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Goslarer Musikpreis in Hahnenklee

GZ Plus IconGoldener Ton: Auch der Saal heißt nicht mehr nach Paul Lincke

Bald Vergangenheit: Das Schild verschwindet, weil der Paul-Lincke-Saal eigentlich gar nicht Paul-Lincke-Saal, sondern nur Kursaal heißt.

Bald Vergangenheit: Das Schild verschwindet, weil der Paul-Lincke-Saal eigentlich gar nicht Paul-Lincke-Saal, sondern nur Kursaal heißt. Foto: Privat

Sven Regener erhält am Samstag den ersten Goldenen Ton in der Goslarer und Hahnenkleer Musikpreisgeschichte. Vorher verschwindet aber noch das Schild, das den Kursaal als Paul-Lincke-Saal ausweist – fälschlicherweise, wie die Stadt Goslar sagt.

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Von Frank Heine
Mittwoch, 29.10.2025, 14:00 Uhr

Hahnenklee. Und plötzlich heißt der Paul-Lincke-Saal nicht mehr Paul-Lincke-Saal: Der in Bremen aufgewachsene Musiker, Schriftsteller und Drehbuchautor Sven Regener erhält am Samstag den neuen Goldenen Ton im Kursaal des Kurhauses. Das Schild, das den Raum bislang als Paul-Lincke-Saal ausweist, wird laut Stadt-Sprecherin Daniela Siegl am Donnerstag entfernt, wenn der Aufbau fürs Wochenende beginnt. Und es soll auch nie wieder aufgehängt werden.

Aus Sicht der Goslarer Stadtverwaltung ist dieser Schritt nur konsequent. Während der Neuausrichtung des Goslarer Musikpreises sei auch der bisherige Name des Saals im Kurhaus ins Auge gefallen. „Dabei konnte nicht belegt werden, dass eine offizielle Benennung oder ein entsprechender Beschluss zur Namensgebung jemals erfolgt ist“, heißt es in einer Mitteilung der Verwaltung. Der Saal trage daher künftig die Bezeichnung „Kursaal“.

Was ist mit Wilhelm Ripe?

Die Mitteilung ist eine Reaktion auf GZ-Berichte in dieser Woche, die die Feierstunde im Paul-Lincke-Saal des Kurhauses angekündigt hatten. Was im selben Wissen geschehen ist, wie offizielle Mitteilungen der Stadt Goslar etwa zu Sitzungen des Hahnenkleer Ortsrates im Paul-Lincke-Saal. Nach dem Ringnamen ist jetzt auch der Raumname Vergangenheit. War dies den Akteuren bekannt?

„Es gibt in Hahnenklee den Wilhelm-Ripe-Saal und den Kursaal“, antwortet Ortsbürgermeister Heinrich Wilgenbus (CDU) kurz und knapp. Was dennoch zwei Facetten hat: Denn auch der Ripe-Saal im lange nicht mehr genutzten Kurmittelhaus dürfte nach ähnlichem Procedere aus dem Stand und nicht per offiziellem Beschluss seinen Namen erhalten haben – und zwar schon im vergangenen Jahrhundert. Notiz am Rande: Im Ripe-Saal findet traditionell und auch jetzt am Samstag die Pressekonferenz mit Preisträger statt. Der im Hahnenkleer Schulhaus geborene Maler und Grafiker, der später unter anderem als Zeichenlehrer am Goslarer Ratsgymnasium wirkte, ist aber auch politisch unverdächtig und mit seiner Vita im 19. Jahrhundert verortet. Eile scheint nicht geboten. War noch was? „Weder Schild noch Gebäude liegen mir am Herzen“, schiebt Wilgenbus auf die GZ-Anfrage nach.

Der Ortsbürgermeister ist wie Martin Mahnkopf Mitglied der Jury. „In der Diskussion im Paul Lincke wurden immer wieder auch der Saalname und der Paul-Lincke-Platz hinterfragt“, bestätigt der Vorsitzende des Goslarer Kulturausschusses. Ihn wundert es deshalb nicht, dass jetzt auch das Schild entfernt werde. „Ich finde das auch nur konsequent“, sagt Mahnkopf, auch wenn er den konkreten Zeitpunkt des Abhängens nicht gewusst habe. Hinsichtlich weiterer noch existierender Bezüge zu Lincke in Hahnenklee verweist die Stadtverwaltung auf geplante Maßnahmen zur beschlossenen Erinnerungskultur. „Diese sieht unter anderem die Errichtung einer Stele vor, die sich differenziert mit der Person Paul Lincke und seiner Rolle während der NS-Zeit auseinandersetzen wird“, heißt es in einer Mitteilung. Des Weiteren gelte es über die Umbenennung des Musikpreises hinaus, die früheren Preisträger entsprechend zu würdigen.

Um die 50 Mitglieder verloren

Die lange und intensive Diskussion um Paul Lincke als Namensgeber für den Musikpreis hat im Ort ohne Zweifel Spuren hinterlassen. Der Freundeskreis Paul-Lincke-Ring, der wie berichtet am 10. Oktober seine Umbenennung in Freundeskreis Goldener Ton beschlossen hat, hat rund 50 Mitglieder verloren, wie Vorsitzende Almuth Ahrendts bestätigt. „Aber wir sind auch noch um die 240“, bekräftigt sie.

