Windkraft-Streit zwischen Rat und Bürgermeister findet kein Ende
Wie viele Windkraftanlagen verträgt Bad Harzburg? Und wo sollen sie stehen? In Bad Harzburg sind Politik und Bürgermeister nach wie vor uneins. Foto: Jens Büttner/dpa (Symbolbild)
Der Regionalverband hat um Stellungnahmen zur Windkraftplanung gebeten und bekommt aus Bad Harzburg gleich drei mehr oder weniger offizielle: eine von der Verwaltung, zwei von den großen Ratsfraktionen. Und in jeder steht etwas anderes.
Bad Harzburg. Mit gut 1000 Stellungnahmen rechnet der Regionalverband Großraum Braunschweig zum „sachlichen Teilprogramm Windenergie“, in dem die Flächen ausgewiesen werden, auf denen Windkraftanlagen gebaut werden können. Drei Stellungnahmen aus Bad Harzburg sind dabei besonders bemerkenswert: Nicht so sehr, weil es sie gibt, das ist durchaus legitim. Aber die Beziehungen der Verfasser zueinander ist besonders: Eine Stellungnahme kommt von der Stadt Bad Harzburg, eine von der Ratsgruppe SPD/FDP/Wählergemeinschaft und eine von der Ratsgruppe CDU/Grüne/Freie Wähler. Und ebenso bemerkenswert sind die Inhalte. Sie sind mitunter völlig diametral und zeigen, wie uneins Bad Harzburg in Sachen Windenergie ist.
In den vergangenen Wochen hatten Kommunen und auch Privatleute die Möglichkeit, sich beim Großraumverband zu der Entwurfsplanung zu äußern. Die Abgabefrist endete am Freitag. Wie viele Stellungnahmen genau in Braunschweig eingegangen sind, muss erst ermittelt werden. Doch Regionalverbands-Pressesprecherin Gisela Noske spricht vom unteren vierstelligen Bereich, also um die 1000. Wie lange die Auswertung dauern wird, könne man ebenfalls nicht sagen, von heute auf morgen jedenfalls wird das nichts. Danach geht die gegebenenfalls überarbeitete Planung in den weiteren Entscheidungsprozess. Das dauert also alles noch.
Hat Abrahms richtig gehandelt?
Die Harzburger jedenfalls haben ihre Duftmarken gesetzt. Aber warum taten das zwei Fraktionen UND die Stadt? Die Stellungnahme der Verwaltung ist den Ratsmitgliedern am Mittwoch nach der Ratssitzung zugestellt worden. Zeitgleich ging sie nach Braunschweig. Im Rat war sie nicht behandelt worden. Die SPD-Gruppe findet das alles andere als lustig und eigentlich auch nicht legitim. Dass sie nun selbst eine Stellungnahme erarbeitet habe, sei allein der Tatsache geschuldet, dass die Verwaltung der Stadt den Rat nicht beteiligt habe, schreibt die SPD-Gruppe in ihrer Ausarbeitung an den Verband. In anderen Kommunen gäbe es eine gemeinsame Stellungnahme von Verwaltung und Rat, in Bad Harzburg bedauerlicherweise nicht. Das sei nach Ansicht der SPD-Gruppe rechtlich nicht zulässig.

Bürgermeister Ralf Abrahms wiederholt seit Monaten im Rat gebetsmühlenartig, dass sich die Stadt nicht von Windkraftanlagen umzingeln lassen soll. Foto: Schlegel
Abrahms sieht in dem Verfahren nach wie vor „Lobbyarbeit der SPD“.
Die Meinung des Landkreises
Das hatte er übrigens jüngst auch schon angesichts der Stellungnahme des Landkreises unterstellt. Die war übrigens tatsächlich in den politischen Gremien besprochen und beschlossen worden. Mit einem Inhalt, der Bad Harzburgs Bürgermeister gar nicht gefiel. Denn der Landkreis (die GZ berichtete) regt in seiner Stellungnahme an, die vom Großraumverband nur im kleinen Umfang vorgesehenen Flächen in Harlingerode, nördlich des Gewerbegebietes, wesentlich auszuweiten. Der Kreistag folgte mit SPD-Mehrheit dieser Marschrichtung, dagegen stimmte unter anderem die CDU.
