26.05.2026, 14:50 Uhr

Zürich. Das Ziel erneut verpasst, eine schlechte Außendarstellung und keine Euphorie: Das Vorrunden-Aus der Eishockey-Nationalmannschaft sorgt ein Jahr vor der Heim-WM für Ernüchterung. „Jeder Einzelne muss sich jetzt hinterfragen“, forderte Kapitän und NHL-Star Moritz Seider und schimpfte: „Es war nicht komplett verschenkte Zeit. Aber wir haben uns sehr, sehr viel vorgenommen und werden unserem Standard leider nicht gerecht.“ 

Der Vize-Weltmeister von 2023 hat in der Schweiz erneut das Viertelfinale verpasst - die letzte Hoffnung auf einen Patzer Lettlands gegen Ungarn (8:1) erfüllte sich am Dienstag nicht. Es wird nun einiges auf den Prüfstand kommen, auch die Zukunft von Bundestrainer Harold Kreis.

Bundestrainer Harold Kreis steht in der Kritik.

Bundestrainer Harold Kreis steht in der Kritik. Foto: Michael Buholzer/KEYSTONE/dpa

Die Trainerfrage wollte Christian Künast noch nicht beantworten. Der Sportvorstand des Deutschen Eishockey-Bundes kündigte Gespräche nach dem Turnier in Zürich und Fribourg an. „Wie in jedem Jahr machen wir eine Analyse. Bevor wir nicht analysiert haben, brauche ich diese Frage nicht beantworten“, erklärte Künast. Ein deutliches Bekenntnis zu Kreis sieht anders aus. Ein uneingeschränktes ‚Weiter so‘ darf es nicht geben.

Dritter Rückschlag hintereinander

Bei seinem Einstand 2023 verzauberte Kreis Eishockey-Deutschland mit der Vize-Weltmeisterschaft. Ein Jahr später kam das Aus im Viertelfinale gegen die Schweiz. Danach ging es bergab. Erst gab es das Vorrunden-Aus bei der WM 2025, danach bei Olympia ein schwaches 2:6 im Viertelfinale gegen die Slowakei - trotz sämtlicher NHL-Cracks um Superstar Leon Draisaitl. In Mailand war das Team keine Einheit. Alles blickte auf die NHL-Stars. Kreis machte Draisaitl zum Kapitän und sorgte nicht nur beim langjährigen Anführer Moritz Müller für Ärger. Nun der nächste Rückschlag in Zürich.

Nur gegen die Außenseiter Ungarn, Österreich und Großbritannien gelangen der DEB-Auswahl Siege. „Das ist schon sehr, sehr bitter, weil ich dachte, dass in der Kabine echt ein guter Kern ist. Aber mit so vielen Geschenken für den Gegner kannst du nicht hoffen, weiterzukommen“, sagte Seider.

NHL-Torhüter Philipp Grubauer und sein Team kämpften gegen die US-Amerikaner, mussten sich aber geschlagen geben.

NHL-Torhüter Philipp Grubauer und sein Team kämpften gegen die US-Amerikaner, mussten sich aber geschlagen geben. Foto: Andreas Becker/KEYSTONE/dpa

Müller widerspricht Künast

Einen negativen Trend beim DEB sieht Künast derzeit nicht. „Wenn wir fünf oder sechs Jahre irgendwo herumdümpeln, wäre es ein Rückschritt“, erklärte er. „Wir sind eine Nation, die in der Weltrangliste zwischen Platz sieben und zwölf steht.“

Widerspruch gibt es von Müller: „Ich würde das gar nicht so akzeptieren, dass man sagt, man ist irgendwo zwischen 7 und 12“, erklärte der Kölner bei MagentaSport. Der 39-Jährige agierte in der Schweiz als TV-Experte, nicht auf dem Eis. „Wir bauen ja gerade was auf in Deutschland, das Produkt wird immer besser. Warum können wir nicht sagen, wir wollen eine Mannschaft sein, die ins Halbfinale kommt?“

Der langjährige Kapitän Moritz Müller übt Kritik am DEB.

Der langjährige Kapitän Moritz Müller übt Kritik am DEB. Foto: Carolyn Kaster/AP/dpa

Er ergänzte: „Es gibt ja immer wieder diese Lippenbekenntnisse: Ja, ja, wir machen das. Aber was wird eigentlich dafür wirklich getan in Deutschland, damit die Nationalmannschaft um diese Plätze mitspielen kann? Wenn man da mal in die Analyse geht und wirklich schaut, was da besser laufen kann – da machen wir wirklich die Büchse der Pandora auf“, betonte Müller. Aktuell gebe es die Struktur beim DEB allerdings nicht her, monierte er.

Neidischer Blick zum Nachbarn

Fast schon ehrfürchtig blickt er auf WM-Gastgeber Schweiz - vor drei Jahren noch auf Augenhöhe mit dem DEB, nun WM-Favorit. „Vorbild bedeutet ja, wir würden dem Ganzen nacheifern. Das tun wir ja gar nicht so wirklich“, erklärte der Abwehrspieler. „Also wir können eigentlich nur bewundern, wie die das hinbekommen haben. Aber die wirklich mal als Vorbild zu nehmen, wäre eigentlich eine gute Idee.“

Auch Sportvorstand Christian Künast steht in der Kritik.

Auch Sportvorstand Christian Künast steht in der Kritik. Foto: Sebastian Kahnert/dpa

Künast muss sich nach der nächsten Enttäuschung Kritik gefallen lassen. Die Worte von Draisaitl an den DEB wegen der Rahmenbedingungen bei Olympia waren deutlich. Auch die Außendarstellung wirkte zuletzt teilweise fahrig. Im Vorfeld gab es zahlreiche Absagen von NHL-Stars wie Draisaitl und auch DEL-Profis. „Dass man sich als Verband nach so einer WM hinterfragt, ist auch klar – und das muss passieren“, forderte Müller. „Und ich hoffe, es passiert auch. Und dass da miteinander gesprochen wird: Wie schaffen wir es, hier wieder etwas aufzubauen, wo jeder gerne hinkommt?“

Kapitän Moritz Seider sprach nach dem WM-Aus Klartext.

Kapitän Moritz Seider sprach nach dem WM-Aus Klartext. Foto: Andreas Becker/Keystone/dpa

Langfristig, so Künast, wird der DEB Strukturen in der Nachwuchsausbildung weiter anpassen und mit Inhalten befüllen. „Es gibt genug Leute, die eine Vision haben, was das deutsche Eishockey angeht. Ich kenne viele, denen es in den Fingern juckt, wenn man an das deutsche Eishockey denkt“, betonte Routinier Müller. „Ich glaube, die Zeit ist reif – und das sage ich jetzt auch schon eine Weile –, dass sich alle Akteure vielleicht mal an einen Tisch setzen.“

Damit die Heim-WM 2027 nicht die nächste Enttäuschung wird. „Wir haben nächstes Jahr ein sehr, sehr großes Privileg, mit einer unheimlich tollen Chance zu Hause wieder in die richtige Spur zu kommen“, erklärte Seider.

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