Aus dem Ortsrat hatten vor allem Ulrich Bierbaum (CDU) und Max Kühl (SPD) ihre Unzufriedenheit mit der Abkehr von Lincke zum Ausdruck gebracht. Bierbaum kann sich nicht mit Regeners kommunistischer Vergangenheit anfreunden. „Als alter Westberliner habe ich erlebt, wie auf Menschen an der Mauer geschossen wurde“, sagt Bierbaum. Er macht seinen Protest durch Nichtteilnahme am Samstag deutlich. Kühl wiederum zeigt sich verwundert, dass sein Name im Kurort zuletzt immer wieder hartnäckig im Zusammengang mit einer Protestaktion genannt wurde. „Wenn ich hätte protestieren wollen, hätte ich das richtig gemacht und eine Kundgebung angemeldet“, erklärt er. Eigentlich habe er am Samstag fernbleiben wollen. Nach dem „Tohuwabohu“ zuletzt will er jetzt jedoch zum Festakt gehen und deutet Pläne für einen neuen eigeninitiierten Preis fürs nächste Jahr an.

Parkstraße zum Wochenende frei

All dies tut dem Interesse an der Preisverleihung aber offenkundig keinen Abbruch: Der Festakt, der um 14 Uhr beginnt, ist laut Pressemitteilung vollständig ausgebucht. Ohne Anmeldung gehe nichts mehr. Einlass am Samstag ist um 13 Uhr. Noch vor dem langen Wochenende wird demnach die baustellenbedingte Umleitung auf der Hauptverkehrsader des Ortes aufgehoben und die Parkstraße bis zum Hindenburgplatz wieder für den Verkehr freigegeben. Weil das Parkplatzangebot in direkter Nähe zum Kurhaus begrenzt ist, wird die Nutzung der Parkplätze in fußläufiger Entfernung zum Kurhaus empfohlen. Das sind der Ausweichparkplatz am Ortseingang rechts, die Parkplätze am Ortseingang entlang der Parkstraße sowie der Schotterparkplatz an den Teichwiesen und der Großparkplatz an der Stabkirche.

Meine Meinung

Frank Heine

Frank Heine Foto: Privat

Goslarer Schilderstürmer

Auf der Zielgeraden wird es holprig: Nach einem in weiten Teilen vorbildlich moderierten und gut organisierten Beteiligungsprozess, wie mit dem bis dato als Paul-Lincke-Ring benannten Musikpreis umzugehen ist, verlaufen die letzten Meter des Weges eher holterdiepolter. Zwei Tage vor der Verleihung des ersten Goldenen Tones an Sven Regener soll das Schild über dem Kursaal abgehängt werden, das den Festraum seit mehr als zweieinhalb Jahrzehnten als Paul-Lincke-Saal ausweist. Weil er nach Recherchen des Kulturfachbereiches nie so geheißen hat beziehungsweise offiziell benannt wurde. Okay. Aber warum erfährt die Hahnenkleer Welt dieses angebliche Detail durch die Hintertür? Und was ist mit im Kurort kolportierten Überlegungen aus Goslar, den neuen Preisträger nach der Verleihung möglichst ohne (Sicht-)Kontakt zum Paul-Lincke-Platz mit der Paul-Lincke-Büste in die Stabkirche zu geleiten?

Um es abzukürzen: Es ist Regeners Verdienst, mit seiner konsequenten Weigerung, einen Ring anzunehmen, der nach einem großartigen Komponisten, aber eben auch nach einem Goebbels-Kuschler und Nazi-Profiteur benannt ist, eine Aufarbeitung angestoßen zu haben, die überfällig war, deren Ergebnis aber auch nicht allen gefällt - und nicht gefallen muss. Argumente pro und Argumente kontra gibt es immer, am Ende ist aber nur eine Lösung möglich. Was nun mit weiteren Lincke-Spuren im Stadtbild passieren soll, bleibt aufzuarbeiten. Nicht in Goslarer Büros und Archiven. Sondern mit Hahnenkleer Aktiven. Jetzt mit einer Schilderstürmerei kurzfristig Fakten zu schaffen, wirkt wenig souverän, eher anbiedernd und als Akt vorauseilenden Gehorsams, ohne dass jemand diesen Gehorsam verlangt hätte. Was ist mit dem Goslarer und Oberharzer Selbstbewusstsein?

Vielleicht noch ein Tipp am Rande, wo die Kultur gerade so eifrig am Recherchieren ist: Direkt neben dem Kurhaus, in dem der nicht mehr Paul-Lincke-Saal heißende Zeremonienraúm untergebracht ist, gibt es in Hahnenklee den Hindenburgplatz mit angrenzender Hindenburgstraße. Vielleicht sollte jemand am Samstag die Straßenschilder mit einem Tuch abdecken, damit sich niemand an deren Namensgeber reibt? Verglichen mit dem früheren Generalfeldmarschall und Reichspräsidenten, der Adolf Hitler 1933 die Tür zur Reichskanzlei öffnete, ist Lincke ein maximal zartbraun gefärbter Waisenknabe…

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