Die Meinung der Verwaltung
Aber was steht nun in den drei Bad Harzburger Stellungnahmen von Verwaltung und Ratsgruppen? In zweien nichts Überraschendes. Die Stadt, also der Bürgermeister, listet noch einmal alle Argumente auf, die gegen den Windpark in Harlingerode und den in Bettingerode, der für ihn überraschend vom Großraumverband eingeplant wurde, sprechen. Wenn da am Ende 35 Windräder stehen würde, wäre Bad Harzburg regelrecht umzingelt. Bad Harzburg habe durch die Planungen des Großraumverbandes Windenergieflächen von 278 Hektar. Pro Verbandsmitglied gäbe es eine Kappungsgrenze von vier Prozent der Gemeindefläche für Windenergie. Durch die Planungen seien es aber schon 4,2 Prozent. Verschärft werde die Situation durch die Tatsache, dass Bad Harzburg 2900 Hektar Waldfläche habe, die man nach Abrahms Ansicht nach also nicht zum Stadtgebiet dazuzählen könne, weil sie nicht bebaubar seien. Stadt und Freifläche seien also eigentlich nur 3650 Hektar groß, 278 Hektar Windenergie seien also 7,6 Prozent.
Michael Riesen. Foto: Privat
Die Meinung der SPD-Gruppe
Keine neue Argumentationskette also, genauso wie die der SPD-Gruppe. Die hält sich in ihrer Stellungnahme kurz und knapp und möchte, dass der Großraumverband die Vorrangfläche in Harlingerode wesentlich größer ausweist, also so groß, wie die Planungen für den Energiepark sind. Er werde zur Stabilität und Attraktivität der regionalen Wirtschaft beitragen. In der Summe gebe es gute Argumente, die Potenzialfläche zu vergrößern. Wohingegen die Fläche Westerode/Bettingerode noch einmal überprüft werden sollte. Man müsse an die Lochtumer Bürger denken, die ja bereits im Norden eine Fläche mit Windanlagen bekommen. Die Frage wäre, ob die Kombination mit der Westeröder/Bettingeröder Fläche im Süden zumutbar wäre.
Die Meinung der CDU-Gruppe
Und wie steht die CDU-Gruppe zu den Planungen des Großraumverbandes? In den vergangenen Monaten war die Gruppe mitunter einen Schlingerkurs gefahren. Sie war mal für, mal gegen Harlingerode in der großen Energiepark-Variante, wie sie die SPD möchte.
Die CDU um Hans-Peter Dreß (l.) und die SPD (r. Henning Franke) prallen mit ihrer Meinungen zur Windkraft im Rat öfter aufeinander. Foto: Schlegel
Meine Meinung
Schnee von gestern, Schnee von morgen

Holger Schlegel Foto: GZ
Doch der Blick in die Vergangenheit, auch wenn er für manchen unangenehm sein mag, lohnt. Im November hatte der Regionalverband seine Planung veröffentlicht. Anfang Dezember wollte die CDU auch in Person ihres Fraktionsvorsitzenden daraufhin die Energiepark-Flächen in Harlingerode ausweisen lassen, und dafür eine gleich große in Bettingerode wegfallen lassen. Quasi ein Tausch. In der Verbandsversammlung des Regionalverbandes stimmte Dreß zwei Tage später dann aber doch wieder für die Flächen in Bettingerode und nur noch für den Restzipfel in Harlingerode.
Drei Tage später begrub die Harzburger CDU-Fraktion die Flächentausch-Idee wieder. Der ursprüngliche Zweck des Antrags (pro Harlingerode) habe sich mittlerweile erledigt, begründete Dreß und sagt heute: „Schnee von gestern, kann man streichen.“
Haben das jetzt alle verstanden? Nein? Kein Wunder. Muss man auch nicht mehr. Das ist nämlich irgendwie wirr. Aber egal, jetzt liegt ja wohl die endgültige Meinung der Bad Harzburger CDU vor: Reduzierung der Bettingeröder Fläche. In der Nutzen-Risiko-Abwägung punktet Harlingerode. Aber Bad Harzburg brauche diese Fläche nur in der kleinen, vom Regionalverband vorgesehenen Version.
Wobei die Abwägung der CDU dermaßen positiv für Harlingerode ausfällt, dass man da fast schon ein Hintertürchen erspähen könnte. Falls die CDU doch irgendwann wieder die Harlingeröder Fläche vergrößert haben möchte, wie im Dezember. Aber das wäre eine böse Unterstellung, Schnee von morgen sozusagen. Aber der kann übermorgen schon wieder Schnee von gestern sein.