Symbiosen, also das Zusammenleben zum gegenseitigen Nutzen, hat sich auch die Natur immer schwer erarbeiten müssen. Und es hat immer eine evolutionäre Zeitspanne gebraucht, bis der Putzerfisch dem Hai gefiel, weil der den zahnhygienischen Nutzen seines ständigen Begleiters auch erst kapieren musste. Seitdem reagiert der Hai nicht mehr ungehalten, wenn der kleine Mitesser ihm übers Maul fährt.
So ähnlich ist’s halt auch bei uns Menschen: wir wollen zwar mehrheitlich die Fusion mit Vienenburg, sie aber von Angesicht zu Angesicht zu gestalten, ist schwierig. Da kann es schon mal passieren, dass man sich gegenseitig übers Maul fährt. Denn das ist seit der Ratswahl am 9. März sichtbar: Die neue Mixtur der Räte hat so ihre Mühe miteinander. Es raucht und faucht in den Fraktionen von CDU und SPD. Auch, weil es ja um Posten und Pöstchen geht.
Es ist ein Irrglaube, uns glauben zu machen, die noch zu besetzende Position des Ersten Stadtrates sei kein Verhandlungsgegenstand. Natürlich ist sie das. Es ist ein Personalthema allererster Güte. Schließlich wurde Burkhard Siebert bereits als vorübergehender Stellvertreter des Verwaltungschefs in Stellung gebracht. Wenn also in diesen Tagen Bürgermeisterposten, Ratsvorsitz und Ausschuss-Besetzungen im personalen Ränkespiel der „Großen“ ausgehandelt werden, so sollte man die Wiederbesetzung des Ersten Stadtrates unbedingt einbeziehen. Und auch die des Kämmerers, der ja auch der Reinstallation bedarf, seit der alte durch Fehlverhalten abhanden gekommen ist.
Wenn sich also CDU-Räte dieser Tage vergnügt auf die Schenkel klopfen, weil sie meinen, mit zwei Bürgermeistern (von künftig drei), dem Ratsvorsitzenden, wichtigen Ausschuss-Leitungen, vier Verwaltungsratssitzen und dem CSU-Oberbürgermeister als dauerstechenden Trumpf habe man die SPD personaliter über den Tisch gezogen, könnten sie sich zu früh freuen: Am Ende, so die selbst erfüllende Prophezeiung, könnte die SPD stärker denn je dastehen, weil sie fast auf Augenhöhe mit dem OB den Ersten Stadtrat stellt, dazu einen Bürgermeister und etliche Ausschuss-Vorsitzende. Und dabei gähnend auf den Ratsvorsitz verzichtet, weil der eben kein so machtvolles politisches Amt darstellt.
Die großen Fraktionen sind stark mit sich selbst beschäftigt. Bei der SPD waren es vor der Ratswahl zwei Fraktionen, bestehend aus der Saipa-Truppe auf der einen und der Politz-Gruppe auf der anderen Seite. Der nicht ganz freiwillige Rückzug Alexander Saipas vom Fraktionsvorsitz hat daran nichts geändert. Aber jetzt sind noch die Vienenburger Genossen hinzugekommen und die stellen einen eigenen starken Interessenverbund dar. Das Erstarken der SPD im Goslarer Rat ist neben den Stimmen aus Oker auch den guten Vienenburger Ergebnissen zu verdanken.
Für Grummeln soll gesorgt haben, dass die neue Fraktionschefin Urte Schwerdtner bereits mit der CDU verhandelte, bevor sie überhaupt einen Auftrag dazu hatte. Die ehemals Parteilose, die mittlerweile ihren Genossenschaftsantrag in die SPD gestellt hat, muss sich halt noch an die Gepflogenheiten gewöhnen und daran, dass die Saiparatisten ihr Handeln mit Argwohn begleiten. Denn die sehen Schwerdtner als eine Schöpfung von Gerd Politz im Auftrage des Herrn, und der heißt in Goslar immer noch Sigmar Gabriel.
In der CDU ist es nicht so viel anders. Neben einer gewissen Selbstgefälligkeit (was ich immer für gefährlich halte), weil stärkste Fraktion geblieben, hat auch die CDU an der Bereicherung durch die Vienenburger Räte zu knabbern. Einige hielten Lorbeer bekränzt Einzug in die Fraktion, weil sie in der Wahlnacht mächtige Stimmenbeute gemacht hatten. Dies wurde mit der Zusage des dritten Bürgermeisterpostens an Almut Broihan mittlerweile belohnt. Aber Ratsvorsitzender Peter Jordan ist immer noch im Adrenalin-Allzeithoch: er würde es seiner Fraktion mehr als verübeln, wenn sie sein Amt dem Gegner opfern würde.
Zum Schluss mein herzlicher Rat an alle Putzerfische in der Politik: es ist immer noch besser, den Haien bisweilen übers Maul zu fahren als ihnen nach demselben zu reden. Dem Element der Fische folgend wäre das ja eh nur Geblubber…